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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Ottos III. Kaisertum
Ostens, die von jeher nicht müde wurden, den Dienst Gottes und der
Heiligen für die vornehmste Aufgabe ihrer Regierung zu erklären. Da-
mit aber war dem Papst von vornherein seine Stellung in dem kirchlich
erneuten Reich zugewiesen: wie im Osten der Patriarch von Konstanti-
nopel, war er als Reichspatriarch des Westens Oberhaupt der Reichs-
kirche, ein Werkzeug der Regierung, der kirchliche Exponent des
Kaisertums.

Daß Otto so dachte, hat er mit Wort und Tat zu erkennen gegeben.
Unverblümt sprach er davon, er habe Gerbert-Silvester zum Papst
erwählt und eingesetzt, rücksichtslos kraft allerhöchsten Beliebens wies
er ihm die Grenzen seiner Landesherrschaft zu. Sie waren streitig seit
langem. Niemals war die große Schenkung Ottos I. (962) in Kraft
gesetzt worden, weder Otto II. noch Otto III. hatten sie bestätigt. Das
Gebiet von Ravenna, die Romagna, wie es heute heißt, das Otto I.
967 dem Papst überlassen hatte, war von diesem nicht behauptet worden,
schon Johannes XV. hatte es dem Erzbischof der Stadt abtreten müssen.
Die Emilia -- Bologna, Jmola, Faenza -- scheinen längst im italischen
Königreich aufgegangen und von den Päpsten aufgegeben gewesen zu
sein. Nur um den südlichen Teil des alten Exarchats, die einstige
Pentapolis, später Mark von Ancona genannt, wurde noch gekämpft.
Otto III. entschied den Streit, indem er alle Rechtsansprüche des Papstes
kurzweg beiseiteschob. Jn einer Urkunde, die in jeder Zeile den Kaiser
selbst als Verfasser verrät, beschuldigte er die Päpste, aus Sorglosigkeit
und Unwissenheit verschleudert zu haben, was Rom, das Haupt der
Welt und die Mutter der Kirchen, besessen habe. Dann, als ihre Kirche
so weit heruntergekommen, hätten sie sich zu helfen gesucht, indem sie
einen großen Teil des Reiches für sich in Anspruch nahmen, als ob das
Kaisertum schuld an ihrem Niedergang gewesen wäre. Mit Hilfe von
Betrug hätten sie ihren Zweck verfolgt. Durch eine mit goldenen Lettern
geschriebene angebliche Urkunde Konstantins habe jener Diakon Jo-
hannes mit den verstümmelten Fingern -- es ist der Kardinal, der den
Vertrag mit Otto I. schloß und später dafür büßen mußte -- der Lüge
die Beglaubigung hohen Alters zu geben versucht. Ebensolche Erfindung
sei es, wenn ein gewisser Karl -- wir erkennen Karl II. und die Schen-
kung von Ponthion -- kaiserliche Rechte dem Papst abgetreten, da
er doch, von einem bessern Karl vertrieben -- gemeint ist Karl III. --
nicht habe geben können, was er selbst nicht besaß. Diese erfundenen

Ottos III. Kaiſertum
Oſtens, die von jeher nicht müde wurden, den Dienſt Gottes und der
Heiligen für die vornehmſte Aufgabe ihrer Regierung zu erklären. Da-
mit aber war dem Papſt von vornherein ſeine Stellung in dem kirchlich
erneuten Reich zugewieſen: wie im Oſten der Patriarch von Konſtanti-
nopel, war er als Reichspatriarch des Weſtens Oberhaupt der Reichs-
kirche, ein Werkzeug der Regierung, der kirchliche Exponent des
Kaiſertums.

Daß Otto ſo dachte, hat er mit Wort und Tat zu erkennen gegeben.
Unverblümt ſprach er davon, er habe Gerbert-Silveſter zum Papſt
erwählt und eingeſetzt, rückſichtslos kraft allerhöchſten Beliebens wies
er ihm die Grenzen ſeiner Landesherrſchaft zu. Sie waren ſtreitig ſeit
langem. Niemals war die große Schenkung Ottos I. (962) in Kraft
geſetzt worden, weder Otto II. noch Otto III. hatten ſie beſtätigt. Das
Gebiet von Ravenna, die Romagna, wie es heute heißt, das Otto I.
967 dem Papſt überlaſſen hatte, war von dieſem nicht behauptet worden,
ſchon Johannes XV. hatte es dem Erzbiſchof der Stadt abtreten müſſen.
Die Emilia — Bologna, Jmola, Faenza — ſcheinen längſt im italiſchen
Königreich aufgegangen und von den Päpſten aufgegeben geweſen zu
ſein. Nur um den ſüdlichen Teil des alten Exarchats, die einſtige
Pentapolis, ſpäter Mark von Ancona genannt, wurde noch gekämpft.
Otto III. entſchied den Streit, indem er alle Rechtsanſprüche des Papſtes
kurzweg beiſeiteſchob. Jn einer Urkunde, die in jeder Zeile den Kaiſer
ſelbſt als Verfaſſer verrät, beſchuldigte er die Päpſte, aus Sorgloſigkeit
und Unwiſſenheit verſchleudert zu haben, was Rom, das Haupt der
Welt und die Mutter der Kirchen, beſeſſen habe. Dann, als ihre Kirche
ſo weit heruntergekommen, hätten ſie ſich zu helfen geſucht, indem ſie
einen großen Teil des Reiches für ſich in Anſpruch nahmen, als ob das
Kaiſertum ſchuld an ihrem Niedergang geweſen wäre. Mit Hilfe von
Betrug hätten ſie ihren Zweck verfolgt. Durch eine mit goldenen Lettern
geſchriebene angebliche Urkunde Konſtantins habe jener Diakon Jo-
hannes mit den verſtümmelten Fingern — es iſt der Kardinal, der den
Vertrag mit Otto I. ſchloß und ſpäter dafür büßen mußte — der Lüge
die Beglaubigung hohen Alters zu geben verſucht. Ebenſolche Erfindung
ſei es, wenn ein gewiſſer Karl — wir erkennen Karl II. und die Schen-
kung von Ponthion — kaiſerliche Rechte dem Papſt abgetreten, da
er doch, von einem beſſern Karl vertrieben — gemeint iſt Karl III. —
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[211/0220] Ottos III. Kaiſertum Oſtens, die von jeher nicht müde wurden, den Dienſt Gottes und der Heiligen für die vornehmſte Aufgabe ihrer Regierung zu erklären. Da- mit aber war dem Papſt von vornherein ſeine Stellung in dem kirchlich erneuten Reich zugewieſen: wie im Oſten der Patriarch von Konſtanti- nopel, war er als Reichspatriarch des Weſtens Oberhaupt der Reichs- kirche, ein Werkzeug der Regierung, der kirchliche Exponent des Kaiſertums. Daß Otto ſo dachte, hat er mit Wort und Tat zu erkennen gegeben. Unverblümt ſprach er davon, er habe Gerbert-Silveſter zum Papſt erwählt und eingeſetzt, rückſichtslos kraft allerhöchſten Beliebens wies er ihm die Grenzen ſeiner Landesherrſchaft zu. Sie waren ſtreitig ſeit langem. Niemals war die große Schenkung Ottos I. (962) in Kraft geſetzt worden, weder Otto II. noch Otto III. hatten ſie beſtätigt. Das Gebiet von Ravenna, die Romagna, wie es heute heißt, das Otto I. 967 dem Papſt überlaſſen hatte, war von dieſem nicht behauptet worden, ſchon Johannes XV. hatte es dem Erzbiſchof der Stadt abtreten müſſen. Die Emilia — Bologna, Jmola, Faenza — ſcheinen längſt im italiſchen Königreich aufgegangen und von den Päpſten aufgegeben geweſen zu ſein. Nur um den ſüdlichen Teil des alten Exarchats, die einſtige Pentapolis, ſpäter Mark von Ancona genannt, wurde noch gekämpft. Otto III. entſchied den Streit, indem er alle Rechtsanſprüche des Papſtes kurzweg beiſeiteſchob. Jn einer Urkunde, die in jeder Zeile den Kaiſer ſelbſt als Verfaſſer verrät, beſchuldigte er die Päpſte, aus Sorgloſigkeit und Unwiſſenheit verſchleudert zu haben, was Rom, das Haupt der Welt und die Mutter der Kirchen, beſeſſen habe. Dann, als ihre Kirche ſo weit heruntergekommen, hätten ſie ſich zu helfen geſucht, indem ſie einen großen Teil des Reiches für ſich in Anſpruch nahmen, als ob das Kaiſertum ſchuld an ihrem Niedergang geweſen wäre. Mit Hilfe von Betrug hätten ſie ihren Zweck verfolgt. Durch eine mit goldenen Lettern geſchriebene angebliche Urkunde Konſtantins habe jener Diakon Jo- hannes mit den verſtümmelten Fingern — es iſt der Kardinal, der den Vertrag mit Otto I. ſchloß und ſpäter dafür büßen mußte — der Lüge die Beglaubigung hohen Alters zu geben verſucht. Ebenſolche Erfindung ſei es, wenn ein gewiſſer Karl — wir erkennen Karl II. und die Schen- kung von Ponthion — kaiſerliche Rechte dem Papſt abgetreten, da er doch, von einem beſſern Karl vertrieben — gemeint iſt Karl III. — nicht habe geben können, was er ſelbſt nicht beſaß. Dieſe erfundenen

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 211. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/220>, abgerufen am 15.08.2020.