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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Ottos III. Kaisertum

Es war weder freie Neuschöpfung noch künstliche Wiederbelebung
begrabener Vergangenheit, auch nicht ein Versuch, romantischen Phan-
tasien feste Gestalt zu geben. Noch war ja das römische Reich nicht unter-
gegangen, noch bestand es als lebendige Wirklichkeit, nannte sich römisch
und war es dem Rechte nach. Wer erfahren wollte, wie es aussehe,
brauchte nur nach Osten zu blicken, wo römische Kaiser seit bald sieben-
hundert Jahren in ununterbrochener Folge den römischen Reichsgedan-
ken vertraten mit dem Anspruch, die Welt zu regieren. Jm Westen
war es verfallen, hier bedurfte es der Erneuerung, hier wollte Otto
es wiederherstellen. Er am wenigsten brauchte das Vorbild der äußeren
Gestalt in der Ferne zu suchen. Jhm, dem Sohne der Griechin Theo-
phano, dem halb griechisch Erzogenen, mußte es doppelt naheliegen,
sich an die Formen zu halten, die in Konstantinopel gepflegt wurden.
Darum richtete er sich einen Hofhalt ein nach dem Muster des kaiserlich
griechischen. Ämter, die es bisher nur dort gegeben hatte, erschienen in
Ottos Umgebung, zum Teil sogar mit ihren griechischen Namen; man
sprach vom Protospathar, nannte den Kanzler den Logotheten, ein
Flottenpräfekt tauchte auf, vorläufig ohne Flotte, und der Titel Patri-
tius wurde verliehen. Auch die griechische Etikette wurde übernommen,
zum Befremden der Abendländer sah man den Kaiser allein auf er-
höhtem Platz an halbrunder Tafel speisen.

Mit der Wiederherstellung des Reiches sollte eine Erneuerung der
Kirche Hand in Hand gehen, das Reich in kirchlicher Verklärung neu
erstehen. Es entsprach der leidenschaftlichen Erregbarkeit des Zwanzig-
jährigen, wenn diese Seite besonders hervorgekehrt wurde. Wie seine
religiöse Jnbrunst im Fasten, Beten, Wallfahren und hingegebenem
Verkehr mit frommen Einsiedlern sich nicht genug tun konnte, so wollte
er diese seine Gesinnung auch als Regent zur Schau gestellt wissen.
Darum fügte er seinem Herrschertitel neue Bezeichnungen bei, zuerst
"Knecht Jesu Christi", dann wurde "Knecht der Apostel" ein stehendes
Beiwort. Das wiederhergestellte Römerreich sollte vor allem christlich
sein und im Dienst Christi und der Apostel seinen Beruf finden. Auch
das war im Wesen nichts Neues, schon die Regierung Karls des
Großen ist ohne diesen Gedanken nicht zu verstehen, und insofern hatte
Otto ein Recht, sich als Erben Karls zu fühlen und zu bekennen, wie es
durch Wallfahrt nach Aachen zum Grabe des großen Vorgängers ge-
schah. Vor allem aber wandelte er auch hier die Wege der Kaiser des

Ottos III. Kaiſertum

Es war weder freie Neuſchöpfung noch künſtliche Wiederbelebung
begrabener Vergangenheit, auch nicht ein Verſuch, romantiſchen Phan-
taſien feſte Geſtalt zu geben. Noch war ja das römiſche Reich nicht unter-
gegangen, noch beſtand es als lebendige Wirklichkeit, nannte ſich römiſch
und war es dem Rechte nach. Wer erfahren wollte, wie es ausſehe,
brauchte nur nach Oſten zu blicken, wo römiſche Kaiſer ſeit bald ſieben-
hundert Jahren in ununterbrochener Folge den römiſchen Reichsgedan-
ken vertraten mit dem Anſpruch, die Welt zu regieren. Jm Weſten
war es verfallen, hier bedurfte es der Erneuerung, hier wollte Otto
es wiederherſtellen. Er am wenigſten brauchte das Vorbild der äußeren
Geſtalt in der Ferne zu ſuchen. Jhm, dem Sohne der Griechin Theo-
phano, dem halb griechiſch Erzogenen, mußte es doppelt naheliegen,
ſich an die Formen zu halten, die in Konſtantinopel gepflegt wurden.
Darum richtete er ſich einen Hofhalt ein nach dem Muſter des kaiſerlich
griechiſchen. Ämter, die es bisher nur dort gegeben hatte, erſchienen in
Ottos Umgebung, zum Teil ſogar mit ihren griechiſchen Namen; man
ſprach vom Protoſpathar, nannte den Kanzler den Logotheten, ein
Flottenpräfekt tauchte auf, vorläufig ohne Flotte, und der Titel Patri-
tius wurde verliehen. Auch die griechiſche Etikette wurde übernommen,
zum Befremden der Abendländer ſah man den Kaiſer allein auf er-
höhtem Platz an halbrunder Tafel ſpeiſen.

Mit der Wiederherſtellung des Reiches ſollte eine Erneuerung der
Kirche Hand in Hand gehen, das Reich in kirchlicher Verklärung neu
erſtehen. Es entſprach der leidenſchaftlichen Erregbarkeit des Zwanzig-
jährigen, wenn dieſe Seite beſonders hervorgekehrt wurde. Wie ſeine
religiöſe Jnbrunſt im Faſten, Beten, Wallfahren und hingegebenem
Verkehr mit frommen Einſiedlern ſich nicht genug tun konnte, ſo wollte
er dieſe ſeine Geſinnung auch als Regent zur Schau geſtellt wiſſen.
Darum fügte er ſeinem Herrſchertitel neue Bezeichnungen bei, zuerſt
„Knecht Jeſu Chriſti“, dann wurde „Knecht der Apoſtel“ ein ſtehendes
Beiwort. Das wiederhergeſtellte Römerreich ſollte vor allem chriſtlich
ſein und im Dienſt Chriſti und der Apoſtel ſeinen Beruf finden. Auch
das war im Weſen nichts Neues, ſchon die Regierung Karls des
Großen iſt ohne dieſen Gedanken nicht zu verſtehen, und inſofern hatte
Otto ein Recht, ſich als Erben Karls zu fühlen und zu bekennen, wie es
durch Wallfahrt nach Aachen zum Grabe des großen Vorgängers ge-
ſchah. Vor allem aber wandelte er auch hier die Wege der Kaiſer des

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[210/0219] Ottos III. Kaiſertum Es war weder freie Neuſchöpfung noch künſtliche Wiederbelebung begrabener Vergangenheit, auch nicht ein Verſuch, romantiſchen Phan- taſien feſte Geſtalt zu geben. Noch war ja das römiſche Reich nicht unter- gegangen, noch beſtand es als lebendige Wirklichkeit, nannte ſich römiſch und war es dem Rechte nach. Wer erfahren wollte, wie es ausſehe, brauchte nur nach Oſten zu blicken, wo römiſche Kaiſer ſeit bald ſieben- hundert Jahren in ununterbrochener Folge den römiſchen Reichsgedan- ken vertraten mit dem Anſpruch, die Welt zu regieren. Jm Weſten war es verfallen, hier bedurfte es der Erneuerung, hier wollte Otto es wiederherſtellen. Er am wenigſten brauchte das Vorbild der äußeren Geſtalt in der Ferne zu ſuchen. Jhm, dem Sohne der Griechin Theo- phano, dem halb griechiſch Erzogenen, mußte es doppelt naheliegen, ſich an die Formen zu halten, die in Konſtantinopel gepflegt wurden. Darum richtete er ſich einen Hofhalt ein nach dem Muſter des kaiſerlich griechiſchen. Ämter, die es bisher nur dort gegeben hatte, erſchienen in Ottos Umgebung, zum Teil ſogar mit ihren griechiſchen Namen; man ſprach vom Protoſpathar, nannte den Kanzler den Logotheten, ein Flottenpräfekt tauchte auf, vorläufig ohne Flotte, und der Titel Patri- tius wurde verliehen. Auch die griechiſche Etikette wurde übernommen, zum Befremden der Abendländer ſah man den Kaiſer allein auf er- höhtem Platz an halbrunder Tafel ſpeiſen. Mit der Wiederherſtellung des Reiches ſollte eine Erneuerung der Kirche Hand in Hand gehen, das Reich in kirchlicher Verklärung neu erſtehen. Es entſprach der leidenſchaftlichen Erregbarkeit des Zwanzig- jährigen, wenn dieſe Seite beſonders hervorgekehrt wurde. Wie ſeine religiöſe Jnbrunſt im Faſten, Beten, Wallfahren und hingegebenem Verkehr mit frommen Einſiedlern ſich nicht genug tun konnte, ſo wollte er dieſe ſeine Geſinnung auch als Regent zur Schau geſtellt wiſſen. Darum fügte er ſeinem Herrſchertitel neue Bezeichnungen bei, zuerſt „Knecht Jeſu Chriſti“, dann wurde „Knecht der Apoſtel“ ein ſtehendes Beiwort. Das wiederhergeſtellte Römerreich ſollte vor allem chriſtlich ſein und im Dienſt Chriſti und der Apoſtel ſeinen Beruf finden. Auch das war im Weſen nichts Neues, ſchon die Regierung Karls des Großen iſt ohne dieſen Gedanken nicht zu verſtehen, und inſofern hatte Otto ein Recht, ſich als Erben Karls zu fühlen und zu bekennen, wie es durch Wallfahrt nach Aachen zum Grabe des großen Vorgängers ge- ſchah. Vor allem aber wandelte er auch hier die Wege der Kaiſer des

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 210. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/219>, abgerufen am 05.08.2020.