Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

Bild:
<< vorherige Seite

Ottos III. Kaisertum
tum aufgefaßt. Daß er kurz vor dem Tode seinen Kanzler zum Papst
wählen ließ, war schwerlich schon als bewußtes Abweichen von den
Grundsätzen des Vaters gedacht. Weiter ging Otto III., als er
in Gregor V. einen Deutschen auf den Stuhl Petri setzte. Daß ein
solcher sich nur halten konnte, wenn der Kaiser stärker als bisher seine
Macht fühlen ließ, war eigentlich vorauszusehen und wurde durch die
Ereignisse bald genug bestätigt. Es war darum in gewissem Sinne nur
folgerichtige Fortsetzung des Begonnenen, wenn man seit der Erhebung
Silvesters den Kaiser neue Bahnen einschlagen sah. Daß er für ein
ganzes Jahr (998/999) sein Hauptquartier in Rom nahm, war un-
gewohnt und durch kein erkennbares örtliches Bedürfnis veranlaßt.
Dann entführte ihn eine Rundreise durch Deutschland für elf Monate
der Hauptstadt, aber schon im November 1000 war er wieder da,
auch jetzt ohne daß irgend etwas seine Anwesenheit gefordert hätte.
Jmmer deutlicher trat hervor, was er im Schilde führte, wenn er in
seinen Erlassen von Erneuerung des römischen Reiches sprach. Es waren
äußere Züge, aber sie waren bedeutungsvoll: die alte schlichte Formel
"von Gottes Gnaden Kaiser der Römer" genügte ihm nicht, er suchte
und tastete nach neuen Wendungen, nannte sich einmal "Kaiser des
römischen Erdkreises", ein andermal, den Brauch altrömischer Jmpera-
toren nachahmend, Romanus, Saxonicus, Jtalicus. Damit sprach er aus,
daß er als Kaiser nicht mehr nur, wie seine Vorfahren, in den römisch
gebliebenen Teilen Jtaliens, in Rom und dem Kirchenstaat, regieren
wollte, sondern ebenso in Deutschland und im italischen Königreich. Jn
dieser Vorstellung hatte Gerbert ihn bestärkt, als er ihm einmal schrieb:
"Unser, unser ist das römische Reich! Seine Kraft geben ihm das frucht-
bringende Jtalien, das an Kriegern reiche Gallien und Germanien, und
auch die mächtigen Gebiete der Skythen fehlen uns nicht." Das auf-
erstandene Römerreich im Abendland sollte die Lande des Westens be-
herrschen in der Person des römischen Kaisers. So hat Otto III. sich
malen lassen, auf dem Throne sitzend, vor dem die Völker ihre Gaben
darbringen. Römer, Jtaliener, Deutsche und Slawen, alles, was ihm
gehorchte, faßte er als ein einziges Reich, das er als Kaiser regierte. Der
Gedanke war nicht schlechthin neu: wir wissen, daß das abendländische
Einheitsreich schon unter Ludwig I. einmal ernsthaft erstrebt worden,
dann völlig gescheitert und aufgegeben war. Hier lebte es wieder auf, und
jetzt auch, seinem Namen entsprechend, mit dem Schwerpunkt in Rom.

Haller, Das Papsttum II1 14

Ottos III. Kaiſertum
tum aufgefaßt. Daß er kurz vor dem Tode ſeinen Kanzler zum Papſt
wählen ließ, war ſchwerlich ſchon als bewußtes Abweichen von den
Grundſätzen des Vaters gedacht. Weiter ging Otto III., als er
in Gregor V. einen Deutſchen auf den Stuhl Petri ſetzte. Daß ein
ſolcher ſich nur halten konnte, wenn der Kaiſer ſtärker als bisher ſeine
Macht fühlen ließ, war eigentlich vorauszuſehen und wurde durch die
Ereigniſſe bald genug beſtätigt. Es war darum in gewiſſem Sinne nur
folgerichtige Fortſetzung des Begonnenen, wenn man ſeit der Erhebung
Silveſters den Kaiſer neue Bahnen einſchlagen ſah. Daß er für ein
ganzes Jahr (998/999) ſein Hauptquartier in Rom nahm, war un-
gewohnt und durch kein erkennbares örtliches Bedürfnis veranlaßt.
Dann entführte ihn eine Rundreiſe durch Deutſchland für elf Monate
der Hauptſtadt, aber ſchon im November 1000 war er wieder da,
auch jetzt ohne daß irgend etwas ſeine Anweſenheit gefordert hätte.
Jmmer deutlicher trat hervor, was er im Schilde führte, wenn er in
ſeinen Erlaſſen von Erneuerung des römiſchen Reiches ſprach. Es waren
äußere Züge, aber ſie waren bedeutungsvoll: die alte ſchlichte Formel
„von Gottes Gnaden Kaiſer der Römer“ genügte ihm nicht, er ſuchte
und taſtete nach neuen Wendungen, nannte ſich einmal „Kaiſer des
römiſchen Erdkreiſes“, ein andermal, den Brauch altrömiſcher Jmpera-
toren nachahmend, Romanus, Saxonicus, Jtalicus. Damit ſprach er aus,
daß er als Kaiſer nicht mehr nur, wie ſeine Vorfahren, in den römiſch
gebliebenen Teilen Jtaliens, in Rom und dem Kirchenſtaat, regieren
wollte, ſondern ebenſo in Deutſchland und im italiſchen Königreich. Jn
dieſer Vorſtellung hatte Gerbert ihn beſtärkt, als er ihm einmal ſchrieb:
„Unſer, unſer iſt das römiſche Reich! Seine Kraft geben ihm das frucht-
bringende Jtalien, das an Kriegern reiche Gallien und Germanien, und
auch die mächtigen Gebiete der Skythen fehlen uns nicht.“ Das auf-
erſtandene Römerreich im Abendland ſollte die Lande des Weſtens be-
herrſchen in der Perſon des römiſchen Kaiſers. So hat Otto III. ſich
malen laſſen, auf dem Throne ſitzend, vor dem die Völker ihre Gaben
darbringen. Römer, Jtaliener, Deutſche und Slawen, alles, was ihm
gehorchte, faßte er als ein einziges Reich, das er als Kaiſer regierte. Der
Gedanke war nicht ſchlechthin neu: wir wiſſen, daß das abendländiſche
Einheitsreich ſchon unter Ludwig I. einmal ernſthaft erſtrebt worden,
dann völlig geſcheitert und aufgegeben war. Hier lebte es wieder auf, und
jetzt auch, ſeinem Namen entſprechend, mit dem Schwerpunkt in Rom.

Haller, Das Papſttum II1 14
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <p><pb facs="#f0218" n="209"/><fw place="top" type="header"><hi rendition="#g">Ottos <hi rendition="#aq">III</hi>. Kai&#x017F;ertum</hi></fw><lb/>
tum aufgefaßt. Daß er kurz vor dem Tode &#x017F;einen Kanzler zum Pap&#x017F;t<lb/>
wählen ließ, war &#x017F;chwerlich &#x017F;chon als bewußtes Abweichen von den<lb/>
Grund&#x017F;ätzen des Vaters gedacht. Weiter ging Otto <hi rendition="#aq">III</hi>., als er<lb/>
in Gregor <hi rendition="#aq">V</hi>. einen Deut&#x017F;chen auf den Stuhl Petri &#x017F;etzte. Daß ein<lb/>
&#x017F;olcher &#x017F;ich nur halten konnte, wenn der Kai&#x017F;er &#x017F;tärker als bisher &#x017F;eine<lb/>
Macht fühlen ließ, war eigentlich vorauszu&#x017F;ehen und wurde durch die<lb/>
Ereigni&#x017F;&#x017F;e bald genug be&#x017F;tätigt. Es war darum in gewi&#x017F;&#x017F;em Sinne nur<lb/>
folgerichtige Fort&#x017F;etzung des Begonnenen, wenn man &#x017F;eit der Erhebung<lb/>
Silve&#x017F;ters den Kai&#x017F;er neue Bahnen ein&#x017F;chlagen &#x017F;ah. Daß er für ein<lb/>
ganzes Jahr (998/999) &#x017F;ein Hauptquartier in Rom nahm, war un-<lb/>
gewohnt und durch kein erkennbares örtliches Bedürfnis veranlaßt.<lb/>
Dann entführte ihn eine Rundrei&#x017F;e durch Deut&#x017F;chland für elf Monate<lb/>
der Haupt&#x017F;tadt, aber &#x017F;chon im November 1000 war er wieder da,<lb/>
auch jetzt ohne daß irgend etwas &#x017F;eine Anwe&#x017F;enheit gefordert hätte.<lb/>
Jmmer deutlicher trat hervor, was er im Schilde führte, wenn er in<lb/>
&#x017F;einen Erla&#x017F;&#x017F;en von Erneuerung des römi&#x017F;chen Reiches &#x017F;prach. Es waren<lb/>
äußere Züge, aber &#x017F;ie waren bedeutungsvoll: die alte &#x017F;chlichte Formel<lb/>
&#x201E;von Gottes Gnaden Kai&#x017F;er der Römer&#x201C; genügte ihm nicht, er &#x017F;uchte<lb/>
und ta&#x017F;tete nach neuen Wendungen, nannte &#x017F;ich einmal &#x201E;Kai&#x017F;er des<lb/>
römi&#x017F;chen Erdkrei&#x017F;es&#x201C;, ein andermal, den Brauch altrömi&#x017F;cher Jmpera-<lb/>
toren nachahmend, Romanus, Saxonicus, Jtalicus. Damit &#x017F;prach er aus,<lb/>
daß er als Kai&#x017F;er nicht mehr nur, wie &#x017F;eine Vorfahren, in den römi&#x017F;ch<lb/>
gebliebenen Teilen Jtaliens, in Rom und dem Kirchen&#x017F;taat, regieren<lb/>
wollte, &#x017F;ondern eben&#x017F;o in Deut&#x017F;chland und im itali&#x017F;chen Königreich. Jn<lb/>
die&#x017F;er Vor&#x017F;tellung hatte Gerbert ihn be&#x017F;tärkt, als er ihm einmal &#x017F;chrieb:<lb/>
&#x201E;Un&#x017F;er, un&#x017F;er i&#x017F;t das römi&#x017F;che Reich! Seine Kraft geben ihm das frucht-<lb/>
bringende Jtalien, das an Kriegern reiche Gallien und Germanien, und<lb/>
auch die mächtigen Gebiete der Skythen fehlen uns nicht.&#x201C; Das auf-<lb/>
er&#x017F;tandene Römerreich im Abendland &#x017F;ollte die Lande des We&#x017F;tens be-<lb/>
herr&#x017F;chen in der Per&#x017F;on des römi&#x017F;chen Kai&#x017F;ers. So hat Otto <hi rendition="#aq">III</hi>. &#x017F;ich<lb/>
malen la&#x017F;&#x017F;en, auf dem Throne &#x017F;itzend, vor dem die Völker ihre Gaben<lb/>
darbringen. Römer, Jtaliener, Deut&#x017F;che und Slawen, alles, was ihm<lb/>
gehorchte, faßte er als ein einziges Reich, das er als Kai&#x017F;er regierte. Der<lb/>
Gedanke war nicht &#x017F;chlechthin neu: wir wi&#x017F;&#x017F;en, daß das abendländi&#x017F;che<lb/>
Einheitsreich &#x017F;chon unter Ludwig <hi rendition="#aq">I</hi>. einmal ern&#x017F;thaft er&#x017F;trebt worden,<lb/>
dann völlig ge&#x017F;cheitert und aufgegeben war. Hier lebte es wieder auf, und<lb/>
jetzt auch, &#x017F;einem Namen ent&#x017F;prechend, mit dem Schwerpunkt in Rom.</p><lb/>
          <fw place="bottom" type="sig"><hi rendition="#g">Haller</hi>, Das Pap&#x017F;ttum <hi rendition="#aq">II</hi><hi rendition="#sup">1</hi> 14</fw><lb/>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[209/0218] Ottos III. Kaiſertum tum aufgefaßt. Daß er kurz vor dem Tode ſeinen Kanzler zum Papſt wählen ließ, war ſchwerlich ſchon als bewußtes Abweichen von den Grundſätzen des Vaters gedacht. Weiter ging Otto III., als er in Gregor V. einen Deutſchen auf den Stuhl Petri ſetzte. Daß ein ſolcher ſich nur halten konnte, wenn der Kaiſer ſtärker als bisher ſeine Macht fühlen ließ, war eigentlich vorauszuſehen und wurde durch die Ereigniſſe bald genug beſtätigt. Es war darum in gewiſſem Sinne nur folgerichtige Fortſetzung des Begonnenen, wenn man ſeit der Erhebung Silveſters den Kaiſer neue Bahnen einſchlagen ſah. Daß er für ein ganzes Jahr (998/999) ſein Hauptquartier in Rom nahm, war un- gewohnt und durch kein erkennbares örtliches Bedürfnis veranlaßt. Dann entführte ihn eine Rundreiſe durch Deutſchland für elf Monate der Hauptſtadt, aber ſchon im November 1000 war er wieder da, auch jetzt ohne daß irgend etwas ſeine Anweſenheit gefordert hätte. Jmmer deutlicher trat hervor, was er im Schilde führte, wenn er in ſeinen Erlaſſen von Erneuerung des römiſchen Reiches ſprach. Es waren äußere Züge, aber ſie waren bedeutungsvoll: die alte ſchlichte Formel „von Gottes Gnaden Kaiſer der Römer“ genügte ihm nicht, er ſuchte und taſtete nach neuen Wendungen, nannte ſich einmal „Kaiſer des römiſchen Erdkreiſes“, ein andermal, den Brauch altrömiſcher Jmpera- toren nachahmend, Romanus, Saxonicus, Jtalicus. Damit ſprach er aus, daß er als Kaiſer nicht mehr nur, wie ſeine Vorfahren, in den römiſch gebliebenen Teilen Jtaliens, in Rom und dem Kirchenſtaat, regieren wollte, ſondern ebenſo in Deutſchland und im italiſchen Königreich. Jn dieſer Vorſtellung hatte Gerbert ihn beſtärkt, als er ihm einmal ſchrieb: „Unſer, unſer iſt das römiſche Reich! Seine Kraft geben ihm das frucht- bringende Jtalien, das an Kriegern reiche Gallien und Germanien, und auch die mächtigen Gebiete der Skythen fehlen uns nicht.“ Das auf- erſtandene Römerreich im Abendland ſollte die Lande des Weſtens be- herrſchen in der Perſon des römiſchen Kaiſers. So hat Otto III. ſich malen laſſen, auf dem Throne ſitzend, vor dem die Völker ihre Gaben darbringen. Römer, Jtaliener, Deutſche und Slawen, alles, was ihm gehorchte, faßte er als ein einziges Reich, das er als Kaiſer regierte. Der Gedanke war nicht ſchlechthin neu: wir wiſſen, daß das abendländiſche Einheitsreich ſchon unter Ludwig I. einmal ernſthaft erſtrebt worden, dann völlig geſcheitert und aufgegeben war. Hier lebte es wieder auf, und jetzt auch, ſeinem Namen entſprechend, mit dem Schwerpunkt in Rom. Haller, Das Papſttum II1 14

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde im Rahmen des Moduls DTA-Erweiterungen (DTAE) digitalisiert. Weitere Informationen …




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/218
Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 209. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/218>, abgerufen am 05.08.2020.