Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

Bild:
<< vorherige Seite

Silvester II.
heimlich erschienen, so daß sie ihn für einen Hexenmeister hielten und
fabelten, er habe dem Teufel seine Seele verkauft, um von ihm alle
Geheimnisse des Seins zu erlernen -- das geschichtliche Urbild des
Doktor Faust. Aber so viel der Mann in der Geschichte der Wissen-
schaft bedeutet, so wenig bedeutet er als Papst. Jst er dort ein wahres
Wunder durch die Selbständigkeit seines Geistes, so hat er auf dem
Stuhl Petri nur im Schutze, um nicht zu sagen im Schatten seines
kaiserlichen Herrn seine Rolle spielen können, wirksam allein durch den
Einfluß, den er auf den Geist des Kaisers ausübte.

Man hat in ihm den Mann sehen wollen, der seine eigenen Gedanken
Otto eingeflößt und durch ihn zur Ausführung gebracht habe, gleichsam
den Einsager der kaiserlichen Politik. Damit aber behauptet man mehr,
als sich beweisen läßt, vielleicht mehr, als wahrscheinlich ist. Denn bei
aller Eindrucksfähigkeit hat der junge Kaiser stets ein großes Maß
von Eigenwillen und Selbstgefühl gezeigt. Wir verzichten besser darauf,
die Art seines Verhältnisses zu dem Papst, den er öffentlich seinen Lehrer
nannte, zu bestimmen. Nie wird sich feststellen lassen, ob die Grundsätze,
nach denen Otto III. in seinen späteren Jahren zu regieren unternahm,
ihm von Gerbert-Silvester eingegeben waren, ob der große Gelehrte
mit seinen Briefen und Reden eine schon keimende Pflanze zur vollen
Entfaltung gebracht, oder ob seine Worte in geschmeidiger Anpassung
an die Wünsche des Herrn nur den verstärkten Widerhall kaiserlicher
Lieblingsgedanken hören ließen. Die Frage ist nicht zu beantworten, ob
Otto der gelehrige Schüler des geistvollen Franzosen war, oder ob
dieser nur mit kluger Berechnung auf den hochfliegenden Ehrgeiz seines
jungen Freundes einging, als unter den vereinten Bemühungen beider
das römisch-deutsche Kaisertum eine neue, auch für das Papsttum be-
deutsame Gestalt anzunehmen begann.

Wir wissen, wie Otto I., solange er lebte, auf unmittelbare Re-
gierung in Rom verzichtet hatte. Worauf es ihm ankam, war nicht
Rom, nicht Kaisertum, sondern die Herrschaft im Königreich Jtalien.
Jn Rom genügte es ihm, wenn seine Oberhoheit anerkannt wurde, so
daß er von dieser Seite vor Angriffen auf sein italisches Königtum
sicher war. Durch bestimmenden Einfluß auf die Papstwahl war dieser
Zweck erreicht, die eigentliche Regierung in Stadt und Land konnte
den herrschenden Adelsfamilien und ihrem Anhang, aus denen der Papst
hervorging, überlassen bleiben. Nicht anders hatte Otto II. sein Kaiser-

Silveſter II.
heimlich erſchienen, ſo daß ſie ihn für einen Hexenmeiſter hielten und
fabelten, er habe dem Teufel ſeine Seele verkauft, um von ihm alle
Geheimniſſe des Seins zu erlernen — das geſchichtliche Urbild des
Doktor Fauſt. Aber ſo viel der Mann in der Geſchichte der Wiſſen-
ſchaft bedeutet, ſo wenig bedeutet er als Papſt. Jſt er dort ein wahres
Wunder durch die Selbſtändigkeit ſeines Geiſtes, ſo hat er auf dem
Stuhl Petri nur im Schutze, um nicht zu ſagen im Schatten ſeines
kaiſerlichen Herrn ſeine Rolle ſpielen können, wirkſam allein durch den
Einfluß, den er auf den Geiſt des Kaiſers ausübte.

Man hat in ihm den Mann ſehen wollen, der ſeine eigenen Gedanken
Otto eingeflößt und durch ihn zur Ausführung gebracht habe, gleichſam
den Einſager der kaiſerlichen Politik. Damit aber behauptet man mehr,
als ſich beweiſen läßt, vielleicht mehr, als wahrſcheinlich iſt. Denn bei
aller Eindrucksfähigkeit hat der junge Kaiſer ſtets ein großes Maß
von Eigenwillen und Selbſtgefühl gezeigt. Wir verzichten beſſer darauf,
die Art ſeines Verhältniſſes zu dem Papſt, den er öffentlich ſeinen Lehrer
nannte, zu beſtimmen. Nie wird ſich feſtſtellen laſſen, ob die Grundſätze,
nach denen Otto III. in ſeinen ſpäteren Jahren zu regieren unternahm,
ihm von Gerbert-Silveſter eingegeben waren, ob der große Gelehrte
mit ſeinen Briefen und Reden eine ſchon keimende Pflanze zur vollen
Entfaltung gebracht, oder ob ſeine Worte in geſchmeidiger Anpaſſung
an die Wünſche des Herrn nur den verſtärkten Widerhall kaiſerlicher
Lieblingsgedanken hören ließen. Die Frage iſt nicht zu beantworten, ob
Otto der gelehrige Schüler des geiſtvollen Franzoſen war, oder ob
dieſer nur mit kluger Berechnung auf den hochfliegenden Ehrgeiz ſeines
jungen Freundes einging, als unter den vereinten Bemühungen beider
das römiſch-deutſche Kaiſertum eine neue, auch für das Papſttum be-
deutſame Geſtalt anzunehmen begann.

Wir wiſſen, wie Otto I., ſolange er lebte, auf unmittelbare Re-
gierung in Rom verzichtet hatte. Worauf es ihm ankam, war nicht
Rom, nicht Kaiſertum, ſondern die Herrſchaft im Königreich Jtalien.
Jn Rom genügte es ihm, wenn ſeine Oberhoheit anerkannt wurde, ſo
daß er von dieſer Seite vor Angriffen auf ſein italiſches Königtum
ſicher war. Durch beſtimmenden Einfluß auf die Papſtwahl war dieſer
Zweck erreicht, die eigentliche Regierung in Stadt und Land konnte
den herrſchenden Adelsfamilien und ihrem Anhang, aus denen der Papſt
hervorging, überlaſſen bleiben. Nicht anders hatte Otto II. ſein Kaiſer-

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <p><pb facs="#f0217" n="208"/><fw place="top" type="header"><hi rendition="#g">Silve&#x017F;ter <hi rendition="#aq">II</hi>.</hi></fw><lb/>
heimlich er&#x017F;chienen, &#x017F;o daß &#x017F;ie ihn für einen Hexenmei&#x017F;ter hielten und<lb/>
fabelten, er habe dem Teufel &#x017F;eine Seele verkauft, um von ihm alle<lb/>
Geheimni&#x017F;&#x017F;e des Seins zu erlernen &#x2014; das ge&#x017F;chichtliche Urbild des<lb/>
Doktor Fau&#x017F;t. Aber &#x017F;o viel der Mann in der Ge&#x017F;chichte der Wi&#x017F;&#x017F;en-<lb/>
&#x017F;chaft bedeutet, &#x017F;o wenig bedeutet er als Pap&#x017F;t. J&#x017F;t er dort ein wahres<lb/>
Wunder durch die Selb&#x017F;tändigkeit &#x017F;eines Gei&#x017F;tes, &#x017F;o hat er auf dem<lb/>
Stuhl Petri nur im Schutze, um nicht zu &#x017F;agen im Schatten &#x017F;eines<lb/>
kai&#x017F;erlichen Herrn &#x017F;eine Rolle &#x017F;pielen können, wirk&#x017F;am allein durch den<lb/>
Einfluß, den er auf den Gei&#x017F;t des Kai&#x017F;ers ausübte.</p><lb/>
          <p>Man hat in ihm den Mann &#x017F;ehen wollen, der &#x017F;eine eigenen Gedanken<lb/>
Otto eingeflößt und durch ihn zur Ausführung gebracht habe, gleich&#x017F;am<lb/>
den Ein&#x017F;ager der kai&#x017F;erlichen Politik. Damit aber behauptet man mehr,<lb/>
als &#x017F;ich bewei&#x017F;en läßt, vielleicht mehr, als wahr&#x017F;cheinlich i&#x017F;t. Denn bei<lb/>
aller Eindrucksfähigkeit hat der junge Kai&#x017F;er &#x017F;tets ein großes Maß<lb/>
von Eigenwillen und Selb&#x017F;tgefühl gezeigt. Wir verzichten be&#x017F;&#x017F;er darauf,<lb/>
die Art &#x017F;eines Verhältni&#x017F;&#x017F;es zu dem Pap&#x017F;t, den er öffentlich &#x017F;einen Lehrer<lb/>
nannte, zu be&#x017F;timmen. Nie wird &#x017F;ich fe&#x017F;t&#x017F;tellen la&#x017F;&#x017F;en, ob die Grund&#x017F;ätze,<lb/>
nach denen Otto <hi rendition="#aq">III</hi>. in &#x017F;einen &#x017F;päteren Jahren zu regieren unternahm,<lb/>
ihm von Gerbert-Silve&#x017F;ter eingegeben waren, ob der große Gelehrte<lb/>
mit &#x017F;einen Briefen und Reden eine &#x017F;chon keimende Pflanze zur vollen<lb/>
Entfaltung gebracht, oder ob &#x017F;eine Worte in ge&#x017F;chmeidiger Anpa&#x017F;&#x017F;ung<lb/>
an die Wün&#x017F;che des Herrn nur den ver&#x017F;tärkten Widerhall kai&#x017F;erlicher<lb/>
Lieblingsgedanken hören ließen. Die Frage i&#x017F;t nicht zu beantworten, ob<lb/>
Otto der gelehrige Schüler des gei&#x017F;tvollen Franzo&#x017F;en war, oder ob<lb/>
die&#x017F;er nur mit kluger Berechnung auf den hochfliegenden Ehrgeiz &#x017F;eines<lb/>
jungen Freundes einging, als unter den vereinten Bemühungen beider<lb/>
das römi&#x017F;ch-deut&#x017F;che Kai&#x017F;ertum eine neue, auch für das Pap&#x017F;ttum be-<lb/>
deut&#x017F;ame Ge&#x017F;talt anzunehmen begann.</p><lb/>
          <p>Wir wi&#x017F;&#x017F;en, wie Otto <hi rendition="#aq">I</hi>., &#x017F;olange er lebte, auf unmittelbare Re-<lb/>
gierung in Rom verzichtet hatte. Worauf es ihm ankam, war nicht<lb/>
Rom, nicht Kai&#x017F;ertum, &#x017F;ondern die Herr&#x017F;chaft im Königreich Jtalien.<lb/>
Jn Rom genügte es ihm, wenn &#x017F;eine Oberhoheit anerkannt wurde, &#x017F;o<lb/>
daß er von die&#x017F;er Seite vor Angriffen auf &#x017F;ein itali&#x017F;ches Königtum<lb/>
&#x017F;icher war. Durch be&#x017F;timmenden Einfluß auf die Pap&#x017F;twahl war die&#x017F;er<lb/>
Zweck erreicht, die eigentliche Regierung in Stadt und Land konnte<lb/>
den herr&#x017F;chenden Adelsfamilien und ihrem Anhang, aus denen der Pap&#x017F;t<lb/>
hervorging, überla&#x017F;&#x017F;en bleiben. Nicht anders hatte Otto <hi rendition="#aq">II</hi>. &#x017F;ein Kai&#x017F;er-<lb/></p>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[208/0217] Silveſter II. heimlich erſchienen, ſo daß ſie ihn für einen Hexenmeiſter hielten und fabelten, er habe dem Teufel ſeine Seele verkauft, um von ihm alle Geheimniſſe des Seins zu erlernen — das geſchichtliche Urbild des Doktor Fauſt. Aber ſo viel der Mann in der Geſchichte der Wiſſen- ſchaft bedeutet, ſo wenig bedeutet er als Papſt. Jſt er dort ein wahres Wunder durch die Selbſtändigkeit ſeines Geiſtes, ſo hat er auf dem Stuhl Petri nur im Schutze, um nicht zu ſagen im Schatten ſeines kaiſerlichen Herrn ſeine Rolle ſpielen können, wirkſam allein durch den Einfluß, den er auf den Geiſt des Kaiſers ausübte. Man hat in ihm den Mann ſehen wollen, der ſeine eigenen Gedanken Otto eingeflößt und durch ihn zur Ausführung gebracht habe, gleichſam den Einſager der kaiſerlichen Politik. Damit aber behauptet man mehr, als ſich beweiſen läßt, vielleicht mehr, als wahrſcheinlich iſt. Denn bei aller Eindrucksfähigkeit hat der junge Kaiſer ſtets ein großes Maß von Eigenwillen und Selbſtgefühl gezeigt. Wir verzichten beſſer darauf, die Art ſeines Verhältniſſes zu dem Papſt, den er öffentlich ſeinen Lehrer nannte, zu beſtimmen. Nie wird ſich feſtſtellen laſſen, ob die Grundſätze, nach denen Otto III. in ſeinen ſpäteren Jahren zu regieren unternahm, ihm von Gerbert-Silveſter eingegeben waren, ob der große Gelehrte mit ſeinen Briefen und Reden eine ſchon keimende Pflanze zur vollen Entfaltung gebracht, oder ob ſeine Worte in geſchmeidiger Anpaſſung an die Wünſche des Herrn nur den verſtärkten Widerhall kaiſerlicher Lieblingsgedanken hören ließen. Die Frage iſt nicht zu beantworten, ob Otto der gelehrige Schüler des geiſtvollen Franzoſen war, oder ob dieſer nur mit kluger Berechnung auf den hochfliegenden Ehrgeiz ſeines jungen Freundes einging, als unter den vereinten Bemühungen beider das römiſch-deutſche Kaiſertum eine neue, auch für das Papſttum be- deutſame Geſtalt anzunehmen begann. Wir wiſſen, wie Otto I., ſolange er lebte, auf unmittelbare Re- gierung in Rom verzichtet hatte. Worauf es ihm ankam, war nicht Rom, nicht Kaiſertum, ſondern die Herrſchaft im Königreich Jtalien. Jn Rom genügte es ihm, wenn ſeine Oberhoheit anerkannt wurde, ſo daß er von dieſer Seite vor Angriffen auf ſein italiſches Königtum ſicher war. Durch beſtimmenden Einfluß auf die Papſtwahl war dieſer Zweck erreicht, die eigentliche Regierung in Stadt und Land konnte den herrſchenden Adelsfamilien und ihrem Anhang, aus denen der Papſt hervorging, überlaſſen bleiben. Nicht anders hatte Otto II. ſein Kaiſer-

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde im Rahmen des Moduls DTA-Erweiterungen (DTAE) digitalisiert. Weitere Informationen …




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/217
Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 208. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/217>, abgerufen am 15.08.2020.