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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Silvester II.
zu sehen. Bei seinem Herannahen flüchtete Philagathos aus Rom und
verbarg sich in einer Burg, wurde aber von seinen Feinden entdeckt und
sofort aufs gräßlichste verstümmelt. Man schnitt ihm Nase und Zunge
ab und stach ihm die Augen aus, damit nicht etwa der Kaiser ihn straflos
ausgehen lasse. Otto erschien zu Ostern 998 in Rom, von der Stadt ohne
Widerstand aufgenommen, und eröffnete die Belagerung der Engels-
burg, in die sich Crescentius zurückgezogen hatte. Sie wurde gestürmt,
Crescentius enthauptet, sein Leichnam von der Zinne herabgestürzt und
mit zwölf Genossen am Galgen aufgehängt. Den unglücklichen Gegen-
papst verurteilte eine Synode zur Absetzung. Jn schimpflichem Aufzug,
rückwärts auf einem Esel sitzend, ein Euter auf dem Kopf, wurde der
Blinde durch die Straßen geführt. Jn Klosterhaft hat er noch einige
Jahre gelebt. Gregor V. konnte seinen Platz wieder einnehmen, freilich
nur, um schon zu Anfang des nächsten Jahres (Februar 999) zu sterben.

Wieder beherrschte der junge Kaiser die Lage so völlig, daß er den
Römern die Wahl eines Fremden vorschreiben konnte, die sie ohne
Weigerung vollzogen. Und wiederum war es ein Vertrauensmann des
Kaisers, den sie zu wählen hatten; diesmal kein Deutscher, sondern ein
Franzose, Gerbert, die wissenschaftliche Leuchte der französischen Geist-
lichkeit, berühmt in Deutschland und Jtalien, unbestritten der größte Ge-
lehrte seiner Zeit. Erzogen im Kloster Aurillac, dann Domschulmeister
in Reims, wo ihm die Schüler von überall zuströmten, war er dem
sächsischen Herrscherhaus von früherher verbunden und mit Otto III.
seit kurzem in einem brieflichen und persönlichen Verkehr, der die Züge
hochgestimmter Geistesgemeinschaft und persönlicher Freundschaft trägt.
Gerbert hatte von Otto II. die Abtei Bobbio im Genuesischen erhalten,
sie aber wegen des Widerstands einheimischer Kreise aufgegeben. Zum
Erzbischof von Reims erhoben, hatte er sich dort, vom König, seinem
undankbaren einstigen Schüler, im Stich gelassen, ebensowenig wie in
Bobbio behaupten können. Nach einem lebhaften Kampf, von dem wir
in anderem Zusammenhang zu reden haben werden, hatte er sich in den
Schutz Ottos III. geflüchtet, der ihn mit dem Erzbistum Ravenna
entschädigte. Nun war er Papst und nannte sich Silvester II. Eine
der merkwürdigsten Gestalten in Jahrhunderten: Gelehrter von wunder-
barer Vielseitigkeit, Philosoph, Mathematiker, Astronom und Schön-
geist, Kenner der alten Schriftsteller und Schöpfer der musikalischen
Theorie, ist er den Zeitgenossen mit seinem erstaunlichen Wissen un-

Silveſter II.
zu ſehen. Bei ſeinem Herannahen flüchtete Philagathos aus Rom und
verbarg ſich in einer Burg, wurde aber von ſeinen Feinden entdeckt und
ſofort aufs gräßlichſte verſtümmelt. Man ſchnitt ihm Naſe und Zunge
ab und ſtach ihm die Augen aus, damit nicht etwa der Kaiſer ihn ſtraflos
ausgehen laſſe. Otto erſchien zu Oſtern 998 in Rom, von der Stadt ohne
Widerſtand aufgenommen, und eröffnete die Belagerung der Engels-
burg, in die ſich Crescentius zurückgezogen hatte. Sie wurde geſtürmt,
Crescentius enthauptet, ſein Leichnam von der Zinne herabgeſtürzt und
mit zwölf Genoſſen am Galgen aufgehängt. Den unglücklichen Gegen-
papſt verurteilte eine Synode zur Abſetzung. Jn ſchimpflichem Aufzug,
rückwärts auf einem Eſel ſitzend, ein Euter auf dem Kopf, wurde der
Blinde durch die Straßen geführt. Jn Kloſterhaft hat er noch einige
Jahre gelebt. Gregor V. konnte ſeinen Platz wieder einnehmen, freilich
nur, um ſchon zu Anfang des nächſten Jahres (Februar 999) zu ſterben.

Wieder beherrſchte der junge Kaiſer die Lage ſo völlig, daß er den
Römern die Wahl eines Fremden vorſchreiben konnte, die ſie ohne
Weigerung vollzogen. Und wiederum war es ein Vertrauensmann des
Kaiſers, den ſie zu wählen hatten; diesmal kein Deutſcher, ſondern ein
Franzoſe, Gerbert, die wiſſenſchaftliche Leuchte der franzöſiſchen Geiſt-
lichkeit, berühmt in Deutſchland und Jtalien, unbeſtritten der größte Ge-
lehrte ſeiner Zeit. Erzogen im Kloſter Aurillac, dann Domſchulmeiſter
in Reims, wo ihm die Schüler von überall zuſtrömten, war er dem
ſächſiſchen Herrſcherhaus von früherher verbunden und mit Otto III.
ſeit kurzem in einem brieflichen und perſönlichen Verkehr, der die Züge
hochgeſtimmter Geiſtesgemeinſchaft und perſönlicher Freundſchaft trägt.
Gerbert hatte von Otto II. die Abtei Bobbio im Genueſiſchen erhalten,
ſie aber wegen des Widerſtands einheimiſcher Kreiſe aufgegeben. Zum
Erzbiſchof von Reims erhoben, hatte er ſich dort, vom König, ſeinem
undankbaren einſtigen Schüler, im Stich gelaſſen, ebenſowenig wie in
Bobbio behaupten können. Nach einem lebhaften Kampf, von dem wir
in anderem Zuſammenhang zu reden haben werden, hatte er ſich in den
Schutz Ottos III. geflüchtet, der ihn mit dem Erzbistum Ravenna
entſchädigte. Nun war er Papſt und nannte ſich Silveſter II. Eine
der merkwürdigſten Geſtalten in Jahrhunderten: Gelehrter von wunder-
barer Vielſeitigkeit, Philoſoph, Mathematiker, Aſtronom und Schön-
geiſt, Kenner der alten Schriftſteller und Schöpfer der muſikaliſchen
Theorie, iſt er den Zeitgenoſſen mit ſeinem erſtaunlichen Wiſſen un-

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[207/0216] Silveſter II. zu ſehen. Bei ſeinem Herannahen flüchtete Philagathos aus Rom und verbarg ſich in einer Burg, wurde aber von ſeinen Feinden entdeckt und ſofort aufs gräßlichſte verſtümmelt. Man ſchnitt ihm Naſe und Zunge ab und ſtach ihm die Augen aus, damit nicht etwa der Kaiſer ihn ſtraflos ausgehen laſſe. Otto erſchien zu Oſtern 998 in Rom, von der Stadt ohne Widerſtand aufgenommen, und eröffnete die Belagerung der Engels- burg, in die ſich Crescentius zurückgezogen hatte. Sie wurde geſtürmt, Crescentius enthauptet, ſein Leichnam von der Zinne herabgeſtürzt und mit zwölf Genoſſen am Galgen aufgehängt. Den unglücklichen Gegen- papſt verurteilte eine Synode zur Abſetzung. Jn ſchimpflichem Aufzug, rückwärts auf einem Eſel ſitzend, ein Euter auf dem Kopf, wurde der Blinde durch die Straßen geführt. Jn Kloſterhaft hat er noch einige Jahre gelebt. Gregor V. konnte ſeinen Platz wieder einnehmen, freilich nur, um ſchon zu Anfang des nächſten Jahres (Februar 999) zu ſterben. Wieder beherrſchte der junge Kaiſer die Lage ſo völlig, daß er den Römern die Wahl eines Fremden vorſchreiben konnte, die ſie ohne Weigerung vollzogen. Und wiederum war es ein Vertrauensmann des Kaiſers, den ſie zu wählen hatten; diesmal kein Deutſcher, ſondern ein Franzoſe, Gerbert, die wiſſenſchaftliche Leuchte der franzöſiſchen Geiſt- lichkeit, berühmt in Deutſchland und Jtalien, unbeſtritten der größte Ge- lehrte ſeiner Zeit. Erzogen im Kloſter Aurillac, dann Domſchulmeiſter in Reims, wo ihm die Schüler von überall zuſtrömten, war er dem ſächſiſchen Herrſcherhaus von früherher verbunden und mit Otto III. ſeit kurzem in einem brieflichen und perſönlichen Verkehr, der die Züge hochgeſtimmter Geiſtesgemeinſchaft und perſönlicher Freundſchaft trägt. Gerbert hatte von Otto II. die Abtei Bobbio im Genueſiſchen erhalten, ſie aber wegen des Widerſtands einheimiſcher Kreiſe aufgegeben. Zum Erzbiſchof von Reims erhoben, hatte er ſich dort, vom König, ſeinem undankbaren einſtigen Schüler, im Stich gelaſſen, ebenſowenig wie in Bobbio behaupten können. Nach einem lebhaften Kampf, von dem wir in anderem Zuſammenhang zu reden haben werden, hatte er ſich in den Schutz Ottos III. geflüchtet, der ihn mit dem Erzbistum Ravenna entſchädigte. Nun war er Papſt und nannte ſich Silveſter II. Eine der merkwürdigſten Geſtalten in Jahrhunderten: Gelehrter von wunder- barer Vielſeitigkeit, Philoſoph, Mathematiker, Aſtronom und Schön- geiſt, Kenner der alten Schriftſteller und Schöpfer der muſikaliſchen Theorie, iſt er den Zeitgenoſſen mit ſeinem erſtaunlichen Wiſſen un-

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 207. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/216>, abgerufen am 05.08.2020.