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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Otto III. in Rom
des künftigen Kaisers eine Versöhnung der Parteien stattgefunden
haben. Nun wurde Otto gebeten, den neuen Papst zu bestimmen. Er
entschied sich für seinen Vetter Brun, den jungen Sohn eines Herzogs
von Kärnten und Urenkel Ottos I. Es war das erste Mal, daß der römischen
Kirche ein Deutscher vorgesetzt wurde, ein völlig Fremder, der Land und
Leute, die er regieren sollte, so wenig kannte wie sie ihn. Wie stark muß
der Eindruck der deutschen Überlegenheit gewesen sein, daß ein Herrscher,
der noch nicht einmal Kaiser war, den Römern so etwas zumuten konnte!
Sie erhoben keinen Widerspruch, auch Crescentius fügte sich, und durch
die Erzbischöfe von Mainz und Köln nach Rom geleitet wurde Brun
in einstimmiger Wahl von Geistlichkeit und Volk zum Papst erhoben.
Er nannte sich Gregor V.; durch die Erinnerung an den bekanntesten
unter seinen Vorgängern hoffte er wohl die Herzen der Römer zu ge-
winnen. Bald folgte der König selbst und empfing am Himmelfahrtstag
(21. Mai) Huldigung und Krönung als Kaiser.

Die Einsetzung eines Fremden, der in der Stadt keine Partei und
hinter sich nichts weiter hatte als die Macht des Kaisers, war ein Ver-
such, über den Parteien zu regieren. Der Versuch erwies sich sogleich
als verfehlt. Otto hatte den Mißgriff begangen, den bisherigen Stadt-
herrn wegen seiner Gegnerschaft gegen den verstorbenen Papst zwar zur
Verbannung verurteilen zu lassen, aber zu begnadigen. Damit hatte er
ihn nicht gewonnen. Kaum hatte der Kaiser Jtalien verlassen, so benutzte
Crescentius die Abwesenheit Gregors, der in Pavia eine Synode abhielt,
um einen Gegenpapst zu erheben. Er hieß Philagathos und war ein
Grieche aus Kalabrien. Durch die Gunst Theophanos am Hofe Ottos II.
emporgekommen, mit dem Bistum Piacenza ausgestattet und mit dem
erzbischöflichen Titel ausgezeichnet, war er von Otto III. vor zwei
Jahren nach Konstantinopel gesandt worden, um für seinen Herrn die
Hand einer griechischen Kaisertochter zu erbitten. Auf der Rückreise be-
fand er sich in Begleitung eines griechischen Gesandten gerade in Rom,
als Crescentius zum Sturze Gregors schritt, und der Ehrgeiz verleitete
ihn, die angebotene Rolle zu übernehmen. Er nannte sich Johannes XVI.
und wird geglaubt haben, dank seinen alten Beziehungen zum
deutschen Hof sich behaupten zu können. Die Rechnung erwies sich
als falsch. Nichts nutzte es dem Griechen, der nirgends Anerkennung
fand, daß er sich Otto unterwürfig näherte. Otto eilte, sobald die deut-
schen Angelegenheiten ihn freiließen, über die Alpen, um zum Rechten

Otto III. in Rom
des künftigen Kaiſers eine Verſöhnung der Parteien ſtattgefunden
haben. Nun wurde Otto gebeten, den neuen Papſt zu beſtimmen. Er
entſchied ſich für ſeinen Vetter Brun, den jungen Sohn eines Herzogs
von Kärnten und Urenkel Ottos I. Es war das erſte Mal, daß der römiſchen
Kirche ein Deutſcher vorgeſetzt wurde, ein völlig Fremder, der Land und
Leute, die er regieren ſollte, ſo wenig kannte wie ſie ihn. Wie ſtark muß
der Eindruck der deutſchen Überlegenheit geweſen ſein, daß ein Herrſcher,
der noch nicht einmal Kaiſer war, den Römern ſo etwas zumuten konnte!
Sie erhoben keinen Widerſpruch, auch Crescentius fügte ſich, und durch
die Erzbiſchöfe von Mainz und Köln nach Rom geleitet wurde Brun
in einſtimmiger Wahl von Geiſtlichkeit und Volk zum Papſt erhoben.
Er nannte ſich Gregor V.; durch die Erinnerung an den bekannteſten
unter ſeinen Vorgängern hoffte er wohl die Herzen der Römer zu ge-
winnen. Bald folgte der König ſelbſt und empfing am Himmelfahrtstag
(21. Mai) Huldigung und Krönung als Kaiſer.

Die Einſetzung eines Fremden, der in der Stadt keine Partei und
hinter ſich nichts weiter hatte als die Macht des Kaiſers, war ein Ver-
ſuch, über den Parteien zu regieren. Der Verſuch erwies ſich ſogleich
als verfehlt. Otto hatte den Mißgriff begangen, den bisherigen Stadt-
herrn wegen ſeiner Gegnerſchaft gegen den verſtorbenen Papſt zwar zur
Verbannung verurteilen zu laſſen, aber zu begnadigen. Damit hatte er
ihn nicht gewonnen. Kaum hatte der Kaiſer Jtalien verlaſſen, ſo benutzte
Crescentius die Abweſenheit Gregors, der in Pavia eine Synode abhielt,
um einen Gegenpapſt zu erheben. Er hieß Philagathos und war ein
Grieche aus Kalabrien. Durch die Gunſt Theophanos am Hofe Ottos II.
emporgekommen, mit dem Bistum Piacenza ausgeſtattet und mit dem
erzbiſchöflichen Titel ausgezeichnet, war er von Otto III. vor zwei
Jahren nach Konſtantinopel geſandt worden, um für ſeinen Herrn die
Hand einer griechiſchen Kaiſertochter zu erbitten. Auf der Rückreiſe be-
fand er ſich in Begleitung eines griechiſchen Geſandten gerade in Rom,
als Crescentius zum Sturze Gregors ſchritt, und der Ehrgeiz verleitete
ihn, die angebotene Rolle zu übernehmen. Er nannte ſich Johannes XVI.
und wird geglaubt haben, dank ſeinen alten Beziehungen zum
deutſchen Hof ſich behaupten zu können. Die Rechnung erwies ſich
als falſch. Nichts nutzte es dem Griechen, der nirgends Anerkennung
fand, daß er ſich Otto unterwürfig näherte. Otto eilte, ſobald die deut-
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[206/0215] Otto III. in Rom des künftigen Kaiſers eine Verſöhnung der Parteien ſtattgefunden haben. Nun wurde Otto gebeten, den neuen Papſt zu beſtimmen. Er entſchied ſich für ſeinen Vetter Brun, den jungen Sohn eines Herzogs von Kärnten und Urenkel Ottos I. Es war das erſte Mal, daß der römiſchen Kirche ein Deutſcher vorgeſetzt wurde, ein völlig Fremder, der Land und Leute, die er regieren ſollte, ſo wenig kannte wie ſie ihn. Wie ſtark muß der Eindruck der deutſchen Überlegenheit geweſen ſein, daß ein Herrſcher, der noch nicht einmal Kaiſer war, den Römern ſo etwas zumuten konnte! Sie erhoben keinen Widerſpruch, auch Crescentius fügte ſich, und durch die Erzbiſchöfe von Mainz und Köln nach Rom geleitet wurde Brun in einſtimmiger Wahl von Geiſtlichkeit und Volk zum Papſt erhoben. Er nannte ſich Gregor V.; durch die Erinnerung an den bekannteſten unter ſeinen Vorgängern hoffte er wohl die Herzen der Römer zu ge- winnen. Bald folgte der König ſelbſt und empfing am Himmelfahrtstag (21. Mai) Huldigung und Krönung als Kaiſer. Die Einſetzung eines Fremden, der in der Stadt keine Partei und hinter ſich nichts weiter hatte als die Macht des Kaiſers, war ein Ver- ſuch, über den Parteien zu regieren. Der Verſuch erwies ſich ſogleich als verfehlt. Otto hatte den Mißgriff begangen, den bisherigen Stadt- herrn wegen ſeiner Gegnerſchaft gegen den verſtorbenen Papſt zwar zur Verbannung verurteilen zu laſſen, aber zu begnadigen. Damit hatte er ihn nicht gewonnen. Kaum hatte der Kaiſer Jtalien verlaſſen, ſo benutzte Crescentius die Abweſenheit Gregors, der in Pavia eine Synode abhielt, um einen Gegenpapſt zu erheben. Er hieß Philagathos und war ein Grieche aus Kalabrien. Durch die Gunſt Theophanos am Hofe Ottos II. emporgekommen, mit dem Bistum Piacenza ausgeſtattet und mit dem erzbiſchöflichen Titel ausgezeichnet, war er von Otto III. vor zwei Jahren nach Konſtantinopel geſandt worden, um für ſeinen Herrn die Hand einer griechiſchen Kaiſertochter zu erbitten. Auf der Rückreiſe be- fand er ſich in Begleitung eines griechiſchen Geſandten gerade in Rom, als Crescentius zum Sturze Gregors ſchritt, und der Ehrgeiz verleitete ihn, die angebotene Rolle zu übernehmen. Er nannte ſich Johannes XVI. und wird geglaubt haben, dank ſeinen alten Beziehungen zum deutſchen Hof ſich behaupten zu können. Die Rechnung erwies ſich als falſch. Nichts nutzte es dem Griechen, der nirgends Anerkennung fand, daß er ſich Otto unterwürfig näherte. Otto eilte, ſobald die deut- ſchen Angelegenheiten ihn freiließen, über die Alpen, um zum Rechten

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 206. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/215>, abgerufen am 15.08.2020.