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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Die Crescentier
jüngere Crescentius, stand an der Spitze des Adels und der Gemeinde,
hieß Konsul und Dux wie sein Ahnherr Theophylakt, und nannte sich
sogar Patritius wie Alberich, ob auf Grund kaiserlicher Verleihung
oder aus eigener Machtvollkommenheit, ist nicht zu erkennen. Das
Kaisertum grundsätzlich zu leugnen, war dabei so wenig die Absicht, daß
man einmal im Winter 989 auf 990, wir wissen nicht aus welchem An-
laß, die Witwe Ottos II., Theophano, als regierende Kaiserin in Rom
aufnahm und walten ließ. Ein deutscher Annalist bemerkt dazu, sie habe
"das gesamte Land ihrem Sohn unterworfen", was höchstens so viel
bedeuten kann, daß dem Knaben die Anwartschaft auf das Kaisertum
zuerkannt wurde. Den herrschenden Gewalten fügte sich der Papst, der
nach dem Tode Bonifatius' VII. erhoben wurde, Johannes XV. Er
war der Sohn eines Priesters, als Gelehrter und Schriftsteller ange-
sehen, aber kein Freund der Geistlichen, und begünstigte seine Ver-
wandten auf jede Art. Wenn er nicht durch Abstammung selbst zu
den Crescentiern gehörte, so war er doch ihr Geschöpf und verschwägerte
sein Haus mit dem ihren. Wegen Habgier und Käuflichkeit war seine
Regierung weithin verrufen. Daß sie nicht selbständig war, wußte man:
der Patritius befahl auch in kirchlichen Dingen, und wer etwas erreichen
wollte, mußte seine Gunst erkaufen.

Da geschah es, daß Papst und Patritius Feinde wurden. Die Ur-
sache ist ebenso unbekannt wie der Hergang. Wir erfahren nur, daß
Johannes XV. zeitweilig gefangen war, daß es ihm aber gelang, frei
zu werden, Rom zu verlassen und im Norden der Stadt, im römischen
Toskana, Aufenthalt zu nehmen. Vielleicht hat es sich um eine Spal-
tung im regierenden Hause gehandelt, bei der die Anhänger des Papstes
dem offenen Kampf auswichen, da sie wußten, daß Hilfe für sie schon
unterwegs war. Denn um dieselbe Zeit war König Otto III., soeben mit
fünfzehn Jahren für mündig erklärt, von Jtalienern und Römern zu-
gleich eingeladen worden, sein italisches Königreich in Besitz zu nehmen
und in Rom die Kaiserkrone zu empfangen. Jn Rom müssen damals
Parteikämpfe gespielt haben, von denen wir nichts wissen; ihr Ergebnis
war, daß Gesandte des Papstes Otto III. die Einladung überbrachten
und eine zustimmende Antwort erhielten. Jm Frühjahr 996 machte der
König sich auf, zu Ostern war er in Pavia. Jn Ravenna empfing er
Gesandte der Römer, die ihm meldeten, Johannes XV. sei gestorben.
Er hatte nach Rom zurückkehren dürfen, es wird also beim Herannahen

Die Crescentier
jüngere Crescentius, ſtand an der Spitze des Adels und der Gemeinde,
hieß Konſul und Dux wie ſein Ahnherr Theophylakt, und nannte ſich
ſogar Patritius wie Alberich, ob auf Grund kaiſerlicher Verleihung
oder aus eigener Machtvollkommenheit, iſt nicht zu erkennen. Das
Kaiſertum grundſätzlich zu leugnen, war dabei ſo wenig die Abſicht, daß
man einmal im Winter 989 auf 990, wir wiſſen nicht aus welchem An-
laß, die Witwe Ottos II., Theophano, als regierende Kaiſerin in Rom
aufnahm und walten ließ. Ein deutſcher Annaliſt bemerkt dazu, ſie habe
„das geſamte Land ihrem Sohn unterworfen“, was höchſtens ſo viel
bedeuten kann, daß dem Knaben die Anwartſchaft auf das Kaiſertum
zuerkannt wurde. Den herrſchenden Gewalten fügte ſich der Papſt, der
nach dem Tode Bonifatius' VII. erhoben wurde, Johannes XV. Er
war der Sohn eines Prieſters, als Gelehrter und Schriftſteller ange-
ſehen, aber kein Freund der Geiſtlichen, und begünſtigte ſeine Ver-
wandten auf jede Art. Wenn er nicht durch Abſtammung ſelbſt zu
den Crescentiern gehörte, ſo war er doch ihr Geſchöpf und verſchwägerte
ſein Haus mit dem ihren. Wegen Habgier und Käuflichkeit war ſeine
Regierung weithin verrufen. Daß ſie nicht ſelbſtändig war, wußte man:
der Patritius befahl auch in kirchlichen Dingen, und wer etwas erreichen
wollte, mußte ſeine Gunſt erkaufen.

Da geſchah es, daß Papſt und Patritius Feinde wurden. Die Ur-
ſache iſt ebenſo unbekannt wie der Hergang. Wir erfahren nur, daß
Johannes XV. zeitweilig gefangen war, daß es ihm aber gelang, frei
zu werden, Rom zu verlaſſen und im Norden der Stadt, im römiſchen
Toskana, Aufenthalt zu nehmen. Vielleicht hat es ſich um eine Spal-
tung im regierenden Hauſe gehandelt, bei der die Anhänger des Papſtes
dem offenen Kampf auswichen, da ſie wußten, daß Hilfe für ſie ſchon
unterwegs war. Denn um dieſelbe Zeit war König Otto III., ſoeben mit
fünfzehn Jahren für mündig erklärt, von Jtalienern und Römern zu-
gleich eingeladen worden, ſein italiſches Königreich in Beſitz zu nehmen
und in Rom die Kaiſerkrone zu empfangen. Jn Rom müſſen damals
Parteikämpfe geſpielt haben, von denen wir nichts wiſſen; ihr Ergebnis
war, daß Geſandte des Papſtes Otto III. die Einladung überbrachten
und eine zuſtimmende Antwort erhielten. Jm Frühjahr 996 machte der
König ſich auf, zu Oſtern war er in Pavia. Jn Ravenna empfing er
Geſandte der Römer, die ihm meldeten, Johannes XV. ſei geſtorben.
Er hatte nach Rom zurückkehren dürfen, es wird alſo beim Herannahen

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[205/0214] Die Crescentier jüngere Crescentius, ſtand an der Spitze des Adels und der Gemeinde, hieß Konſul und Dux wie ſein Ahnherr Theophylakt, und nannte ſich ſogar Patritius wie Alberich, ob auf Grund kaiſerlicher Verleihung oder aus eigener Machtvollkommenheit, iſt nicht zu erkennen. Das Kaiſertum grundſätzlich zu leugnen, war dabei ſo wenig die Abſicht, daß man einmal im Winter 989 auf 990, wir wiſſen nicht aus welchem An- laß, die Witwe Ottos II., Theophano, als regierende Kaiſerin in Rom aufnahm und walten ließ. Ein deutſcher Annaliſt bemerkt dazu, ſie habe „das geſamte Land ihrem Sohn unterworfen“, was höchſtens ſo viel bedeuten kann, daß dem Knaben die Anwartſchaft auf das Kaiſertum zuerkannt wurde. Den herrſchenden Gewalten fügte ſich der Papſt, der nach dem Tode Bonifatius' VII. erhoben wurde, Johannes XV. Er war der Sohn eines Prieſters, als Gelehrter und Schriftſteller ange- ſehen, aber kein Freund der Geiſtlichen, und begünſtigte ſeine Ver- wandten auf jede Art. Wenn er nicht durch Abſtammung ſelbſt zu den Crescentiern gehörte, ſo war er doch ihr Geſchöpf und verſchwägerte ſein Haus mit dem ihren. Wegen Habgier und Käuflichkeit war ſeine Regierung weithin verrufen. Daß ſie nicht ſelbſtändig war, wußte man: der Patritius befahl auch in kirchlichen Dingen, und wer etwas erreichen wollte, mußte ſeine Gunſt erkaufen. Da geſchah es, daß Papſt und Patritius Feinde wurden. Die Ur- ſache iſt ebenſo unbekannt wie der Hergang. Wir erfahren nur, daß Johannes XV. zeitweilig gefangen war, daß es ihm aber gelang, frei zu werden, Rom zu verlaſſen und im Norden der Stadt, im römiſchen Toskana, Aufenthalt zu nehmen. Vielleicht hat es ſich um eine Spal- tung im regierenden Hauſe gehandelt, bei der die Anhänger des Papſtes dem offenen Kampf auswichen, da ſie wußten, daß Hilfe für ſie ſchon unterwegs war. Denn um dieſelbe Zeit war König Otto III., ſoeben mit fünfzehn Jahren für mündig erklärt, von Jtalienern und Römern zu- gleich eingeladen worden, ſein italiſches Königreich in Beſitz zu nehmen und in Rom die Kaiſerkrone zu empfangen. Jn Rom müſſen damals Parteikämpfe geſpielt haben, von denen wir nichts wiſſen; ihr Ergebnis war, daß Geſandte des Papſtes Otto III. die Einladung überbrachten und eine zuſtimmende Antwort erhielten. Jm Frühjahr 996 machte der König ſich auf, zu Oſtern war er in Pavia. Jn Ravenna empfing er Geſandte der Römer, die ihm meldeten, Johannes XV. ſei geſtorben. Er hatte nach Rom zurückkehren dürfen, es wird alſo beim Herannahen

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 205. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/214>, abgerufen am 15.08.2020.