Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

Bild:
<< vorherige Seite

Die Crescentier
später als Mönch in einem römischen Kloster gestorben, und seine Grab-
schrift deutet an, daß er für seine Fehler gebüßt und sie bereut habe. Es
scheint, daß er sich zurückgezogen hat und geschont worden ist. Seine
Familie behauptete jedoch ihre Stellung, denn der nächste Papst, Bene-
dikt VII., mit kaiserlicher Genehmigung geweiht, gehörte ihr an. Er hat
neun Jahre regiert, ohne daß von ihm etwas gemeldet würde. Als er im
Juli 983 starb, weilte Kaiser Otto II. in Jtalien, nach seinem unglück-
lichen Feldzug gegen die Araber mit den Vorbereitungen zu einem zweiten
beschäftigt. Er konnte die Erhebung seines Kanzlers, des Bischofs
Johannes von Pavia, bewirken. Aber wenig später starb er selbst,
von kurzer Krankheit weggerafft (7. Dezember 983), seinen Papst ohne
Schutz und Rückhalt im fremden Rom zurücklassend. Es dauerte denn
auch kaum drei Vierteljahre, so wurde Johannes XIV. gestürzt. Boni-
fatius-Franco war aus Konstantinopel zurückgekehrt, gerufen von einem
Sohn des Crescentius gleichen Namens und von ihm auf den Thron
erhoben. Johannes XIV. wurde gefangengenommen und nach vier-
monatiger Kerkerqual umgebracht. Aber nicht lang erfreute sich Boni-
fatius VII. seiner Würde. Schon nach elf Monaten verschied er plötz-
lich. Sein Tod erinnert an den Johannes' VIII. Ob man ihn er-
mordet hat, ist nicht klar, aber seinen eigenen Leuten war er so verhaßt
gewesen, daß sie seinen Leichnam durchstachen, ihn nackt an den Füßen
ins Freie schleiften und über Nacht dort liegen ließen. Andern Morgens
fanden ihn vorübergehende Geistliche und bestatteten ihn (Juli 985).

Einen Kaiser gab es seit dem Tode Ottos II. nicht mehr. Der drei-
jährige Otto III. wurde zwar im Königreich Jtalien und nach einigen
Kämpfen auch in Deutschland als König anerkannt, das römische
Kaisertum jedoch, das keine erbliche Würde war, besaß er nicht.
Rom war wieder unabhängig, und die Crescentier regierten. Mit ihrem
Grundbesitz und ihren Burgen beherrschten sie selbst die Umgebung der
Stadt im Osten und Norden, die Sabina und das römische Toskana,
während ihre nächsten Verwandten, Nachkommen einer Tochter Albe-
richs, im Süden, in der Campagna, von Tuskulum aus ihre Macht
ausübten. Diese wie jene nannten sich comites, Grafen, denn schon waren
mit den Formen und Begriffen des Lehnrechts auch die entsprechenden
fränkischen Bezeichnungen aus dem italischen Königreich ins römische
Gebiet eingedrungen. Einstweilen hatte der Zweig der Crescentier die
Führung des Gesamthauses, und ihr Haupt, der vorhin erwähnte

Die Crescentier
ſpäter als Mönch in einem römiſchen Kloſter geſtorben, und ſeine Grab-
ſchrift deutet an, daß er für ſeine Fehler gebüßt und ſie bereut habe. Es
ſcheint, daß er ſich zurückgezogen hat und geſchont worden iſt. Seine
Familie behauptete jedoch ihre Stellung, denn der nächſte Papſt, Bene-
dikt VII., mit kaiſerlicher Genehmigung geweiht, gehörte ihr an. Er hat
neun Jahre regiert, ohne daß von ihm etwas gemeldet würde. Als er im
Juli 983 ſtarb, weilte Kaiſer Otto II. in Jtalien, nach ſeinem unglück-
lichen Feldzug gegen die Araber mit den Vorbereitungen zu einem zweiten
beſchäftigt. Er konnte die Erhebung ſeines Kanzlers, des Biſchofs
Johannes von Pavia, bewirken. Aber wenig ſpäter ſtarb er ſelbſt,
von kurzer Krankheit weggerafft (7. Dezember 983), ſeinen Papſt ohne
Schutz und Rückhalt im fremden Rom zurücklaſſend. Es dauerte denn
auch kaum drei Vierteljahre, ſo wurde Johannes XIV. geſtürzt. Boni-
fatius-Franco war aus Konſtantinopel zurückgekehrt, gerufen von einem
Sohn des Crescentius gleichen Namens und von ihm auf den Thron
erhoben. Johannes XIV. wurde gefangengenommen und nach vier-
monatiger Kerkerqual umgebracht. Aber nicht lang erfreute ſich Boni-
fatius VII. ſeiner Würde. Schon nach elf Monaten verſchied er plötz-
lich. Sein Tod erinnert an den Johannes' VIII. Ob man ihn er-
mordet hat, iſt nicht klar, aber ſeinen eigenen Leuten war er ſo verhaßt
geweſen, daß ſie ſeinen Leichnam durchſtachen, ihn nackt an den Füßen
ins Freie ſchleiften und über Nacht dort liegen ließen. Andern Morgens
fanden ihn vorübergehende Geiſtliche und beſtatteten ihn (Juli 985).

Einen Kaiſer gab es ſeit dem Tode Ottos II. nicht mehr. Der drei-
jährige Otto III. wurde zwar im Königreich Jtalien und nach einigen
Kämpfen auch in Deutſchland als König anerkannt, das römiſche
Kaiſertum jedoch, das keine erbliche Würde war, beſaß er nicht.
Rom war wieder unabhängig, und die Crescentier regierten. Mit ihrem
Grundbeſitz und ihren Burgen beherrſchten ſie ſelbſt die Umgebung der
Stadt im Oſten und Norden, die Sabina und das römiſche Toskana,
während ihre nächſten Verwandten, Nachkommen einer Tochter Albe-
richs, im Süden, in der Campagna, von Tuskulum aus ihre Macht
ausübten. Dieſe wie jene nannten ſich comites, Grafen, denn ſchon waren
mit den Formen und Begriffen des Lehnrechts auch die entſprechenden
fränkiſchen Bezeichnungen aus dem italiſchen Königreich ins römiſche
Gebiet eingedrungen. Einſtweilen hatte der Zweig der Crescentier die
Führung des Geſamthauſes, und ihr Haupt, der vorhin erwähnte

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <p><pb facs="#f0213" n="204"/><fw place="top" type="header"><hi rendition="#g">Die Crescentier</hi></fw><lb/>
&#x017F;päter als Mönch in einem römi&#x017F;chen Klo&#x017F;ter ge&#x017F;torben, und &#x017F;eine Grab-<lb/>
&#x017F;chrift deutet an, daß er für &#x017F;eine Fehler gebüßt und &#x017F;ie bereut habe. Es<lb/>
&#x017F;cheint, daß er &#x017F;ich zurückgezogen hat und ge&#x017F;chont worden i&#x017F;t. Seine<lb/>
Familie behauptete jedoch ihre Stellung, denn der näch&#x017F;te Pap&#x017F;t, Bene-<lb/>
dikt <hi rendition="#aq">VII</hi>., mit kai&#x017F;erlicher Genehmigung geweiht, gehörte ihr an. Er hat<lb/>
neun Jahre regiert, ohne daß von ihm etwas gemeldet würde. Als er im<lb/>
Juli 983 &#x017F;tarb, weilte Kai&#x017F;er Otto <hi rendition="#aq">II</hi>. in Jtalien, nach &#x017F;einem unglück-<lb/>
lichen Feldzug gegen die Araber mit den Vorbereitungen zu einem zweiten<lb/>
be&#x017F;chäftigt. Er konnte die Erhebung &#x017F;eines Kanzlers, des Bi&#x017F;chofs<lb/>
Johannes von Pavia, bewirken. Aber wenig &#x017F;päter &#x017F;tarb er &#x017F;elb&#x017F;t,<lb/>
von kurzer Krankheit weggerafft (7. Dezember 983), &#x017F;einen Pap&#x017F;t ohne<lb/>
Schutz und Rückhalt im fremden Rom zurückla&#x017F;&#x017F;end. Es dauerte denn<lb/>
auch kaum drei Vierteljahre, &#x017F;o wurde Johannes <hi rendition="#aq">XIV</hi>. ge&#x017F;türzt. Boni-<lb/>
fatius-Franco war aus Kon&#x017F;tantinopel zurückgekehrt, gerufen von einem<lb/>
Sohn des Crescentius gleichen Namens und von ihm auf den Thron<lb/>
erhoben. Johannes <hi rendition="#aq">XIV</hi>. wurde gefangengenommen und nach vier-<lb/>
monatiger Kerkerqual umgebracht. Aber nicht lang erfreute &#x017F;ich Boni-<lb/>
fatius <hi rendition="#aq">VII</hi>. &#x017F;einer Würde. Schon nach elf Monaten ver&#x017F;chied er plötz-<lb/>
lich. Sein Tod erinnert an den Johannes' <hi rendition="#aq">VIII</hi>. Ob man ihn er-<lb/>
mordet hat, i&#x017F;t nicht klar, aber &#x017F;einen eigenen Leuten war er &#x017F;o verhaßt<lb/>
gewe&#x017F;en, daß &#x017F;ie &#x017F;einen Leichnam durch&#x017F;tachen, ihn nackt an den Füßen<lb/>
ins Freie &#x017F;chleiften und über Nacht dort liegen ließen. Andern Morgens<lb/>
fanden ihn vorübergehende Gei&#x017F;tliche und be&#x017F;tatteten ihn (Juli 985).</p><lb/>
          <p>Einen Kai&#x017F;er gab es &#x017F;eit dem Tode Ottos <hi rendition="#aq">II</hi>. nicht mehr. Der drei-<lb/>
jährige Otto <hi rendition="#aq">III</hi>. wurde zwar im Königreich Jtalien und nach einigen<lb/>
Kämpfen auch in Deut&#x017F;chland als König anerkannt, das römi&#x017F;che<lb/>
Kai&#x017F;ertum jedoch, das keine erbliche Würde war, be&#x017F;aß er nicht.<lb/>
Rom war wieder unabhängig, und die Crescentier regierten. Mit ihrem<lb/>
Grundbe&#x017F;itz und ihren Burgen beherr&#x017F;chten &#x017F;ie &#x017F;elb&#x017F;t die Umgebung der<lb/>
Stadt im O&#x017F;ten und Norden, die Sabina und das römi&#x017F;che Toskana,<lb/>
während ihre näch&#x017F;ten Verwandten, Nachkommen einer Tochter Albe-<lb/>
richs, im Süden, in der Campagna, von Tuskulum aus ihre Macht<lb/>
ausübten. Die&#x017F;e wie jene nannten &#x017F;ich <hi rendition="#aq">comites</hi>, Grafen, denn &#x017F;chon waren<lb/>
mit den Formen und Begriffen des Lehnrechts auch die ent&#x017F;prechenden<lb/>
fränki&#x017F;chen Bezeichnungen aus dem itali&#x017F;chen Königreich ins römi&#x017F;che<lb/>
Gebiet eingedrungen. Ein&#x017F;tweilen hatte der Zweig der Crescentier die<lb/>
Führung des Ge&#x017F;amthau&#x017F;es, und ihr Haupt, der vorhin erwähnte<lb/></p>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[204/0213] Die Crescentier ſpäter als Mönch in einem römiſchen Kloſter geſtorben, und ſeine Grab- ſchrift deutet an, daß er für ſeine Fehler gebüßt und ſie bereut habe. Es ſcheint, daß er ſich zurückgezogen hat und geſchont worden iſt. Seine Familie behauptete jedoch ihre Stellung, denn der nächſte Papſt, Bene- dikt VII., mit kaiſerlicher Genehmigung geweiht, gehörte ihr an. Er hat neun Jahre regiert, ohne daß von ihm etwas gemeldet würde. Als er im Juli 983 ſtarb, weilte Kaiſer Otto II. in Jtalien, nach ſeinem unglück- lichen Feldzug gegen die Araber mit den Vorbereitungen zu einem zweiten beſchäftigt. Er konnte die Erhebung ſeines Kanzlers, des Biſchofs Johannes von Pavia, bewirken. Aber wenig ſpäter ſtarb er ſelbſt, von kurzer Krankheit weggerafft (7. Dezember 983), ſeinen Papſt ohne Schutz und Rückhalt im fremden Rom zurücklaſſend. Es dauerte denn auch kaum drei Vierteljahre, ſo wurde Johannes XIV. geſtürzt. Boni- fatius-Franco war aus Konſtantinopel zurückgekehrt, gerufen von einem Sohn des Crescentius gleichen Namens und von ihm auf den Thron erhoben. Johannes XIV. wurde gefangengenommen und nach vier- monatiger Kerkerqual umgebracht. Aber nicht lang erfreute ſich Boni- fatius VII. ſeiner Würde. Schon nach elf Monaten verſchied er plötz- lich. Sein Tod erinnert an den Johannes' VIII. Ob man ihn er- mordet hat, iſt nicht klar, aber ſeinen eigenen Leuten war er ſo verhaßt geweſen, daß ſie ſeinen Leichnam durchſtachen, ihn nackt an den Füßen ins Freie ſchleiften und über Nacht dort liegen ließen. Andern Morgens fanden ihn vorübergehende Geiſtliche und beſtatteten ihn (Juli 985). Einen Kaiſer gab es ſeit dem Tode Ottos II. nicht mehr. Der drei- jährige Otto III. wurde zwar im Königreich Jtalien und nach einigen Kämpfen auch in Deutſchland als König anerkannt, das römiſche Kaiſertum jedoch, das keine erbliche Würde war, beſaß er nicht. Rom war wieder unabhängig, und die Crescentier regierten. Mit ihrem Grundbeſitz und ihren Burgen beherrſchten ſie ſelbſt die Umgebung der Stadt im Oſten und Norden, die Sabina und das römiſche Toskana, während ihre nächſten Verwandten, Nachkommen einer Tochter Albe- richs, im Süden, in der Campagna, von Tuskulum aus ihre Macht ausübten. Dieſe wie jene nannten ſich comites, Grafen, denn ſchon waren mit den Formen und Begriffen des Lehnrechts auch die entſprechenden fränkiſchen Bezeichnungen aus dem italiſchen Königreich ins römiſche Gebiet eingedrungen. Einſtweilen hatte der Zweig der Crescentier die Führung des Geſamthauſes, und ihr Haupt, der vorhin erwähnte

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde im Rahmen des Moduls DTA-Erweiterungen (DTAE) digitalisiert. Weitere Informationen …




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/213
Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 204. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/213>, abgerufen am 15.08.2020.