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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Natur des deutschen Kaisertums
Erhebung verdankt, im übrigen jedoch unbehelligt in Stadt und Land
regieren darf.

Daß eine lose Oberhoheit dieser Art nur zu leicht Erschütterungen
ausgesetzt war, liegt auf der Hand. Sie haben sich des öfteren wieder-
holt, und man kann sich denken, daß Römerstolz, der sich gegen die Herr-
schaft des "barbarischen" Königs sträubte, dabei nicht unbeteiligt ge-
wesen ist. Jndessen die eigentliche Triebfeder der Kämpfe, die in den
folgenden Jahrzehnten immer wieder um den Stuhl Petri tobten, ist
dies nicht gewesen. Wir verfallen in den Fehler, der Vergangenheit
Gefühle und Gedanken unserer Zeit anzudichten, wenn wir uns das
deutsche Kaisertum als widerwillig geduldete Fremdherrschaft in stetem
Kampf mit römischem Nationalgefühl vorstellen*). Der Mönch am
Fuße des Soratte, der wenig später seine Chronik mit einem Weheruf
auf Rom, das so oft von Feinden, Galliern, Goten, und jetzt gar von den
Sachsen unterworfene und ausgeplünderte abbrach, hat schwerlich den
Sinn derer getroffen, die in der Stadt befahlen. Römische Adels-
geschlechter haben kein Arg gehabt, ihren eigenen Vorteil zu suchen,
indem sie einem fremden Kaiser huldigten, und wenn sie sich gegen ihn
erhoben, so geschah es nicht, weil er ein Fremder war, sondern weil er
ihre einheimischen Gegner begünstigte. Nichts ist verkehrter, als von
einem deutschen Joch zu reden, gegen das das Volk von Rom seine
Freiheit in immer erneuten Aufständen zu verteidigen gesucht hätte.
Ein deutsches Joch drückte nicht auf Rom, römische Geschlechter waren
es, die das Regiment ausübten und einander nach alter Gewohnheit
streitig machten, und wenn dabei etwa auch das Schlagwort von der
Fremdherrschaft erklungen sein sollte, so hat es doch nur die wahren
Beweggründe und Leidenschaften verhüllt. Denn jede Partei ist bereit
gewesen, dem fremden Herrn zu dienen, sobald der Dienst sich belohnte.

Das hatte sich schon in den ersten Anfängen gezeigt. Johannes XII.
hätte sich Otto unterworfen, wenn dieser bereit gewesen wäre, ihn wieder
einzusetzen. Nach seinem Tode sträubte seine Partei sich nicht gegen das
Kaisertum Ottos, das niemand anfocht, sondern gegen die Person seines
Papstes. Dasselbe Bild zeigte sich, als Leo VIII. (965) gestorben war.
Eine römische Gesandtschaft suchte Otto in Deutschland auf, deutsche
Gesandte gingen nach Rom, um die Wahl zu leiten. Sie fiel auf den

*) So hat es Gregorovius mit der bei ihm üblichen Rhetorik geschildert. Man kann
vor seiner Darstellung nur nachdrücklich warnen; sie entspricht nicht den Tatsachen.

Natur des deutſchen Kaiſertums
Erhebung verdankt, im übrigen jedoch unbehelligt in Stadt und Land
regieren darf.

Daß eine loſe Oberhoheit dieſer Art nur zu leicht Erſchütterungen
ausgeſetzt war, liegt auf der Hand. Sie haben ſich des öfteren wieder-
holt, und man kann ſich denken, daß Römerſtolz, der ſich gegen die Herr-
ſchaft des „barbariſchen“ Königs ſträubte, dabei nicht unbeteiligt ge-
weſen iſt. Jndeſſen die eigentliche Triebfeder der Kämpfe, die in den
folgenden Jahrzehnten immer wieder um den Stuhl Petri tobten, iſt
dies nicht geweſen. Wir verfallen in den Fehler, der Vergangenheit
Gefühle und Gedanken unſerer Zeit anzudichten, wenn wir uns das
deutſche Kaiſertum als widerwillig geduldete Fremdherrſchaft in ſtetem
Kampf mit römiſchem Nationalgefühl vorſtellen*). Der Mönch am
Fuße des Soratte, der wenig ſpäter ſeine Chronik mit einem Weheruf
auf Rom, das ſo oft von Feinden, Galliern, Goten, und jetzt gar von den
Sachſen unterworfene und ausgeplünderte abbrach, hat ſchwerlich den
Sinn derer getroffen, die in der Stadt befahlen. Römiſche Adels-
geſchlechter haben kein Arg gehabt, ihren eigenen Vorteil zu ſuchen,
indem ſie einem fremden Kaiſer huldigten, und wenn ſie ſich gegen ihn
erhoben, ſo geſchah es nicht, weil er ein Fremder war, ſondern weil er
ihre einheimiſchen Gegner begünſtigte. Nichts iſt verkehrter, als von
einem deutſchen Joch zu reden, gegen das das Volk von Rom ſeine
Freiheit in immer erneuten Aufſtänden zu verteidigen geſucht hätte.
Ein deutſches Joch drückte nicht auf Rom, römiſche Geſchlechter waren
es, die das Regiment ausübten und einander nach alter Gewohnheit
ſtreitig machten, und wenn dabei etwa auch das Schlagwort von der
Fremdherrſchaft erklungen ſein ſollte, ſo hat es doch nur die wahren
Beweggründe und Leidenſchaften verhüllt. Denn jede Partei iſt bereit
geweſen, dem fremden Herrn zu dienen, ſobald der Dienſt ſich belohnte.

Das hatte ſich ſchon in den erſten Anfängen gezeigt. Johannes XII.
hätte ſich Otto unterworfen, wenn dieſer bereit geweſen wäre, ihn wieder
einzuſetzen. Nach ſeinem Tode ſträubte ſeine Partei ſich nicht gegen das
Kaiſertum Ottos, das niemand anfocht, ſondern gegen die Perſon ſeines
Papſtes. Dasſelbe Bild zeigte ſich, als Leo VIII. (965) geſtorben war.
Eine römiſche Geſandtſchaft ſuchte Otto in Deutſchland auf, deutſche
Geſandte gingen nach Rom, um die Wahl zu leiten. Sie fiel auf den

*) So hat es Gregorovius mit der bei ihm üblichen Rhetorik geſchildert. Man kann
vor ſeiner Darſtellung nur nachdrücklich warnen; ſie entſpricht nicht den Tatſachen.
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[201/0210] Natur des deutſchen Kaiſertums Erhebung verdankt, im übrigen jedoch unbehelligt in Stadt und Land regieren darf. Daß eine loſe Oberhoheit dieſer Art nur zu leicht Erſchütterungen ausgeſetzt war, liegt auf der Hand. Sie haben ſich des öfteren wieder- holt, und man kann ſich denken, daß Römerſtolz, der ſich gegen die Herr- ſchaft des „barbariſchen“ Königs ſträubte, dabei nicht unbeteiligt ge- weſen iſt. Jndeſſen die eigentliche Triebfeder der Kämpfe, die in den folgenden Jahrzehnten immer wieder um den Stuhl Petri tobten, iſt dies nicht geweſen. Wir verfallen in den Fehler, der Vergangenheit Gefühle und Gedanken unſerer Zeit anzudichten, wenn wir uns das deutſche Kaiſertum als widerwillig geduldete Fremdherrſchaft in ſtetem Kampf mit römiſchem Nationalgefühl vorſtellen *). Der Mönch am Fuße des Soratte, der wenig ſpäter ſeine Chronik mit einem Weheruf auf Rom, das ſo oft von Feinden, Galliern, Goten, und jetzt gar von den Sachſen unterworfene und ausgeplünderte abbrach, hat ſchwerlich den Sinn derer getroffen, die in der Stadt befahlen. Römiſche Adels- geſchlechter haben kein Arg gehabt, ihren eigenen Vorteil zu ſuchen, indem ſie einem fremden Kaiſer huldigten, und wenn ſie ſich gegen ihn erhoben, ſo geſchah es nicht, weil er ein Fremder war, ſondern weil er ihre einheimiſchen Gegner begünſtigte. Nichts iſt verkehrter, als von einem deutſchen Joch zu reden, gegen das das Volk von Rom ſeine Freiheit in immer erneuten Aufſtänden zu verteidigen geſucht hätte. Ein deutſches Joch drückte nicht auf Rom, römiſche Geſchlechter waren es, die das Regiment ausübten und einander nach alter Gewohnheit ſtreitig machten, und wenn dabei etwa auch das Schlagwort von der Fremdherrſchaft erklungen ſein ſollte, ſo hat es doch nur die wahren Beweggründe und Leidenſchaften verhüllt. Denn jede Partei iſt bereit geweſen, dem fremden Herrn zu dienen, ſobald der Dienſt ſich belohnte. Das hatte ſich ſchon in den erſten Anfängen gezeigt. Johannes XII. hätte ſich Otto unterworfen, wenn dieſer bereit geweſen wäre, ihn wieder einzuſetzen. Nach ſeinem Tode ſträubte ſeine Partei ſich nicht gegen das Kaiſertum Ottos, das niemand anfocht, ſondern gegen die Perſon ſeines Papſtes. Dasſelbe Bild zeigte ſich, als Leo VIII. (965) geſtorben war. Eine römiſche Geſandtſchaft ſuchte Otto in Deutſchland auf, deutſche Geſandte gingen nach Rom, um die Wahl zu leiten. Sie fiel auf den *) So hat es Gregorovius mit der bei ihm üblichen Rhetorik geſchildert. Man kann vor ſeiner Darſtellung nur nachdrücklich warnen; ſie entſpricht nicht den Tatſachen.

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 201. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/210>, abgerufen am 05.08.2020.