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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Natur des deutschen Kaisertums
Frömmigkeit und Gelehrsamkeit ausgezeichneter Geistlicher, wäre seines
Amtes sicher würdig gewesen, Otto aber konnte und wollte seinen Papst
nicht fallen lassen, den die in Rom herrschend gewordene Partei ablehnte.
So mußten die Waffen entscheiden. Der Belagerung, bei der die
Stadt von allen Seiten eingeschlossen wurde, hielt die Bevölkerung
nicht stand, obgleich ihr Papst sie durch persönliche Teilnahme an der
Verteidigung ermutigte. Am 23. Juni öffneten sich die Tore, Benedikt
unterwarf sich, bat um Gnade, wurde zum Diakon degradiert und nach
Hamburg verbannt, wo er ein vorbildliches Leben geführt haben soll.
Es heißt, er sei gestorben, als man eben daran dachte, ihn auf den er-
ledigten päpstlichen Thron zurückzuberufen. Leo VIII., in seine Würde
wieder eingesetzt, behauptete sich auch nach dem Abzug der Deutschen
unangefochten bis zu seinem Tode.

Die Ereignisse von 962 bis 964 haben die Stellung des neuen Kaiser-
tums zu Rom grundsätzlich bestimmt. Die Regierung hat Otto I. völlig
dem Papst überlassen, nicht einmal einen ständigen Vertreter bestellt, der
die Aufsicht geübt hätte wie unter den fränkischen Kaisern zwischen 824
und 875, wozu er nach dem Wortlaut der Urkunde vom 13. Februar
962 berechtigt gewesen wäre. Um so nachdrücklicher bestand er darauf,
bei der Erhebung des Papstes entscheidend mitzuwirken. Einfluß auf sie
hatten schon die byzantinischen Kaiser seit Justinian sich gewahrt, indem
sie sich die Bestätigung des Gewählten vor der Weihe vorbehielten.
Jn etwas anderer Form war das gleiche im neunten Jahrhundert für
längere Zeit wieder in Kraft getreten. Es bedeutete ohne Zweifel ein
stärkeres Anziehen der Zügel, daß Otto schon bei der Wahl des Papstes
die Entscheidung für sich verlangte, und daß die Römer ihm dieses Recht
zugestanden. Es mag auf beiden Seiten als notwendig empfunden wor-
den sein, beim Kaiser um so mehr, je größere Selbständigkeit er dem
einmal eingesetzten Papst einräumte, während im römischen Adel die
Einsicht nicht gefehlt haben wird, daß bei der Schärfe der bestehenden
Gegensätze nur ein Papst sich halten könne, der auf den Kaiser zählen
durfte, und daß es darum besser sei, sich schon vor der Wahl dieses
Rückhalts zu versichern. Dies ist sozusagen das staatsrechtliche System,
das Otto I. begründet hat. Gestützt auf die Beherrschung des lango-
bardisch-italischen Königreichs übt der Kaiser eine Oberhoheit über Rom
und den Kirchenstaat, dessen jeweiliger Regent, der Papst, ihm seine

Natur des deutſchen Kaiſertums
Frömmigkeit und Gelehrſamkeit ausgezeichneter Geiſtlicher, wäre ſeines
Amtes ſicher würdig geweſen, Otto aber konnte und wollte ſeinen Papſt
nicht fallen laſſen, den die in Rom herrſchend gewordene Partei ablehnte.
So mußten die Waffen entſcheiden. Der Belagerung, bei der die
Stadt von allen Seiten eingeſchloſſen wurde, hielt die Bevölkerung
nicht ſtand, obgleich ihr Papſt ſie durch perſönliche Teilnahme an der
Verteidigung ermutigte. Am 23. Juni öffneten ſich die Tore, Benedikt
unterwarf ſich, bat um Gnade, wurde zum Diakon degradiert und nach
Hamburg verbannt, wo er ein vorbildliches Leben geführt haben ſoll.
Es heißt, er ſei geſtorben, als man eben daran dachte, ihn auf den er-
ledigten päpſtlichen Thron zurückzuberufen. Leo VIII., in ſeine Würde
wieder eingeſetzt, behauptete ſich auch nach dem Abzug der Deutſchen
unangefochten bis zu ſeinem Tode.

Die Ereigniſſe von 962 bis 964 haben die Stellung des neuen Kaiſer-
tums zu Rom grundſätzlich beſtimmt. Die Regierung hat Otto I. völlig
dem Papſt überlaſſen, nicht einmal einen ſtändigen Vertreter beſtellt, der
die Aufſicht geübt hätte wie unter den fränkiſchen Kaiſern zwiſchen 824
und 875, wozu er nach dem Wortlaut der Urkunde vom 13. Februar
962 berechtigt geweſen wäre. Um ſo nachdrücklicher beſtand er darauf,
bei der Erhebung des Papſtes entſcheidend mitzuwirken. Einfluß auf ſie
hatten ſchon die byzantiniſchen Kaiſer ſeit Juſtinian ſich gewahrt, indem
ſie ſich die Beſtätigung des Gewählten vor der Weihe vorbehielten.
Jn etwas anderer Form war das gleiche im neunten Jahrhundert für
längere Zeit wieder in Kraft getreten. Es bedeutete ohne Zweifel ein
ſtärkeres Anziehen der Zügel, daß Otto ſchon bei der Wahl des Papſtes
die Entſcheidung für ſich verlangte, und daß die Römer ihm dieſes Recht
zugeſtanden. Es mag auf beiden Seiten als notwendig empfunden wor-
den ſein, beim Kaiſer um ſo mehr, je größere Selbſtändigkeit er dem
einmal eingeſetzten Papſt einräumte, während im römiſchen Adel die
Einſicht nicht gefehlt haben wird, daß bei der Schärfe der beſtehenden
Gegenſätze nur ein Papſt ſich halten könne, der auf den Kaiſer zählen
durfte, und daß es darum beſſer ſei, ſich ſchon vor der Wahl dieſes
Rückhalts zu verſichern. Dies iſt ſozuſagen das ſtaatsrechtliche Syſtem,
das Otto I. begründet hat. Geſtützt auf die Beherrſchung des lango-
bardiſch-italiſchen Königreichs übt der Kaiſer eine Oberhoheit über Rom
und den Kirchenſtaat, deſſen jeweiliger Regent, der Papſt, ihm ſeine

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[200/0209] Natur des deutſchen Kaiſertums Frömmigkeit und Gelehrſamkeit ausgezeichneter Geiſtlicher, wäre ſeines Amtes ſicher würdig geweſen, Otto aber konnte und wollte ſeinen Papſt nicht fallen laſſen, den die in Rom herrſchend gewordene Partei ablehnte. So mußten die Waffen entſcheiden. Der Belagerung, bei der die Stadt von allen Seiten eingeſchloſſen wurde, hielt die Bevölkerung nicht ſtand, obgleich ihr Papſt ſie durch perſönliche Teilnahme an der Verteidigung ermutigte. Am 23. Juni öffneten ſich die Tore, Benedikt unterwarf ſich, bat um Gnade, wurde zum Diakon degradiert und nach Hamburg verbannt, wo er ein vorbildliches Leben geführt haben ſoll. Es heißt, er ſei geſtorben, als man eben daran dachte, ihn auf den er- ledigten päpſtlichen Thron zurückzuberufen. Leo VIII., in ſeine Würde wieder eingeſetzt, behauptete ſich auch nach dem Abzug der Deutſchen unangefochten bis zu ſeinem Tode. Die Ereigniſſe von 962 bis 964 haben die Stellung des neuen Kaiſer- tums zu Rom grundſätzlich beſtimmt. Die Regierung hat Otto I. völlig dem Papſt überlaſſen, nicht einmal einen ſtändigen Vertreter beſtellt, der die Aufſicht geübt hätte wie unter den fränkiſchen Kaiſern zwiſchen 824 und 875, wozu er nach dem Wortlaut der Urkunde vom 13. Februar 962 berechtigt geweſen wäre. Um ſo nachdrücklicher beſtand er darauf, bei der Erhebung des Papſtes entſcheidend mitzuwirken. Einfluß auf ſie hatten ſchon die byzantiniſchen Kaiſer ſeit Juſtinian ſich gewahrt, indem ſie ſich die Beſtätigung des Gewählten vor der Weihe vorbehielten. Jn etwas anderer Form war das gleiche im neunten Jahrhundert für längere Zeit wieder in Kraft getreten. Es bedeutete ohne Zweifel ein ſtärkeres Anziehen der Zügel, daß Otto ſchon bei der Wahl des Papſtes die Entſcheidung für ſich verlangte, und daß die Römer ihm dieſes Recht zugeſtanden. Es mag auf beiden Seiten als notwendig empfunden wor- den ſein, beim Kaiſer um ſo mehr, je größere Selbſtändigkeit er dem einmal eingeſetzten Papſt einräumte, während im römiſchen Adel die Einſicht nicht gefehlt haben wird, daß bei der Schärfe der beſtehenden Gegenſätze nur ein Papſt ſich halten könne, der auf den Kaiſer zählen durfte, und daß es darum beſſer ſei, ſich ſchon vor der Wahl dieſes Rückhalts zu verſichern. Dies iſt ſozuſagen das ſtaatsrechtliche Syſtem, das Otto I. begründet hat. Geſtützt auf die Beherrſchung des lango- bardiſch-italiſchen Königreichs übt der Kaiſer eine Oberhoheit über Rom und den Kirchenſtaat, deſſen jeweiliger Regent, der Papſt, ihm ſeine

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 200. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/209>, abgerufen am 15.08.2020.