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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Absetzung Johannes' XII.
Gefahr der Seligkeit bezeugte. Man lud Johannes vor, er antwortete
nur mit kurzer Androhung des Ausschlusses aus der Gemeinschaft, falls
man einen andern Papst wähle. Eine zweite Ladung traf ihn nicht an,
er war auf die Jagd geritten. Nun trat der Kaiser selbst als Ankläger
auf: Johannes habe durch Aufnahme Adalberts seinen Eid gebrochen.
Darauf wurde einstimmig seine Absetzung ausgesprochen und an seiner
Stelle der Kanzleivorstand Leo mit Zustimmung des Kaisers zum Papst
erhoben. Er war noch Laie und mußte sich in drei Tagen sämtliche
Weihen geben lassen. Am 6. Dezember 963 empfing er die Bischofs-
weihe, der erste Papst, bei dessen Erhebung ein deutscher Kaiser mit-
gewirkt hatte.

Das eingeschlagene Verfahren war ohne Vorgang. Auf die übliche
dreimalige Ladung hatte man verzichtet, und an den Grundsatz, der bei
den Prozessen Leos III. und Paschalis' I. zur Richtschnur gedient hatte,
daß der höchste Bischof von niemand gerichtet werde, hatte man sich
nicht erinnert. Bald zeigte sich, daß durch die Beschlüsse der römischen
Synode nichts entschieden war. Einen Aufstand in der Stadt konnte
der Kaiser wohl in blutigem Straßenkampf niederschlagen, aber als er
abgezogen war, um Adalbert, der im Spoletinischen sich festgesetzt hatte,
zu bekämpfen -- Berengar hatte sich inzwischen ergeben und war nach
Deutschland abgeführt worden, um sein Leben als Staatsgefangener
in Bamberg zu beschließen -- da schlug in Rom der Wind um. Leo VII.
wurde verjagt und flüchtete zum Kaiser, während Johannes XII. zu-
rückkehren und seine Rache an denen nehmen konnte, die ihn auf diesen
Weg geführt hatten. Die beiden Geistlichen, die als seine Gesandten
den Vertrag mit Otto geschlossen hatten, ließ er verstümmeln, Azzo
verlor die rechte Hand, dem Kardinal Johannes wurden Nase, Zunge
und zwei Finger abgeschnitten. Wieder trat eine Synode zusammen:
sechzehn Bischöfe aus der Nachbarschaft und zwölf Kardinäle, zum
größten Teil dieselben wie das vorige Mal, erklärten die Synode des
Kaisers für nichtig und Leo VII. als unbefugten und eidbrüchigen Ein-
dringling der geistlichen Weihen verlustig. Johannes XII. gab sich noch
der Hoffnung hin, mit Otto zu einem Abkommen zu gelangen. Er er-
öffnete Verhandlungen. Aber schon nach wenigen Wochen fand er bei
einem Liebesabenteuer einen plötzlichen Tod (14. Mai 964). Seine An-
hänger fühlten sich stark genug, ihm einen Nachfolger zu geben. Bene-
dikt VI., für den sie die Genehmigung des Kaisers erbaten, ein durch

Abſetzung Johannes' XII.
Gefahr der Seligkeit bezeugte. Man lud Johannes vor, er antwortete
nur mit kurzer Androhung des Ausſchluſſes aus der Gemeinſchaft, falls
man einen andern Papſt wähle. Eine zweite Ladung traf ihn nicht an,
er war auf die Jagd geritten. Nun trat der Kaiſer ſelbſt als Ankläger
auf: Johannes habe durch Aufnahme Adalberts ſeinen Eid gebrochen.
Darauf wurde einſtimmig ſeine Abſetzung ausgeſprochen und an ſeiner
Stelle der Kanzleivorſtand Leo mit Zuſtimmung des Kaiſers zum Papſt
erhoben. Er war noch Laie und mußte ſich in drei Tagen ſämtliche
Weihen geben laſſen. Am 6. Dezember 963 empfing er die Biſchofs-
weihe, der erſte Papſt, bei deſſen Erhebung ein deutſcher Kaiſer mit-
gewirkt hatte.

Das eingeſchlagene Verfahren war ohne Vorgang. Auf die übliche
dreimalige Ladung hatte man verzichtet, und an den Grundſatz, der bei
den Prozeſſen Leos III. und Paſchalis' I. zur Richtſchnur gedient hatte,
daß der höchſte Biſchof von niemand gerichtet werde, hatte man ſich
nicht erinnert. Bald zeigte ſich, daß durch die Beſchlüſſe der römiſchen
Synode nichts entſchieden war. Einen Aufſtand in der Stadt konnte
der Kaiſer wohl in blutigem Straßenkampf niederſchlagen, aber als er
abgezogen war, um Adalbert, der im Spoletiniſchen ſich feſtgeſetzt hatte,
zu bekämpfen — Berengar hatte ſich inzwiſchen ergeben und war nach
Deutſchland abgeführt worden, um ſein Leben als Staatsgefangener
in Bamberg zu beſchließen — da ſchlug in Rom der Wind um. Leo VII.
wurde verjagt und flüchtete zum Kaiſer, während Johannes XII. zu-
rückkehren und ſeine Rache an denen nehmen konnte, die ihn auf dieſen
Weg geführt hatten. Die beiden Geiſtlichen, die als ſeine Geſandten
den Vertrag mit Otto geſchloſſen hatten, ließ er verſtümmeln, Azzo
verlor die rechte Hand, dem Kardinal Johannes wurden Naſe, Zunge
und zwei Finger abgeſchnitten. Wieder trat eine Synode zuſammen:
ſechzehn Biſchöfe aus der Nachbarſchaft und zwölf Kardinäle, zum
größten Teil dieſelben wie das vorige Mal, erklärten die Synode des
Kaiſers für nichtig und Leo VII. als unbefugten und eidbrüchigen Ein-
dringling der geiſtlichen Weihen verluſtig. Johannes XII. gab ſich noch
der Hoffnung hin, mit Otto zu einem Abkommen zu gelangen. Er er-
öffnete Verhandlungen. Aber ſchon nach wenigen Wochen fand er bei
einem Liebesabenteuer einen plötzlichen Tod (14. Mai 964). Seine An-
hänger fühlten ſich ſtark genug, ihm einen Nachfolger zu geben. Bene-
dikt VI., für den ſie die Genehmigung des Kaiſers erbaten, ein durch

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[199/0208] Abſetzung Johannes' XII. Gefahr der Seligkeit bezeugte. Man lud Johannes vor, er antwortete nur mit kurzer Androhung des Ausſchluſſes aus der Gemeinſchaft, falls man einen andern Papſt wähle. Eine zweite Ladung traf ihn nicht an, er war auf die Jagd geritten. Nun trat der Kaiſer ſelbſt als Ankläger auf: Johannes habe durch Aufnahme Adalberts ſeinen Eid gebrochen. Darauf wurde einſtimmig ſeine Abſetzung ausgeſprochen und an ſeiner Stelle der Kanzleivorſtand Leo mit Zuſtimmung des Kaiſers zum Papſt erhoben. Er war noch Laie und mußte ſich in drei Tagen ſämtliche Weihen geben laſſen. Am 6. Dezember 963 empfing er die Biſchofs- weihe, der erſte Papſt, bei deſſen Erhebung ein deutſcher Kaiſer mit- gewirkt hatte. Das eingeſchlagene Verfahren war ohne Vorgang. Auf die übliche dreimalige Ladung hatte man verzichtet, und an den Grundſatz, der bei den Prozeſſen Leos III. und Paſchalis' I. zur Richtſchnur gedient hatte, daß der höchſte Biſchof von niemand gerichtet werde, hatte man ſich nicht erinnert. Bald zeigte ſich, daß durch die Beſchlüſſe der römiſchen Synode nichts entſchieden war. Einen Aufſtand in der Stadt konnte der Kaiſer wohl in blutigem Straßenkampf niederſchlagen, aber als er abgezogen war, um Adalbert, der im Spoletiniſchen ſich feſtgeſetzt hatte, zu bekämpfen — Berengar hatte ſich inzwiſchen ergeben und war nach Deutſchland abgeführt worden, um ſein Leben als Staatsgefangener in Bamberg zu beſchließen — da ſchlug in Rom der Wind um. Leo VII. wurde verjagt und flüchtete zum Kaiſer, während Johannes XII. zu- rückkehren und ſeine Rache an denen nehmen konnte, die ihn auf dieſen Weg geführt hatten. Die beiden Geiſtlichen, die als ſeine Geſandten den Vertrag mit Otto geſchloſſen hatten, ließ er verſtümmeln, Azzo verlor die rechte Hand, dem Kardinal Johannes wurden Naſe, Zunge und zwei Finger abgeſchnitten. Wieder trat eine Synode zuſammen: ſechzehn Biſchöfe aus der Nachbarſchaft und zwölf Kardinäle, zum größten Teil dieſelben wie das vorige Mal, erklärten die Synode des Kaiſers für nichtig und Leo VII. als unbefugten und eidbrüchigen Ein- dringling der geiſtlichen Weihen verluſtig. Johannes XII. gab ſich noch der Hoffnung hin, mit Otto zu einem Abkommen zu gelangen. Er er- öffnete Verhandlungen. Aber ſchon nach wenigen Wochen fand er bei einem Liebesabenteuer einen plötzlichen Tod (14. Mai 964). Seine An- hänger fühlten ſich ſtark genug, ihm einen Nachfolger zu geben. Bene- dikt VI., für den ſie die Genehmigung des Kaiſers erbaten, ein durch

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 199. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/208>, abgerufen am 15.08.2020.