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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Deutsche Kaiser und römische Parteien

Jn der Geschichte des Papsttums bildet die Begründung des deutsch-
römischen Kaisertums nicht den tiefen Einschnitt wie in der deutschen
und abendländischen Geschichte. Man könnte sogar finden, eigentlich habe
sich damals nicht viel geändert. Auch weiterhin sind die Geschicke der
höchsten kirchlichen Würde bestimmt worden durch den feindlichen Gegen-
satz städtischer Adelsgeschlechter, und wenn dazu nunmehr als entscheiden-
der Faktor die Macht des deutschen Königs trat, so ist diese doch immer
nur mit kürzeren oder längeren Unterbrechungen gleichsam stoßweise
geltend gemacht worden. Sie hat auch nicht verhindern können, daß die
Kämpfe gelegentlich mit der gleichen Gewaltsamkeit geführt wurden,
die in früheren Zeiten die Annalen der römischen Kirche mit Blut
gefärbt hatte.

Der große Machtzuwachs für den Kirchenstaat, den Johannes XII.
und seine Sippe erwartet hatten, trat nicht ein. Der neue Kaiser hatte
versprochen, die römische Kirche im Besitz alles dessen, was er ihr be-
stätigte und schenkte, zu schützen und ihr nach Kräften dazu zu verhelfen.
Das Versprechen hat er so wenig erfüllt wie einst Karl das seine. Es
mag Mißtrauen gegen den Papst und seine Umgebung gewesen sein,
was ihn zunächst zögern ließ, ein Mißtrauen, das sich nur zu bald als
begründet erwies. Otto mag aber auch bei genauerem Einblick in die
italischen Verhältnisse erkannt haben, daß er über den Umfang der
wahren päpstlichen Rechte getäuscht worden war. Am deutschen Hof
hat sich eine Überlieferung erhalten, auf die Kaiser Otto III. sich später
einmal berufen hat, wonach ein gewisser Diakon Johannes, in dem man
den unterhandelnden Kardinal von 960 erkennt, mit Urkundenfälschung
gearbeitet habe, um die Rechte des Papstes auf Kosten des Kaisers zu
erweitern. Wie immer es sich damit verhalten mag, Otto I. hat nichts
dazu getan, daß der Jnhalt seiner großen Schenkung Wirklichkeit
würde. Gelegenheit dazu hätte die Überwindung des Widerstands im
Königreich Jtalien geboten. Während Berengars Söhne den Kampf

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Deutſche Kaiſer und römiſche Parteien

Jn der Geſchichte des Papſttums bildet die Begründung des deutſch-
römiſchen Kaiſertums nicht den tiefen Einſchnitt wie in der deutſchen
und abendländiſchen Geſchichte. Man könnte ſogar finden, eigentlich habe
ſich damals nicht viel geändert. Auch weiterhin ſind die Geſchicke der
höchſten kirchlichen Würde beſtimmt worden durch den feindlichen Gegen-
ſatz ſtädtiſcher Adelsgeſchlechter, und wenn dazu nunmehr als entſcheiden-
der Faktor die Macht des deutſchen Königs trat, ſo iſt dieſe doch immer
nur mit kürzeren oder längeren Unterbrechungen gleichſam ſtoßweiſe
geltend gemacht worden. Sie hat auch nicht verhindern können, daß die
Kämpfe gelegentlich mit der gleichen Gewaltſamkeit geführt wurden,
die in früheren Zeiten die Annalen der römiſchen Kirche mit Blut
gefärbt hatte.

Der große Machtzuwachs für den Kirchenſtaat, den Johannes XII.
und ſeine Sippe erwartet hatten, trat nicht ein. Der neue Kaiſer hatte
verſprochen, die römiſche Kirche im Beſitz alles deſſen, was er ihr be-
ſtätigte und ſchenkte, zu ſchützen und ihr nach Kräften dazu zu verhelfen.
Das Verſprechen hat er ſo wenig erfüllt wie einſt Karl das ſeine. Es
mag Mißtrauen gegen den Papſt und ſeine Umgebung geweſen ſein,
was ihn zunächſt zögern ließ, ein Mißtrauen, das ſich nur zu bald als
begründet erwies. Otto mag aber auch bei genauerem Einblick in die
italiſchen Verhältniſſe erkannt haben, daß er über den Umfang der
wahren päpſtlichen Rechte getäuſcht worden war. Am deutſchen Hof
hat ſich eine Überlieferung erhalten, auf die Kaiſer Otto III. ſich ſpäter
einmal berufen hat, wonach ein gewiſſer Diakon Johannes, in dem man
den unterhandelnden Kardinal von 960 erkennt, mit Urkundenfälſchung
gearbeitet habe, um die Rechte des Papſtes auf Koſten des Kaiſers zu
erweitern. Wie immer es ſich damit verhalten mag, Otto I. hat nichts
dazu getan, daß der Jnhalt ſeiner großen Schenkung Wirklichkeit
würde. Gelegenheit dazu hätte die Überwindung des Widerſtands im
Königreich Jtalien geboten. Während Berengars Söhne den Kampf

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[[197]/0206] 2 Deutſche Kaiſer und römiſche Parteien Jn der Geſchichte des Papſttums bildet die Begründung des deutſch- römiſchen Kaiſertums nicht den tiefen Einſchnitt wie in der deutſchen und abendländiſchen Geſchichte. Man könnte ſogar finden, eigentlich habe ſich damals nicht viel geändert. Auch weiterhin ſind die Geſchicke der höchſten kirchlichen Würde beſtimmt worden durch den feindlichen Gegen- ſatz ſtädtiſcher Adelsgeſchlechter, und wenn dazu nunmehr als entſcheiden- der Faktor die Macht des deutſchen Königs trat, ſo iſt dieſe doch immer nur mit kürzeren oder längeren Unterbrechungen gleichſam ſtoßweiſe geltend gemacht worden. Sie hat auch nicht verhindern können, daß die Kämpfe gelegentlich mit der gleichen Gewaltſamkeit geführt wurden, die in früheren Zeiten die Annalen der römiſchen Kirche mit Blut gefärbt hatte. Der große Machtzuwachs für den Kirchenſtaat, den Johannes XII. und ſeine Sippe erwartet hatten, trat nicht ein. Der neue Kaiſer hatte verſprochen, die römiſche Kirche im Beſitz alles deſſen, was er ihr be- ſtätigte und ſchenkte, zu ſchützen und ihr nach Kräften dazu zu verhelfen. Das Verſprechen hat er ſo wenig erfüllt wie einſt Karl das ſeine. Es mag Mißtrauen gegen den Papſt und ſeine Umgebung geweſen ſein, was ihn zunächſt zögern ließ, ein Mißtrauen, das ſich nur zu bald als begründet erwies. Otto mag aber auch bei genauerem Einblick in die italiſchen Verhältniſſe erkannt haben, daß er über den Umfang der wahren päpſtlichen Rechte getäuſcht worden war. Am deutſchen Hof hat ſich eine Überlieferung erhalten, auf die Kaiſer Otto III. ſich ſpäter einmal berufen hat, wonach ein gewiſſer Diakon Johannes, in dem man den unterhandelnden Kardinal von 960 erkennt, mit Urkundenfälſchung gearbeitet habe, um die Rechte des Papſtes auf Koſten des Kaiſers zu erweitern. Wie immer es ſich damit verhalten mag, Otto I. hat nichts dazu getan, daß der Jnhalt ſeiner großen Schenkung Wirklichkeit würde. Gelegenheit dazu hätte die Überwindung des Widerſtands im Königreich Jtalien geboten. Während Berengars Söhne den Kampf

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. [197]. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/206>, abgerufen am 05.08.2020.