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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Ottos I. Schenkung
ohne jeden Sinn, bildet sie nicht den einzigen Punkt, in dem die Urkunde
sich selbst widerspricht. Deren Entstehung läßt sich nur erklären, wenn
man annimmt, daß die päpstlichen Unterhändler, um ein Höchstmaß von
Ansprüchen auf Land und Leute verbrieft zu erhalten, alles, was an
Belegen über frühere Schenkungen vorhanden war, mit Einschluß der
nicht ausgeführten Versprechungen Pippins und Karls des Großen,
vorwiesen, und daß die Umgebung des deutschen Königs, in der Landes-
und Ortskunde Jtaliens wie in der Geschichte der kaiserlich-päpstlichen
Beziehungen nicht bewandert, sich bestimmen ließ, aus den vorgelegten
Stücken die neue Urkunde zusammenzustellen, ohne den Jnhalt zu
prüfen und die Widersprüche und Unrichtigkeiten gewahr zu werden.

Denselben Eindruck machen die Sätze, in denen das staatsrechtliche
Verhältnis des neuen Kaisers zu Rom und dem Papst geregelt wird.
Auch sie sind wörtlich den kaiserlichen Verordnungen des vergangenen
Jahrhunderts, insbesondere denen Lothars I. und Ludwigs II. entlehnt,
lassen Otto Dinge sagen, die in seinem Munde sinnlos sind, und passen
auf die Verhältnisse, wie sie inzwischen geworden waren, wie die Faust
aufs Auge. Daß die Päpstlichen nach allem, was seit 875 geschehen war,
ein so kräftiges Wiederaufleben kaiserlicher Herrschaft in Rom, wie
es hier verbrieft wurde, gewünscht oder auch nur freiwillig eingeräumt
haben sollten -- Vereidigung des neuen Papstes vor der Weihe, stän-
dige Aufsicht eines kaiserlichen Vertreters in Rom -- ist nicht zu glau-
ben. Aber man konnte offenbar nicht umhin, die Erneuerung dieser Be-
stimmungen zuzulassen, fanden sie sich doch in denselben Urkunden, auf
die man die territorialen Ansprüche stützte.

So ist das Schriftstück entstanden, das in späteren Jahrhunderten
als Rechtsgrundlage des päpstlichen Landesstaats gegolten hat, zusam-
mengeschweißt aus alten und neuen, echten und untergeschobenen, mit-
einander unvereinbaren Bestandteilen, ein Denkmal der hochfliegenden
Pläne, die in der Umgebung Johannes' XII. lebten, und die man für
altes Recht ausgab, um ihre Natur zu verschleiern; eben damit aber
zugleich ein Zeugnis dafür, daß es nicht nur Rettung der Kirche vor
drohender Unterjochung war, weswegen man die Deutschen gerufen
hatte, mochte dies öffentlich noch so laut betont werden, vielmehr ebenso-
sehr das Bestreben und die Hoffnung, die eigenen Grenzen auszudehnen;
mit einem Worte: nicht nur Verteidigung, auch Angriff.

Ottos I. Schenkung
ohne jeden Sinn, bildet ſie nicht den einzigen Punkt, in dem die Urkunde
ſich ſelbſt widerſpricht. Deren Entſtehung läßt ſich nur erklären, wenn
man annimmt, daß die päpſtlichen Unterhändler, um ein Höchſtmaß von
Anſprüchen auf Land und Leute verbrieft zu erhalten, alles, was an
Belegen über frühere Schenkungen vorhanden war, mit Einſchluß der
nicht ausgeführten Verſprechungen Pippins und Karls des Großen,
vorwieſen, und daß die Umgebung des deutſchen Königs, in der Landes-
und Ortskunde Jtaliens wie in der Geſchichte der kaiſerlich-päpſtlichen
Beziehungen nicht bewandert, ſich beſtimmen ließ, aus den vorgelegten
Stücken die neue Urkunde zuſammenzuſtellen, ohne den Jnhalt zu
prüfen und die Widerſprüche und Unrichtigkeiten gewahr zu werden.

Denſelben Eindruck machen die Sätze, in denen das ſtaatsrechtliche
Verhältnis des neuen Kaiſers zu Rom und dem Papſt geregelt wird.
Auch ſie ſind wörtlich den kaiſerlichen Verordnungen des vergangenen
Jahrhunderts, insbeſondere denen Lothars I. und Ludwigs II. entlehnt,
laſſen Otto Dinge ſagen, die in ſeinem Munde ſinnlos ſind, und paſſen
auf die Verhältniſſe, wie ſie inzwiſchen geworden waren, wie die Fauſt
aufs Auge. Daß die Päpſtlichen nach allem, was ſeit 875 geſchehen war,
ein ſo kräftiges Wiederaufleben kaiſerlicher Herrſchaft in Rom, wie
es hier verbrieft wurde, gewünſcht oder auch nur freiwillig eingeräumt
haben ſollten — Vereidigung des neuen Papſtes vor der Weihe, ſtän-
dige Aufſicht eines kaiſerlichen Vertreters in Rom — iſt nicht zu glau-
ben. Aber man konnte offenbar nicht umhin, die Erneuerung dieſer Be-
ſtimmungen zuzulaſſen, fanden ſie ſich doch in denſelben Urkunden, auf
die man die territorialen Anſprüche ſtützte.

So iſt das Schriftſtück entſtanden, das in ſpäteren Jahrhunderten
als Rechtsgrundlage des päpſtlichen Landesſtaats gegolten hat, zuſam-
mengeſchweißt aus alten und neuen, echten und untergeſchobenen, mit-
einander unvereinbaren Beſtandteilen, ein Denkmal der hochfliegenden
Pläne, die in der Umgebung Johannes' XII. lebten, und die man für
altes Recht ausgab, um ihre Natur zu verſchleiern; eben damit aber
zugleich ein Zeugnis dafür, daß es nicht nur Rettung der Kirche vor
drohender Unterjochung war, weswegen man die Deutſchen gerufen
hatte, mochte dies öffentlich noch ſo laut betont werden, vielmehr ebenſo-
ſehr das Beſtreben und die Hoffnung, die eigenen Grenzen auszudehnen;
mit einem Worte: nicht nur Verteidigung, auch Angriff.

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[196/0205] Ottos I. Schenkung ohne jeden Sinn, bildet ſie nicht den einzigen Punkt, in dem die Urkunde ſich ſelbſt widerſpricht. Deren Entſtehung läßt ſich nur erklären, wenn man annimmt, daß die päpſtlichen Unterhändler, um ein Höchſtmaß von Anſprüchen auf Land und Leute verbrieft zu erhalten, alles, was an Belegen über frühere Schenkungen vorhanden war, mit Einſchluß der nicht ausgeführten Verſprechungen Pippins und Karls des Großen, vorwieſen, und daß die Umgebung des deutſchen Königs, in der Landes- und Ortskunde Jtaliens wie in der Geſchichte der kaiſerlich-päpſtlichen Beziehungen nicht bewandert, ſich beſtimmen ließ, aus den vorgelegten Stücken die neue Urkunde zuſammenzuſtellen, ohne den Jnhalt zu prüfen und die Widerſprüche und Unrichtigkeiten gewahr zu werden. Denſelben Eindruck machen die Sätze, in denen das ſtaatsrechtliche Verhältnis des neuen Kaiſers zu Rom und dem Papſt geregelt wird. Auch ſie ſind wörtlich den kaiſerlichen Verordnungen des vergangenen Jahrhunderts, insbeſondere denen Lothars I. und Ludwigs II. entlehnt, laſſen Otto Dinge ſagen, die in ſeinem Munde ſinnlos ſind, und paſſen auf die Verhältniſſe, wie ſie inzwiſchen geworden waren, wie die Fauſt aufs Auge. Daß die Päpſtlichen nach allem, was ſeit 875 geſchehen war, ein ſo kräftiges Wiederaufleben kaiſerlicher Herrſchaft in Rom, wie es hier verbrieft wurde, gewünſcht oder auch nur freiwillig eingeräumt haben ſollten — Vereidigung des neuen Papſtes vor der Weihe, ſtän- dige Aufſicht eines kaiſerlichen Vertreters in Rom — iſt nicht zu glau- ben. Aber man konnte offenbar nicht umhin, die Erneuerung dieſer Be- ſtimmungen zuzulaſſen, fanden ſie ſich doch in denſelben Urkunden, auf die man die territorialen Anſprüche ſtützte. So iſt das Schriftſtück entſtanden, das in ſpäteren Jahrhunderten als Rechtsgrundlage des päpſtlichen Landesſtaats gegolten hat, zuſam- mengeſchweißt aus alten und neuen, echten und untergeſchobenen, mit- einander unvereinbaren Beſtandteilen, ein Denkmal der hochfliegenden Pläne, die in der Umgebung Johannes' XII. lebten, und die man für altes Recht ausgab, um ihre Natur zu verſchleiern; eben damit aber zugleich ein Zeugnis dafür, daß es nicht nur Rettung der Kirche vor drohender Unterjochung war, weswegen man die Deutſchen gerufen hatte, mochte dies öffentlich noch ſo laut betont werden, vielmehr ebenſo- ſehr das Beſtreben und die Hoffnung, die eigenen Grenzen auszudehnen; mit einem Worte: nicht nur Verteidigung, auch Angriff.

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 196. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/205>, abgerufen am 15.08.2020.