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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Ottos I. Kaiserkrönung und Schenkung
zu bitten noch zu überreden, sie konnten sogar Bedingungen machen. Das
Ergebnis ihrer Verhandlung war ein Vertrag, dessen Wortlaut er-
halten ist. Otto versprach, wenn er nach Rom käme, die römische Kirche
nach Kräften zu erhöhen, gegen den Papst nichts zu unternehmen, in der
Stadt nur mit des Papstes Rat Gericht zu halten und Verfügungen zu
erlassen, ihm auszuliefern, was er vom Lande Sankt Peters einnehmen
würde, und den künftigen Regenten des italischen Reiches zur Ver-
teidigung des Kirchenstaats zu verpflichten. Dies beschworen für den
König dessen Getreue. Was der Papst dagegen versprach, versteht sich
von selbst: die Kaiserwürde und Anerkennung kaiserlicher Hoheit.

Jm August 961 überschritt das deutsche Heer die Alpen. Seine Über-
legenheit war vom ersten Augenblick an erdrückend, zumal die meisten
Bischöfe und Grafen sich ihm anschlossen. Es wiederholte sich, was vor
mehr als zweihundert Jahren geschehen war, als Karl der Große das Reich
der Langobarden über den Haufen warf. Berengar und sein Sohn und
Mitregent, König Adalbert, versuchten im offenen Felde keinen Wider-
stand, sie zogen sich auf ihre Festungen zurück. Ungehindert gelangte Otto
Ende Januar 962 vor Rom, am 2. Februar hielt er seinen feierlichen Ein-
zug und wurde in Sankt Peter zum Kaiser ausgerufen und gekrönt, alles
in den gleichen altrömisch-byzantinischen Formen wie seine Vorgänger
seit dem Jahr 800. Papst und Römer leisteten ihm den Treueid, wäh-
rend er der römischen Kirche ihre Besitzungen und Rechte bestätigte.

Die Urkunde, in einem Prachtexemplar mit Goldtinte auf purpurnem
Pergament geschrieben, ist noch vorhanden und hat den Forschern viel
Mühe gemacht. An ihrer Echtheit wird nicht mehr gezweifelt und ist
nicht zu zweifeln; um so größeren Anstoß gibt der Jnhalt. Er will eine
Verbriefung alles dessen sein, was der römischen Kirche von früheren
Kaisern geschenkt war, vermehrt um die Gebiete von Rieti bis Aquila
und Teramo, die Otto als seine eigene Gabe hinzufügt. Aber ein gut
Teil dessen, was als alter und rechtmäßiger Besitz aufgezählt wird, ist
in Wirklichkeit nur Ziel der jüngsten Eroberungspolitik. Da erscheinen
Gaeta und Neapel, die nie zum Kirchenstaat gehört hatten, Fondi, das
von Johannes X. an Gaeta abgetreten war, und die Herzogtümer Spo-
leto und Benevent. Schließlich taucht sogar die Grenzlinie Spezia-
Monselice wieder auf, längs deren man im Jahre 754 das lango-
bardische Königreich hatte teilen wollen*). Geographisch an dieser Stelle

*) Siehe Bd. 1, S. 394.

Ottos I. Kaiſerkrönung und Schenkung
zu bitten noch zu überreden, ſie konnten ſogar Bedingungen machen. Das
Ergebnis ihrer Verhandlung war ein Vertrag, deſſen Wortlaut er-
halten iſt. Otto verſprach, wenn er nach Rom käme, die römiſche Kirche
nach Kräften zu erhöhen, gegen den Papſt nichts zu unternehmen, in der
Stadt nur mit des Papſtes Rat Gericht zu halten und Verfügungen zu
erlaſſen, ihm auszuliefern, was er vom Lande Sankt Peters einnehmen
würde, und den künftigen Regenten des italiſchen Reiches zur Ver-
teidigung des Kirchenſtaats zu verpflichten. Dies beſchworen für den
König deſſen Getreue. Was der Papſt dagegen verſprach, verſteht ſich
von ſelbſt: die Kaiſerwürde und Anerkennung kaiſerlicher Hoheit.

Jm Auguſt 961 überſchritt das deutſche Heer die Alpen. Seine Über-
legenheit war vom erſten Augenblick an erdrückend, zumal die meiſten
Biſchöfe und Grafen ſich ihm anſchloſſen. Es wiederholte ſich, was vor
mehr als zweihundert Jahren geſchehen war, als Karl der Große das Reich
der Langobarden über den Haufen warf. Berengar und ſein Sohn und
Mitregent, König Adalbert, verſuchten im offenen Felde keinen Wider-
ſtand, ſie zogen ſich auf ihre Feſtungen zurück. Ungehindert gelangte Otto
Ende Januar 962 vor Rom, am 2. Februar hielt er ſeinen feierlichen Ein-
zug und wurde in Sankt Peter zum Kaiſer ausgerufen und gekrönt, alles
in den gleichen altrömiſch-byzantiniſchen Formen wie ſeine Vorgänger
ſeit dem Jahr 800. Papſt und Römer leiſteten ihm den Treueid, wäh-
rend er der römiſchen Kirche ihre Beſitzungen und Rechte beſtätigte.

Die Urkunde, in einem Prachtexemplar mit Goldtinte auf purpurnem
Pergament geſchrieben, iſt noch vorhanden und hat den Forſchern viel
Mühe gemacht. An ihrer Echtheit wird nicht mehr gezweifelt und iſt
nicht zu zweifeln; um ſo größeren Anſtoß gibt der Jnhalt. Er will eine
Verbriefung alles deſſen ſein, was der römiſchen Kirche von früheren
Kaiſern geſchenkt war, vermehrt um die Gebiete von Rieti bis Aquila
und Teramo, die Otto als ſeine eigene Gabe hinzufügt. Aber ein gut
Teil deſſen, was als alter und rechtmäßiger Beſitz aufgezählt wird, iſt
in Wirklichkeit nur Ziel der jüngſten Eroberungspolitik. Da erſcheinen
Gaeta und Neapel, die nie zum Kirchenſtaat gehört hatten, Fondi, das
von Johannes X. an Gaeta abgetreten war, und die Herzogtümer Spo-
leto und Benevent. Schließlich taucht ſogar die Grenzlinie Spezia-
Monſelice wieder auf, längs deren man im Jahre 754 das lango-
bardiſche Königreich hatte teilen wollen*). Geographiſch an dieſer Stelle

*) Siehe Bd. 1, S. 394.
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[195/0204] Ottos I. Kaiſerkrönung und Schenkung zu bitten noch zu überreden, ſie konnten ſogar Bedingungen machen. Das Ergebnis ihrer Verhandlung war ein Vertrag, deſſen Wortlaut er- halten iſt. Otto verſprach, wenn er nach Rom käme, die römiſche Kirche nach Kräften zu erhöhen, gegen den Papſt nichts zu unternehmen, in der Stadt nur mit des Papſtes Rat Gericht zu halten und Verfügungen zu erlaſſen, ihm auszuliefern, was er vom Lande Sankt Peters einnehmen würde, und den künftigen Regenten des italiſchen Reiches zur Ver- teidigung des Kirchenſtaats zu verpflichten. Dies beſchworen für den König deſſen Getreue. Was der Papſt dagegen verſprach, verſteht ſich von ſelbſt: die Kaiſerwürde und Anerkennung kaiſerlicher Hoheit. Jm Auguſt 961 überſchritt das deutſche Heer die Alpen. Seine Über- legenheit war vom erſten Augenblick an erdrückend, zumal die meiſten Biſchöfe und Grafen ſich ihm anſchloſſen. Es wiederholte ſich, was vor mehr als zweihundert Jahren geſchehen war, als Karl der Große das Reich der Langobarden über den Haufen warf. Berengar und ſein Sohn und Mitregent, König Adalbert, verſuchten im offenen Felde keinen Wider- ſtand, ſie zogen ſich auf ihre Feſtungen zurück. Ungehindert gelangte Otto Ende Januar 962 vor Rom, am 2. Februar hielt er ſeinen feierlichen Ein- zug und wurde in Sankt Peter zum Kaiſer ausgerufen und gekrönt, alles in den gleichen altrömiſch-byzantiniſchen Formen wie ſeine Vorgänger ſeit dem Jahr 800. Papſt und Römer leiſteten ihm den Treueid, wäh- rend er der römiſchen Kirche ihre Beſitzungen und Rechte beſtätigte. Die Urkunde, in einem Prachtexemplar mit Goldtinte auf purpurnem Pergament geſchrieben, iſt noch vorhanden und hat den Forſchern viel Mühe gemacht. An ihrer Echtheit wird nicht mehr gezweifelt und iſt nicht zu zweifeln; um ſo größeren Anſtoß gibt der Jnhalt. Er will eine Verbriefung alles deſſen ſein, was der römiſchen Kirche von früheren Kaiſern geſchenkt war, vermehrt um die Gebiete von Rieti bis Aquila und Teramo, die Otto als ſeine eigene Gabe hinzufügt. Aber ein gut Teil deſſen, was als alter und rechtmäßiger Beſitz aufgezählt wird, iſt in Wirklichkeit nur Ziel der jüngſten Eroberungspolitik. Da erſcheinen Gaeta und Neapel, die nie zum Kirchenſtaat gehört hatten, Fondi, das von Johannes X. an Gaeta abgetreten war, und die Herzogtümer Spo- leto und Benevent. Schließlich taucht ſogar die Grenzlinie Spezia- Monſelice wieder auf, längs deren man im Jahre 754 das lango- bardiſche Königreich hatte teilen wollen *). Geographiſch an dieſer Stelle *) Siehe Bd. 1, S. 394.

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 195. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/204>, abgerufen am 15.08.2020.