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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Eingreifen Ottos I.
ähnlicher Lage zu Pippins und Karls des Großen Zeiten einmal das gemein-
same Programm Roms und der Franken gewesen waren, und in Erfüllung
gehen zu lassen, was damals aufgegeben, aber nie ganz vergessen war?

Mit diesem Auftrag begaben sich im Jahre 960 zwei Gesandte des
Papstes, der Kardinal Johannes und der Kanzleivorstand Azzo, in aller
Heimlichkeit über die Alpen. Sie sollten Otto ersuchen, in Jtalien ein-
zuschreiten, und ihm zum Lohn die Kaiserwürde anbieten. Zugleich liefen
dringende Bitten von Bischöfen und Fürsten des italischen Königreichs
ein, die gegen Berengar um Hilfe riefen. Otto zögerte nicht, darauf
einzugehen. Es sprach ja auch alles dafür. Daß Berengar sich zum
Herrn in Jtalien mache, den Deutschen den Handelsweg nach Venedig
verlege und sie damit vom Welthandel abschneide, durfte Otto nicht
gleichgültig sein. Daß der Jtaliener den Papst unter seine Botmäßig-
keit bringe, bedeutete für den König, dessen Regierung im eigenen Lande
von den Bischöfen getragen wurde, eine nicht zu unterschätzende Ge-
fahrenquelle. Dagegen mußte es ihm um so erwünschter sein, daß er
selbst für die kirchlich-politischen Ausbreitungspläne in den östlichen
Nachbarländern Deutschlands, die ihm so sehr am Herzen lagen, über
die Autorität des Papstes verfügen könne. Und schließlich: Otto, der
Sachse, betrachtete sich als Erben und Rechtsnachfolger der fränkischen
Herrscher. Konnte er ohne Einbuße an Ehre, Ansehen und Einfluß einer
Aufgabe sich entziehen, die seine karolingischen Vorgänger feierlich für
alle Zeiten übernommen hatten? Die Gesandten des Papstes verfehlten
nicht, ihm dies nachdrücklich vorzuhalten: von seinen Vorfahren habe
er die Schutzherrschaft über die römische Kirche überkommen; diese
Ehre würde er verlieren, wenn er die damit verbundene Pflicht nicht
erfülle. Auf den König, dessen Vorbild Karl der Große war, konnte der
Gedanke seinen Eindruck nicht verfehlen: er stellte sein Kommen in
Aussicht. Wie unrecht hat man doch gehabt, in diesem Entschluß eine
romantische Verirrung zu sehen! Er war eingegeben von klarer Er-
kenntnis der Wirklichkeit und nüchternem Abwägen der lebendig wir-
kenden Kräfte der Zeit, gewiesen von den Überlieferungen der Ver-
gangenheit, gefordert von den Möglichkeiten der Zukunft.

Daß Otto keine Absage erteilen werde, wußte man in Rom, hatte
er doch schon zu Alberichs Zeiten einmal die Hand nach der Kaiserkrone
ausgestreckt, aber bei dem klugen und vorsichtigen Fürsten keine Bereit-
willigkeit gefunden. So brauchten die Gesandten des Papstes weder

Eingreifen Ottos I.
ähnlicher Lage zu Pippins und Karls des Großen Zeiten einmal das gemein-
ſame Programm Roms und der Franken geweſen waren, und in Erfüllung
gehen zu laſſen, was damals aufgegeben, aber nie ganz vergeſſen war?

Mit dieſem Auftrag begaben ſich im Jahre 960 zwei Geſandte des
Papſtes, der Kardinal Johannes und der Kanzleivorſtand Azzo, in aller
Heimlichkeit über die Alpen. Sie ſollten Otto erſuchen, in Jtalien ein-
zuſchreiten, und ihm zum Lohn die Kaiſerwürde anbieten. Zugleich liefen
dringende Bitten von Biſchöfen und Fürſten des italiſchen Königreichs
ein, die gegen Berengar um Hilfe riefen. Otto zögerte nicht, darauf
einzugehen. Es ſprach ja auch alles dafür. Daß Berengar ſich zum
Herrn in Jtalien mache, den Deutſchen den Handelsweg nach Venedig
verlege und ſie damit vom Welthandel abſchneide, durfte Otto nicht
gleichgültig ſein. Daß der Jtaliener den Papſt unter ſeine Botmäßig-
keit bringe, bedeutete für den König, deſſen Regierung im eigenen Lande
von den Biſchöfen getragen wurde, eine nicht zu unterſchätzende Ge-
fahrenquelle. Dagegen mußte es ihm um ſo erwünſchter ſein, daß er
ſelbſt für die kirchlich-politiſchen Ausbreitungspläne in den öſtlichen
Nachbarländern Deutſchlands, die ihm ſo ſehr am Herzen lagen, über
die Autorität des Papſtes verfügen könne. Und ſchließlich: Otto, der
Sachſe, betrachtete ſich als Erben und Rechtsnachfolger der fränkiſchen
Herrſcher. Konnte er ohne Einbuße an Ehre, Anſehen und Einfluß einer
Aufgabe ſich entziehen, die ſeine karolingiſchen Vorgänger feierlich für
alle Zeiten übernommen hatten? Die Geſandten des Papſtes verfehlten
nicht, ihm dies nachdrücklich vorzuhalten: von ſeinen Vorfahren habe
er die Schutzherrſchaft über die römiſche Kirche überkommen; dieſe
Ehre würde er verlieren, wenn er die damit verbundene Pflicht nicht
erfülle. Auf den König, deſſen Vorbild Karl der Große war, konnte der
Gedanke ſeinen Eindruck nicht verfehlen: er ſtellte ſein Kommen in
Ausſicht. Wie unrecht hat man doch gehabt, in dieſem Entſchluß eine
romantiſche Verirrung zu ſehen! Er war eingegeben von klarer Er-
kenntnis der Wirklichkeit und nüchternem Abwägen der lebendig wir-
kenden Kräfte der Zeit, gewieſen von den Überlieferungen der Ver-
gangenheit, gefordert von den Möglichkeiten der Zukunft.

Daß Otto keine Abſage erteilen werde, wußte man in Rom, hatte
er doch ſchon zu Alberichs Zeiten einmal die Hand nach der Kaiſerkrone
ausgeſtreckt, aber bei dem klugen und vorſichtigen Fürſten keine Bereit-
willigkeit gefunden. So brauchten die Geſandten des Papſtes weder

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[194/0203] Eingreifen Ottos I. ähnlicher Lage zu Pippins und Karls des Großen Zeiten einmal das gemein- ſame Programm Roms und der Franken geweſen waren, und in Erfüllung gehen zu laſſen, was damals aufgegeben, aber nie ganz vergeſſen war? Mit dieſem Auftrag begaben ſich im Jahre 960 zwei Geſandte des Papſtes, der Kardinal Johannes und der Kanzleivorſtand Azzo, in aller Heimlichkeit über die Alpen. Sie ſollten Otto erſuchen, in Jtalien ein- zuſchreiten, und ihm zum Lohn die Kaiſerwürde anbieten. Zugleich liefen dringende Bitten von Biſchöfen und Fürſten des italiſchen Königreichs ein, die gegen Berengar um Hilfe riefen. Otto zögerte nicht, darauf einzugehen. Es ſprach ja auch alles dafür. Daß Berengar ſich zum Herrn in Jtalien mache, den Deutſchen den Handelsweg nach Venedig verlege und ſie damit vom Welthandel abſchneide, durfte Otto nicht gleichgültig ſein. Daß der Jtaliener den Papſt unter ſeine Botmäßig- keit bringe, bedeutete für den König, deſſen Regierung im eigenen Lande von den Biſchöfen getragen wurde, eine nicht zu unterſchätzende Ge- fahrenquelle. Dagegen mußte es ihm um ſo erwünſchter ſein, daß er ſelbſt für die kirchlich-politiſchen Ausbreitungspläne in den öſtlichen Nachbarländern Deutſchlands, die ihm ſo ſehr am Herzen lagen, über die Autorität des Papſtes verfügen könne. Und ſchließlich: Otto, der Sachſe, betrachtete ſich als Erben und Rechtsnachfolger der fränkiſchen Herrſcher. Konnte er ohne Einbuße an Ehre, Anſehen und Einfluß einer Aufgabe ſich entziehen, die ſeine karolingiſchen Vorgänger feierlich für alle Zeiten übernommen hatten? Die Geſandten des Papſtes verfehlten nicht, ihm dies nachdrücklich vorzuhalten: von ſeinen Vorfahren habe er die Schutzherrſchaft über die römiſche Kirche überkommen; dieſe Ehre würde er verlieren, wenn er die damit verbundene Pflicht nicht erfülle. Auf den König, deſſen Vorbild Karl der Große war, konnte der Gedanke ſeinen Eindruck nicht verfehlen: er ſtellte ſein Kommen in Ausſicht. Wie unrecht hat man doch gehabt, in dieſem Entſchluß eine romantiſche Verirrung zu ſehen! Er war eingegeben von klarer Er- kenntnis der Wirklichkeit und nüchternem Abwägen der lebendig wir- kenden Kräfte der Zeit, gewieſen von den Überlieferungen der Ver- gangenheit, gefordert von den Möglichkeiten der Zukunft. Daß Otto keine Abſage erteilen werde, wußte man in Rom, hatte er doch ſchon zu Alberichs Zeiten einmal die Hand nach der Kaiſerkrone ausgeſtreckt, aber bei dem klugen und vorſichtigen Fürſten keine Bereit- willigkeit gefunden. So brauchten die Geſandten des Papſtes weder

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 194. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/203>, abgerufen am 15.08.2020.