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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Eingreifen Ottos I.
Berengars I. -- benutzte die Gelegenheit, dem Verbündeten des Papstes,
dem Herzog von Spoleto, in den Rücken zu fallen und das Herzogtum zu
erobern. Angrenzende Gebiete des Kirchenstaats teilten dieses Schicksal.

Es war die Frage, wer künftig in Jtalien gebieten werde. Wich der
Papst zurück, so war vorauszusehen, daß Berengar sich zum Herrn
machen werde. Jn seinem Königreich hatte er begonnen, ein straffes
Regiment aufzurichten, der Willkür der örtlichen Großen ein Ende zu
bereiten war er auf dem besten Wege. Die nördlichen Teile des Kirchen-
staats, die Emilia, Ravenna, der alte Exarchat, die Pentapolis, ge-
horchten ihm schon. Behielt er dazu noch Spoleto, so umklammerte seine
Macht den Staat des Papstes und konnte seiner Unabhängigkeit das
Lebenslicht ausblasen. Jn der Umgebung Johannes' XII. beschloß man,
das nicht zuzulassen. Zunächst wurde der Fürst von Salerno zum Abfall
vom Beneventer bewogen. Jn persönlicher Begegnung zu Terracina
schloß der Papst mit ihm ein Bündnis. Aber das genügte natürlich nicht,
darum sah Johannes XII. sich nach auswärtiger Hilfe um. Das hatten
seine Vorgänger seit zwei Jahrhunderten in gleicher Lage stets getan.
Wie diese gegen Liutprand, Aistulf, Desiderius die Franken herbei-
gerufen, wie Johannes VIII. und seine Nachfolger zu ihrer Zeit von
Karl II. und Karl III., zuletzt von Arnulf Rettung aus ihren Nöten
erwartet hatten, so wandte sich Johannes XII. an den deutschen König
Otto I. Es gab sonst niemand, der hätte helfen können, Otto konnte es,
und von ihm durfte man annehmen, daß er dazu bereit sein werde.
Unbestritten hatte das deutsche Reich die Führung des Abendlands über-
nommen, alle inneren Schwierigkeiten, alle feindlichen Nachbarn über-
wunden, Dänen und Wenden zur Unterwerfung gezwungen, soeben erst
in der Schlacht bei Augsburg (955) die ungarische Macht gebrochen.
Jn Frankreich entschied sein Wille im Kampf der Fürsten gegen die
Krone, der König von Burgund stand in seinem Schutz, für Jtalien
hatte Berengar II. seine Oberhoheit schon einmal anerkannt, sie dann
freilich wieder abgeschüttelt und das abgetretene Gebiet östlich der Etsch
zurückgenommen. Damit war er des deutschen Königs Feind geworden
-- was lag näher, als daß dieser dem Papst gegen den gemeinsamen
Gegner die Hand reichte? Und wenn die Deutschen mit ihrer über-
legenen Macht die Alpen überschritten, war dann nicht die Gelegenheit
so günstig wie noch nie, im Bunde mit ihnen den Verhältnissen Jtaliens
eine neue Gestalt zu geben, auf Pläne zurückzukommen, die in merkwürdig

Haller, Das Papsttum II1 13

Eingreifen Ottos I.
Berengars I. — benutzte die Gelegenheit, dem Verbündeten des Papſtes,
dem Herzog von Spoleto, in den Rücken zu fallen und das Herzogtum zu
erobern. Angrenzende Gebiete des Kirchenſtaats teilten dieſes Schickſal.

Es war die Frage, wer künftig in Jtalien gebieten werde. Wich der
Papſt zurück, ſo war vorauszuſehen, daß Berengar ſich zum Herrn
machen werde. Jn ſeinem Königreich hatte er begonnen, ein ſtraffes
Regiment aufzurichten, der Willkür der örtlichen Großen ein Ende zu
bereiten war er auf dem beſten Wege. Die nördlichen Teile des Kirchen-
ſtaats, die Emilia, Ravenna, der alte Exarchat, die Pentapolis, ge-
horchten ihm ſchon. Behielt er dazu noch Spoleto, ſo umklammerte ſeine
Macht den Staat des Papſtes und konnte ſeiner Unabhängigkeit das
Lebenslicht ausblaſen. Jn der Umgebung Johannes' XII. beſchloß man,
das nicht zuzulaſſen. Zunächſt wurde der Fürſt von Salerno zum Abfall
vom Beneventer bewogen. Jn perſönlicher Begegnung zu Terracina
ſchloß der Papſt mit ihm ein Bündnis. Aber das genügte natürlich nicht,
darum ſah Johannes XII. ſich nach auswärtiger Hilfe um. Das hatten
ſeine Vorgänger ſeit zwei Jahrhunderten in gleicher Lage ſtets getan.
Wie dieſe gegen Liutprand, Aiſtulf, Deſiderius die Franken herbei-
gerufen, wie Johannes VIII. und ſeine Nachfolger zu ihrer Zeit von
Karl II. und Karl III., zuletzt von Arnulf Rettung aus ihren Nöten
erwartet hatten, ſo wandte ſich Johannes XII. an den deutſchen König
Otto I. Es gab ſonſt niemand, der hätte helfen können, Otto konnte es,
und von ihm durfte man annehmen, daß er dazu bereit ſein werde.
Unbeſtritten hatte das deutſche Reich die Führung des Abendlands über-
nommen, alle inneren Schwierigkeiten, alle feindlichen Nachbarn über-
wunden, Dänen und Wenden zur Unterwerfung gezwungen, ſoeben erſt
in der Schlacht bei Augsburg (955) die ungariſche Macht gebrochen.
Jn Frankreich entſchied ſein Wille im Kampf der Fürſten gegen die
Krone, der König von Burgund ſtand in ſeinem Schutz, für Jtalien
hatte Berengar II. ſeine Oberhoheit ſchon einmal anerkannt, ſie dann
freilich wieder abgeſchüttelt und das abgetretene Gebiet öſtlich der Etſch
zurückgenommen. Damit war er des deutſchen Königs Feind geworden
— was lag näher, als daß dieſer dem Papſt gegen den gemeinſamen
Gegner die Hand reichte? Und wenn die Deutſchen mit ihrer über-
legenen Macht die Alpen überſchritten, war dann nicht die Gelegenheit
ſo günſtig wie noch nie, im Bunde mit ihnen den Verhältniſſen Jtaliens
eine neue Geſtalt zu geben, auf Pläne zurückzukommen, die in merkwürdig

Haller, Das Papſttum II1 13
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[193/0202] Eingreifen Ottos I. Berengars I. — benutzte die Gelegenheit, dem Verbündeten des Papſtes, dem Herzog von Spoleto, in den Rücken zu fallen und das Herzogtum zu erobern. Angrenzende Gebiete des Kirchenſtaats teilten dieſes Schickſal. Es war die Frage, wer künftig in Jtalien gebieten werde. Wich der Papſt zurück, ſo war vorauszuſehen, daß Berengar ſich zum Herrn machen werde. Jn ſeinem Königreich hatte er begonnen, ein ſtraffes Regiment aufzurichten, der Willkür der örtlichen Großen ein Ende zu bereiten war er auf dem beſten Wege. Die nördlichen Teile des Kirchen- ſtaats, die Emilia, Ravenna, der alte Exarchat, die Pentapolis, ge- horchten ihm ſchon. Behielt er dazu noch Spoleto, ſo umklammerte ſeine Macht den Staat des Papſtes und konnte ſeiner Unabhängigkeit das Lebenslicht ausblaſen. Jn der Umgebung Johannes' XII. beſchloß man, das nicht zuzulaſſen. Zunächſt wurde der Fürſt von Salerno zum Abfall vom Beneventer bewogen. Jn perſönlicher Begegnung zu Terracina ſchloß der Papſt mit ihm ein Bündnis. Aber das genügte natürlich nicht, darum ſah Johannes XII. ſich nach auswärtiger Hilfe um. Das hatten ſeine Vorgänger ſeit zwei Jahrhunderten in gleicher Lage ſtets getan. Wie dieſe gegen Liutprand, Aiſtulf, Deſiderius die Franken herbei- gerufen, wie Johannes VIII. und ſeine Nachfolger zu ihrer Zeit von Karl II. und Karl III., zuletzt von Arnulf Rettung aus ihren Nöten erwartet hatten, ſo wandte ſich Johannes XII. an den deutſchen König Otto I. Es gab ſonſt niemand, der hätte helfen können, Otto konnte es, und von ihm durfte man annehmen, daß er dazu bereit ſein werde. Unbeſtritten hatte das deutſche Reich die Führung des Abendlands über- nommen, alle inneren Schwierigkeiten, alle feindlichen Nachbarn über- wunden, Dänen und Wenden zur Unterwerfung gezwungen, ſoeben erſt in der Schlacht bei Augsburg (955) die ungariſche Macht gebrochen. Jn Frankreich entſchied ſein Wille im Kampf der Fürſten gegen die Krone, der König von Burgund ſtand in ſeinem Schutz, für Jtalien hatte Berengar II. ſeine Oberhoheit ſchon einmal anerkannt, ſie dann freilich wieder abgeſchüttelt und das abgetretene Gebiet öſtlich der Etſch zurückgenommen. Damit war er des deutſchen Königs Feind geworden — was lag näher, als daß dieſer dem Papſt gegen den gemeinſamen Gegner die Hand reichte? Und wenn die Deutſchen mit ihrer über- legenen Macht die Alpen überſchritten, war dann nicht die Gelegenheit ſo günſtig wie noch nie, im Bunde mit ihnen den Verhältniſſen Jtaliens eine neue Geſtalt zu geben, auf Pläne zurückzukommen, die in merkwürdig Haller, Das Papſttum II1 13

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 193. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/202>, abgerufen am 05.08.2020.