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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Johannes XII.
auf den die Stadtherrschaft übergehen sollte, zum Papst zu wählen.
Dann ließ er sich, für seine Gesinnung bezeichnend, nach Sankt Peter
bringen und erwartete dort in der Gruft des Apostels den Tod (954).

Er hat vielleicht nicht angenommen, daß der vorausgesehene Fall
schon nach etwas mehr als Jahresfrist eintreten werde. Jm Dezember
955 starb Agapet II. und Alberichs Sohn bestieg den Stuhl Petri.
Er hatte bisher Oktavian geheißen, hielt es aber jetzt für nötig, seinen
Namen zu ändern, und nannte sich Johannes XII. Hätte er nur damit
auch sein Wesen ändern können! Der höchstens achtzehnjährige Jüngling
war bis dahin ein lebenslustiger Kavalier gewesen, und das ist er geblieben.
Reiten und Jagen und die Gesellschaft der Frauen zog er auch weiterhin
seinen geistlichen Amtspflichten vor, die er äußerst nachlässig versah.
Entsprechend war seine Redeweise, man hörte ihn beim Spiel die heid-
nischen Götter anrufen. Seine Gegner haben es später nicht schwer ge-
habt, mit den in solchen Fällen üblichen Übertreibungen darzutun, wie
unwürdig er seines hohen Amtes sei. Für das, was weiterhin geschah,
wird man dem jugendlichen Papst persönlich nicht zuviel aufbürden
dürfen. Mindestens ebensoviel, wahrscheinlich mehr als er haben die zu
verantworten, die ihn umgaben und berieten, und ihr Rat war schlecht.

Alberich hatte sich behauptet, indem er nach außen große Zurück-
haltung übte. Wie er sein väterliches Herzogtum fahren ließ, so ver-
zichtete er auch darauf, verlorengegangene Teile des Kirchenstaats
zurückzugewinnen oder gar nach neuen Erwerbungen zu streben. Unter
Johannes-Oktavian wurde die Linie der Entsagung verlassen, in seinem
Rat lebten Entwürfe auf, die an die Zeiten Johannes' VIII. erinnern,
ja über dessen Absichten noch hinausgingen. Zunächst sollte ein Feldzug
im Bunde mit dem Herzog von Spoleto die Oberhoheit über Capua
wiederherstellen. Ob dies das letzte Ziel war? Das Fürstenhaus von
Capua regierte auch Benevent, und dieses Herzogtum stand in der Liste
der Länder, die Pippin und Karl der Große dem heiligen Petrus zu
schenken versprochen, aber nicht verschafft hatten, die Karl II. nochmals
geschenkt hatte. Möglich, daß es seitdem aus Gewohnheit mitgenannt
wurde, so oft ein neuer Kaiser die Rechte und Besitzungen der römischen
Kirche bestätigte. Wenn jetzt die Absicht bestand, sich das Versprochene
selbst zu holen, so scheiterte sie völlig. Dem Angegriffenen eilte der Fürst
von Salerno zu Hilfe, und der König von Jtalien -- seit 950 Beren-
gar II., Markgraf von Jvrea und von Mutterseite Enkel Kaiser

Johannes XII.
auf den die Stadtherrſchaft übergehen ſollte, zum Papſt zu wählen.
Dann ließ er ſich, für ſeine Geſinnung bezeichnend, nach Sankt Peter
bringen und erwartete dort in der Gruft des Apoſtels den Tod (954).

Er hat vielleicht nicht angenommen, daß der vorausgeſehene Fall
ſchon nach etwas mehr als Jahresfriſt eintreten werde. Jm Dezember
955 ſtarb Agapet II. und Alberichs Sohn beſtieg den Stuhl Petri.
Er hatte bisher Oktavian geheißen, hielt es aber jetzt für nötig, ſeinen
Namen zu ändern, und nannte ſich Johannes XII. Hätte er nur damit
auch ſein Weſen ändern können! Der höchſtens achtzehnjährige Jüngling
war bis dahin ein lebensluſtiger Kavalier geweſen, und das iſt er geblieben.
Reiten und Jagen und die Geſellſchaft der Frauen zog er auch weiterhin
ſeinen geiſtlichen Amtspflichten vor, die er äußerſt nachläſſig verſah.
Entſprechend war ſeine Redeweiſe, man hörte ihn beim Spiel die heid-
niſchen Götter anrufen. Seine Gegner haben es ſpäter nicht ſchwer ge-
habt, mit den in ſolchen Fällen üblichen Übertreibungen darzutun, wie
unwürdig er ſeines hohen Amtes ſei. Für das, was weiterhin geſchah,
wird man dem jugendlichen Papſt perſönlich nicht zuviel aufbürden
dürfen. Mindeſtens ebenſoviel, wahrſcheinlich mehr als er haben die zu
verantworten, die ihn umgaben und berieten, und ihr Rat war ſchlecht.

Alberich hatte ſich behauptet, indem er nach außen große Zurück-
haltung übte. Wie er ſein väterliches Herzogtum fahren ließ, ſo ver-
zichtete er auch darauf, verlorengegangene Teile des Kirchenſtaats
zurückzugewinnen oder gar nach neuen Erwerbungen zu ſtreben. Unter
Johannes-Oktavian wurde die Linie der Entſagung verlaſſen, in ſeinem
Rat lebten Entwürfe auf, die an die Zeiten Johannes' VIII. erinnern,
ja über deſſen Abſichten noch hinausgingen. Zunächſt ſollte ein Feldzug
im Bunde mit dem Herzog von Spoleto die Oberhoheit über Capua
wiederherſtellen. Ob dies das letzte Ziel war? Das Fürſtenhaus von
Capua regierte auch Benevent, und dieſes Herzogtum ſtand in der Liſte
der Länder, die Pippin und Karl der Große dem heiligen Petrus zu
ſchenken verſprochen, aber nicht verſchafft hatten, die Karl II. nochmals
geſchenkt hatte. Möglich, daß es ſeitdem aus Gewohnheit mitgenannt
wurde, ſo oft ein neuer Kaiſer die Rechte und Beſitzungen der römiſchen
Kirche beſtätigte. Wenn jetzt die Abſicht beſtand, ſich das Verſprochene
ſelbſt zu holen, ſo ſcheiterte ſie völlig. Dem Angegriffenen eilte der Fürſt
von Salerno zu Hilfe, und der König von Jtalien — ſeit 950 Beren-
gar II., Markgraf von Jvrea und von Mutterſeite Enkel Kaiſer

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[192/0201] Johannes XII. auf den die Stadtherrſchaft übergehen ſollte, zum Papſt zu wählen. Dann ließ er ſich, für ſeine Geſinnung bezeichnend, nach Sankt Peter bringen und erwartete dort in der Gruft des Apoſtels den Tod (954). Er hat vielleicht nicht angenommen, daß der vorausgeſehene Fall ſchon nach etwas mehr als Jahresfriſt eintreten werde. Jm Dezember 955 ſtarb Agapet II. und Alberichs Sohn beſtieg den Stuhl Petri. Er hatte bisher Oktavian geheißen, hielt es aber jetzt für nötig, ſeinen Namen zu ändern, und nannte ſich Johannes XII. Hätte er nur damit auch ſein Weſen ändern können! Der höchſtens achtzehnjährige Jüngling war bis dahin ein lebensluſtiger Kavalier geweſen, und das iſt er geblieben. Reiten und Jagen und die Geſellſchaft der Frauen zog er auch weiterhin ſeinen geiſtlichen Amtspflichten vor, die er äußerſt nachläſſig verſah. Entſprechend war ſeine Redeweiſe, man hörte ihn beim Spiel die heid- niſchen Götter anrufen. Seine Gegner haben es ſpäter nicht ſchwer ge- habt, mit den in ſolchen Fällen üblichen Übertreibungen darzutun, wie unwürdig er ſeines hohen Amtes ſei. Für das, was weiterhin geſchah, wird man dem jugendlichen Papſt perſönlich nicht zuviel aufbürden dürfen. Mindeſtens ebenſoviel, wahrſcheinlich mehr als er haben die zu verantworten, die ihn umgaben und berieten, und ihr Rat war ſchlecht. Alberich hatte ſich behauptet, indem er nach außen große Zurück- haltung übte. Wie er ſein väterliches Herzogtum fahren ließ, ſo ver- zichtete er auch darauf, verlorengegangene Teile des Kirchenſtaats zurückzugewinnen oder gar nach neuen Erwerbungen zu ſtreben. Unter Johannes-Oktavian wurde die Linie der Entſagung verlaſſen, in ſeinem Rat lebten Entwürfe auf, die an die Zeiten Johannes' VIII. erinnern, ja über deſſen Abſichten noch hinausgingen. Zunächſt ſollte ein Feldzug im Bunde mit dem Herzog von Spoleto die Oberhoheit über Capua wiederherſtellen. Ob dies das letzte Ziel war? Das Fürſtenhaus von Capua regierte auch Benevent, und dieſes Herzogtum ſtand in der Liſte der Länder, die Pippin und Karl der Große dem heiligen Petrus zu ſchenken verſprochen, aber nicht verſchafft hatten, die Karl II. nochmals geſchenkt hatte. Möglich, daß es ſeitdem aus Gewohnheit mitgenannt wurde, ſo oft ein neuer Kaiſer die Rechte und Beſitzungen der römiſchen Kirche beſtätigte. Wenn jetzt die Abſicht beſtand, ſich das Verſprochene ſelbſt zu holen, ſo ſcheiterte ſie völlig. Dem Angegriffenen eilte der Fürſt von Salerno zu Hilfe, und der König von Jtalien — ſeit 950 Beren- gar II., Markgraf von Jvrea und von Mutterſeite Enkel Kaiſer

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 192. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/201>, abgerufen am 05.08.2020.