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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Haltung Lothars und seiner Bischöfe
Nikolaus" -- mit einer kurzen Darstellung des rechtswidrigen Ver-
fahrens, dessen Opfer die Kläger geworden seien, schloß daran die Zurück-
weisung des "verwünschten Spruches, dem väterliche Güte fremd, brü-
derliche Liebe fern, der zu Unrecht und gegen Vernunft und kanonisches
Recht ergangen" sei, ein "wirkungsloser Fluch". Es klagte den Papst
an, daß er mit verdammten und verfluchten Verächtern des Glaubens
Verbindung halte -- offenbar eine Anspielung auf seine Beziehungen
zu Anastasius, dem ehedem dreimal Verfluchten -- und ging dann zur
offenen Kündigung der Gemeinschaft über, da Nikolaus "in anmaßen-
der Selbstüberhebung", "in geschwollenem Hochmut als ein Unwürdiger"
sich selbst von der Gemeinschaft der ganzen Kirche getrennt habe. "Jn
deiner leichtsinnigen Vermessenheit -- so hieß es weiter -- hast du dir
durch deinen eigenen Spruch die Pest der Verfluchung zugezogen, da du
ausrufst: ,Wer apostolische Weisungen nicht befolgt, der sei verflucht!'
Du hast sie vielfach verletzt, hast göttliche Gesetze und heilige Kanones,
soviel du konntest, aufgehoben." Diese Schmähschrift -- man kann sie
nicht anders nennen -- wurde den Bischöfen in Lothars Reich übersandt
mit der Mahnung, sich nicht einschüchtern zu lassen durch den, "der
Papst genannt wird und sich als Apostel unter die Apostel zählt und zum
Herrscher der ganzen Welt aufwirft". Sie sollten dem König Mut zu-
sprechen, Ludwig den Deutschen gewinnen, von dem alles abhänge, und
im übrigen guter Zuversicht sein.

Mit der Zuversicht war es nicht weit her, schon begann unter dem
Schlage des Papstes die Phalanx der Bischöfe zu wanken. Metz, Lüttich
und Straßburg wurden von Angst ergriffen und warfen sich Nikolaus
zu Füßen. Dieser nahm die Unterwerfung huldvoll entgegen und ge-
währte mit strafenden Worten Verzeihung. Auch einer der Haupt-
schuldigen wurde unsicher: Dietgaud von Trier fügte sich so weit, daß er
sein Amt nicht mehr ausübte. Vor allem Lothar selbst verlor alle Haltung.
Jn einem langen Schreiben versicherte er mit weitschweifigen Redens-
arten dem Papst seine Ergebenheit und schämte sich nicht, Günther zu
verleugnen. Ja, er benützte dessen Absetzung zu dem Versuch, einem
andern durch Verleihung des Kölner Erzbistums gefällig zu sein. Dar-
über war nun Günther so empört, daß er den Kirchenschatz zusammen-
raffte und nach Jtalien eilte, um mit dem Geld und dem Anerbieten von
Enthüllungen die Gnade des Papstes zu erkaufen. Wirklich ist er nach
Rom gegangen, hat aber bei Nikolaus kein Entgegenkommen gefunden.

Haltung Lothars und ſeiner Biſchöfe
Nikolaus“ — mit einer kurzen Darſtellung des rechtſwidrigen Ver-
fahrens, deſſen Opfer die Kläger geworden ſeien, ſchloß daran die Zurück-
weiſung des „verwünſchten Spruches, dem väterliche Güte fremd, brü-
derliche Liebe fern, der zu Unrecht und gegen Vernunft und kanoniſches
Recht ergangen“ ſei, ein „wirkungsloſer Fluch“. Es klagte den Papſt
an, daß er mit verdammten und verfluchten Verächtern des Glaubens
Verbindung halte — offenbar eine Anſpielung auf ſeine Beziehungen
zu Anaſtaſius, dem ehedem dreimal Verfluchten — und ging dann zur
offenen Kündigung der Gemeinſchaft über, da Nikolaus „in anmaßen-
der Selbſtüberhebung“, „in geſchwollenem Hochmut als ein Unwürdiger“
ſich ſelbſt von der Gemeinſchaft der ganzen Kirche getrennt habe. „Jn
deiner leichtſinnigen Vermeſſenheit — ſo hieß es weiter — haſt du dir
durch deinen eigenen Spruch die Peſt der Verfluchung zugezogen, da du
ausrufſt: ‚Wer apoſtoliſche Weiſungen nicht befolgt, der ſei verflucht!‘
Du haſt ſie vielfach verletzt, haſt göttliche Geſetze und heilige Kanones,
ſoviel du konnteſt, aufgehoben.“ Dieſe Schmähſchrift — man kann ſie
nicht anders nennen — wurde den Biſchöfen in Lothars Reich überſandt
mit der Mahnung, ſich nicht einſchüchtern zu laſſen durch den, „der
Papſt genannt wird und ſich als Apoſtel unter die Apoſtel zählt und zum
Herrſcher der ganzen Welt aufwirft“. Sie ſollten dem König Mut zu-
ſprechen, Ludwig den Deutſchen gewinnen, von dem alles abhänge, und
im übrigen guter Zuverſicht ſein.

Mit der Zuverſicht war es nicht weit her, ſchon begann unter dem
Schlage des Papſtes die Phalanx der Biſchöfe zu wanken. Metz, Lüttich
und Straßburg wurden von Angſt ergriffen und warfen ſich Nikolaus
zu Füßen. Dieſer nahm die Unterwerfung huldvoll entgegen und ge-
währte mit ſtrafenden Worten Verzeihung. Auch einer der Haupt-
ſchuldigen wurde unſicher: Dietgaud von Trier fügte ſich ſo weit, daß er
ſein Amt nicht mehr ausübte. Vor allem Lothar ſelbſt verlor alle Haltung.
Jn einem langen Schreiben verſicherte er mit weitſchweifigen Redens-
arten dem Papſt ſeine Ergebenheit und ſchämte ſich nicht, Günther zu
verleugnen. Ja, er benützte deſſen Abſetzung zu dem Verſuch, einem
andern durch Verleihung des Kölner Erzbistums gefällig zu ſein. Dar-
über war nun Günther ſo empört, daß er den Kirchenſchatz zuſammen-
raffte und nach Jtalien eilte, um mit dem Geld und dem Anerbieten von
Enthüllungen die Gnade des Papſtes zu erkaufen. Wirklich iſt er nach
Rom gegangen, hat aber bei Nikolaus kein Entgegenkommen gefunden.

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[91/0100] Haltung Lothars und ſeiner Biſchöfe Nikolaus“ — mit einer kurzen Darſtellung des rechtſwidrigen Ver- fahrens, deſſen Opfer die Kläger geworden ſeien, ſchloß daran die Zurück- weiſung des „verwünſchten Spruches, dem väterliche Güte fremd, brü- derliche Liebe fern, der zu Unrecht und gegen Vernunft und kanoniſches Recht ergangen“ ſei, ein „wirkungsloſer Fluch“. Es klagte den Papſt an, daß er mit verdammten und verfluchten Verächtern des Glaubens Verbindung halte — offenbar eine Anſpielung auf ſeine Beziehungen zu Anaſtaſius, dem ehedem dreimal Verfluchten — und ging dann zur offenen Kündigung der Gemeinſchaft über, da Nikolaus „in anmaßen- der Selbſtüberhebung“, „in geſchwollenem Hochmut als ein Unwürdiger“ ſich ſelbſt von der Gemeinſchaft der ganzen Kirche getrennt habe. „Jn deiner leichtſinnigen Vermeſſenheit — ſo hieß es weiter — haſt du dir durch deinen eigenen Spruch die Peſt der Verfluchung zugezogen, da du ausrufſt: ‚Wer apoſtoliſche Weiſungen nicht befolgt, der ſei verflucht!‘ Du haſt ſie vielfach verletzt, haſt göttliche Geſetze und heilige Kanones, ſoviel du konnteſt, aufgehoben.“ Dieſe Schmähſchrift — man kann ſie nicht anders nennen — wurde den Biſchöfen in Lothars Reich überſandt mit der Mahnung, ſich nicht einſchüchtern zu laſſen durch den, „der Papſt genannt wird und ſich als Apoſtel unter die Apoſtel zählt und zum Herrſcher der ganzen Welt aufwirft“. Sie ſollten dem König Mut zu- ſprechen, Ludwig den Deutſchen gewinnen, von dem alles abhänge, und im übrigen guter Zuverſicht ſein. Mit der Zuverſicht war es nicht weit her, ſchon begann unter dem Schlage des Papſtes die Phalanx der Biſchöfe zu wanken. Metz, Lüttich und Straßburg wurden von Angſt ergriffen und warfen ſich Nikolaus zu Füßen. Dieſer nahm die Unterwerfung huldvoll entgegen und ge- währte mit ſtrafenden Worten Verzeihung. Auch einer der Haupt- ſchuldigen wurde unſicher: Dietgaud von Trier fügte ſich ſo weit, daß er ſein Amt nicht mehr ausübte. Vor allem Lothar ſelbſt verlor alle Haltung. Jn einem langen Schreiben verſicherte er mit weitſchweifigen Redens- arten dem Papſt ſeine Ergebenheit und ſchämte ſich nicht, Günther zu verleugnen. Ja, er benützte deſſen Abſetzung zu dem Verſuch, einem andern durch Verleihung des Kölner Erzbistums gefällig zu ſein. Dar- über war nun Günther ſo empört, daß er den Kirchenſchatz zuſammen- raffte und nach Jtalien eilte, um mit dem Geld und dem Anerbieten von Enthüllungen die Gnade des Papſtes zu erkaufen. Wirklich iſt er nach Rom gegangen, hat aber bei Nikolaus kein Entgegenkommen gefunden.

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 91. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/100>, abgerufen am 08.08.2020.