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Haeckel, Ernst: Die Welträthsel. Bonn, 1899.

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Mikroskopische Anatomie des Menschen. II.
zusammensetzen, und daß diese "Elementar-Organismen" die
wahren, selbstthätigen Staatsbürger sind, die, zu Milliarden ver-
einigt, unsern Körper, den "Zellenstaat", aufbauen. Alle diese
Zellen entstehen durch oft wiederholte Theilung aus einer ein-
zigen, einfachen Zelle, aus der "Stammzelle" oder "be-
fruchteten Eizelle" (Cytula). Die allgemeine Struktur und Zu-
sammensetzung der Gewebe ist beim Menschen dieselbe wie bei
den übrigen Wirbelthieren. Unter diesen zeichnen sich die
Säugethiere, die jüngste und höchst entwickelte Klasse, durch ge-
wisse besondere, spät erworbene Eigenthümlichkeiten aus. So
ist z. B. die mikroskopische Bildung der Haare, der Hautdrüsen,
der Milchdrüsen, der Blutzellen bei den Mammalien ganz eigen-
thümlich und verschieden von derjenigen der übrigen Vertebraten;
der Mensch ist auch in allen diesen feinsten histologischen Be-
ziehungen ein echtes Säugethier.

Die mikroskopischen Forschungen von Albert Kölliker
und von Franz Leydig (ebenfalls in Würzburg) erweiterten
nicht nur unsere Kenntniß vom feineren Körperbau des Menschen
und der Thiere nach allen Richtungen, sondern sie wurden auch
besonders wichtig durch die Verbindung mit der Entwicke-
lungsgeschichte der Zelle
und der Gewebe; sie bestätigten
namentlich die wichtige Theorie von Carl Theodor Siebold
(1845), daß die niedrigsten Thiere, die Infusorien und Rhizo-
poden, einzellige Organismen sind.

Wirbelthier-Natur des Menschen. Unser gesammter
Körperbau zeigt sowohl in der gröberen als in der feineren Zu-
sammensetzung den charakteristischen Typus der Wirbelthiere
(Vertebrata). Diese wichtigste und höchst entwickelte Haupt-
gruppe des Thierreichs wurde in ihrer natürlichen Einheit zuerst
1801 von dem großen Lamarck erkannt; er faßte unter diesem
Begriffe die vier höheren Thierklassen von Linne zusammen:

Mikroſkopiſche Anatomie des Menſchen. II.
zuſammenſetzen, und daß dieſe „Elementar-Organismen“ die
wahren, ſelbſtthätigen Staatsbürger ſind, die, zu Milliarden ver-
einigt, unſern Körper, den „Zellenſtaat“, aufbauen. Alle dieſe
Zellen entſtehen durch oft wiederholte Theilung aus einer ein-
zigen, einfachen Zelle, aus der „Stammzelle“ oder „be-
fruchteten Eizelle“ (Cytula). Die allgemeine Struktur und Zu-
ſammenſetzung der Gewebe iſt beim Menſchen dieſelbe wie bei
den übrigen Wirbelthieren. Unter dieſen zeichnen ſich die
Säugethiere, die jüngſte und höchſt entwickelte Klaſſe, durch ge-
wiſſe beſondere, ſpät erworbene Eigenthümlichkeiten aus. So
iſt z. B. die mikroſkopiſche Bildung der Haare, der Hautdrüſen,
der Milchdrüſen, der Blutzellen bei den Mammalien ganz eigen-
thümlich und verſchieden von derjenigen der übrigen Vertebraten;
der Menſch iſt auch in allen dieſen feinſten hiſtologiſchen Be-
ziehungen ein echtes Säugethier.

Die mikroſkopiſchen Forſchungen von Albert Kölliker
und von Franz Leydig (ebenfalls in Würzburg) erweiterten
nicht nur unſere Kenntniß vom feineren Körperbau des Menſchen
und der Thiere nach allen Richtungen, ſondern ſie wurden auch
beſonders wichtig durch die Verbindung mit der Entwicke-
lungsgeſchichte der Zelle
und der Gewebe; ſie beſtätigten
namentlich die wichtige Theorie von Carl Theodor Siebold
(1845), daß die niedrigſten Thiere, die Infuſorien und Rhizo-
poden, einzellige Organismen ſind.

Wirbelthier-Natur des Menſchen. Unſer geſammter
Körperbau zeigt ſowohl in der gröberen als in der feineren Zu-
ſammenſetzung den charakteriſtiſchen Typus der Wirbelthiere
(Vertebrata). Dieſe wichtigſte und höchſt entwickelte Haupt-
gruppe des Thierreichs wurde in ihrer natürlichen Einheit zuerſt
1801 von dem großen Lamarck erkannt; er faßte unter dieſem
Begriffe die vier höheren Thierklaſſen von Linné zuſammen:

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[32/0048] Mikroſkopiſche Anatomie des Menſchen. II. zuſammenſetzen, und daß dieſe „Elementar-Organismen“ die wahren, ſelbſtthätigen Staatsbürger ſind, die, zu Milliarden ver- einigt, unſern Körper, den „Zellenſtaat“, aufbauen. Alle dieſe Zellen entſtehen durch oft wiederholte Theilung aus einer ein- zigen, einfachen Zelle, aus der „Stammzelle“ oder „be- fruchteten Eizelle“ (Cytula). Die allgemeine Struktur und Zu- ſammenſetzung der Gewebe iſt beim Menſchen dieſelbe wie bei den übrigen Wirbelthieren. Unter dieſen zeichnen ſich die Säugethiere, die jüngſte und höchſt entwickelte Klaſſe, durch ge- wiſſe beſondere, ſpät erworbene Eigenthümlichkeiten aus. So iſt z. B. die mikroſkopiſche Bildung der Haare, der Hautdrüſen, der Milchdrüſen, der Blutzellen bei den Mammalien ganz eigen- thümlich und verſchieden von derjenigen der übrigen Vertebraten; der Menſch iſt auch in allen dieſen feinſten hiſtologiſchen Be- ziehungen ein echtes Säugethier. Die mikroſkopiſchen Forſchungen von Albert Kölliker und von Franz Leydig (ebenfalls in Würzburg) erweiterten nicht nur unſere Kenntniß vom feineren Körperbau des Menſchen und der Thiere nach allen Richtungen, ſondern ſie wurden auch beſonders wichtig durch die Verbindung mit der Entwicke- lungsgeſchichte der Zelle und der Gewebe; ſie beſtätigten namentlich die wichtige Theorie von Carl Theodor Siebold (1845), daß die niedrigſten Thiere, die Infuſorien und Rhizo- poden, einzellige Organismen ſind. Wirbelthier-Natur des Menſchen. Unſer geſammter Körperbau zeigt ſowohl in der gröberen als in der feineren Zu- ſammenſetzung den charakteriſtiſchen Typus der Wirbelthiere (Vertebrata). Dieſe wichtigſte und höchſt entwickelte Haupt- gruppe des Thierreichs wurde in ihrer natürlichen Einheit zuerſt 1801 von dem großen Lamarck erkannt; er faßte unter dieſem Begriffe die vier höheren Thierklaſſen von Linné zuſammen:

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Zitationshilfe: Haeckel, Ernst: Die Welträthsel. Bonn, 1899, S. 32. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haeckel_weltraethsel_1899/48>, abgerufen am 22.09.2019.