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Haeckel, Ernst: Die Welträthsel. Bonn, 1899.

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II. Menschliche Anatomie im Mittelalter.
genaue Kenntniß unseres Körperbaues so sehr, daß ihren zahl-
reichen Nachfolgern bezüglich der gröberen Verhältnisse haupt-
sächlich nur Einzelheiten festzustellen übrig blieben. Der ebenso
kühne als geistreiche und unermüdliche Andreas Vesalius
(dessen Familie, wie der Name sagt, aus Wesel stammte)
ging bahnbrechend Allen voran; er vollendete schon in seinem
28. Lebensjahre das große, einheitlich durchgeführte Werk "De
humani corporis fabrica",
1543; er gab der ganzen mensch-
lichen Anatomie eine neue, selbstständige Richtung und sichere
Grundlage. Dafür wurde Vesalius später in Madrid -- wo
er Leibarzt Karls V. und Philipps II. war -- von der Inquisition
als Zauberer zum Tode verurtheilt. Er rettete sich nur dadurch,
daß er eine Reise nach Jerusalem antrat; auf der Rückreise litt
er bei der Insel Zante Schiffbruch und starb hier im Elend,
krank und aller Mittel beraubt.

Vergleichende Anatomie. Die Verdienste, welche unser
neunzehntes Jahrhundert sich um die Erkenntniß des menschlichen
Körperbaues erworben hat, bestehen vor Allem in dem Ausbau
von zwei neuen, überaus wichtigen Forschungsrichtungen, der
"vergleichenden Anatomie" und der "Gewebelehre"
oder der "mikroskopischen Anatomie". Was zunächst die erstere
betrifft, so war sie allerdings schon von Anfang an mit der
menschlichen Anatomie eng verknüpft gewesen; ja, die letztere
wurde sogar so lange durch die erstere ersetzt, als die Sektion
menschlicher Leichen für ein todeswürdiges Verbrechen galt --
und das war sogar noch im 15. Jahrhundert der Fall! Aber die
zahlreichen Anatomen der folgenden drei Jahrhunderte be-
schränkten sich größtentheils auf die genaue Untersuchung des
menschlichen Organismus. Diejenige hoch entwickelte Disciplin,
die wir heute vergleichende Anatomie nennen, wurde erst im
Jahre 1803 geboren, als der große französische Zoologe George
Cuvier
(aus Mömpelgard im Elsaß stammend) seine grund-

II. Menſchliche Anatomie im Mittelalter.
genaue Kenntniß unſeres Körperbaues ſo ſehr, daß ihren zahl-
reichen Nachfolgern bezüglich der gröberen Verhältniſſe haupt-
ſächlich nur Einzelheiten feſtzuſtellen übrig blieben. Der ebenſo
kühne als geiſtreiche und unermüdliche Andreas Veſalius
(deſſen Familie, wie der Name ſagt, aus Weſel ſtammte)
ging bahnbrechend Allen voran; er vollendete ſchon in ſeinem
28. Lebensjahre das große, einheitlich durchgeführte Werk „De
humani corporiſ fabrica“,
1543; er gab der ganzen menſch-
lichen Anatomie eine neue, ſelbſtſtändige Richtung und ſichere
Grundlage. Dafür wurde Veſalius ſpäter in Madrid — wo
er Leibarzt Karls V. und Philipps II. war — von der Inquiſition
als Zauberer zum Tode verurtheilt. Er rettete ſich nur dadurch,
daß er eine Reiſe nach Jeruſalem antrat; auf der Rückreiſe litt
er bei der Inſel Zante Schiffbruch und ſtarb hier im Elend,
krank und aller Mittel beraubt.

Vergleichende Anatomie. Die Verdienſte, welche unſer
neunzehntes Jahrhundert ſich um die Erkenntniß des menſchlichen
Körperbaues erworben hat, beſtehen vor Allem in dem Ausbau
von zwei neuen, überaus wichtigen Forſchungsrichtungen, der
vergleichenden Anatomie“ und der „Gewebelehre
oder der „mikroſkopiſchen Anatomie“. Was zunächſt die erſtere
betrifft, ſo war ſie allerdings ſchon von Anfang an mit der
menſchlichen Anatomie eng verknüpft geweſen; ja, die letztere
wurde ſogar ſo lange durch die erſtere erſetzt, als die Sektion
menſchlicher Leichen für ein todeswürdiges Verbrechen galt —
und das war ſogar noch im 15. Jahrhundert der Fall! Aber die
zahlreichen Anatomen der folgenden drei Jahrhunderte be-
ſchränkten ſich größtentheils auf die genaue Unterſuchung des
menſchlichen Organismus. Diejenige hoch entwickelte Disciplin,
die wir heute vergleichende Anatomie nennen, wurde erſt im
Jahre 1803 geboren, als der große franzöſiſche Zoologe George
Cuvier
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[29/0045] II. Menſchliche Anatomie im Mittelalter. genaue Kenntniß unſeres Körperbaues ſo ſehr, daß ihren zahl- reichen Nachfolgern bezüglich der gröberen Verhältniſſe haupt- ſächlich nur Einzelheiten feſtzuſtellen übrig blieben. Der ebenſo kühne als geiſtreiche und unermüdliche Andreas Veſalius (deſſen Familie, wie der Name ſagt, aus Weſel ſtammte) ging bahnbrechend Allen voran; er vollendete ſchon in ſeinem 28. Lebensjahre das große, einheitlich durchgeführte Werk „De humani corporiſ fabrica“, 1543; er gab der ganzen menſch- lichen Anatomie eine neue, ſelbſtſtändige Richtung und ſichere Grundlage. Dafür wurde Veſalius ſpäter in Madrid — wo er Leibarzt Karls V. und Philipps II. war — von der Inquiſition als Zauberer zum Tode verurtheilt. Er rettete ſich nur dadurch, daß er eine Reiſe nach Jeruſalem antrat; auf der Rückreiſe litt er bei der Inſel Zante Schiffbruch und ſtarb hier im Elend, krank und aller Mittel beraubt. Vergleichende Anatomie. Die Verdienſte, welche unſer neunzehntes Jahrhundert ſich um die Erkenntniß des menſchlichen Körperbaues erworben hat, beſtehen vor Allem in dem Ausbau von zwei neuen, überaus wichtigen Forſchungsrichtungen, der „vergleichenden Anatomie“ und der „Gewebelehre“ oder der „mikroſkopiſchen Anatomie“. Was zunächſt die erſtere betrifft, ſo war ſie allerdings ſchon von Anfang an mit der menſchlichen Anatomie eng verknüpft geweſen; ja, die letztere wurde ſogar ſo lange durch die erſtere erſetzt, als die Sektion menſchlicher Leichen für ein todeswürdiges Verbrechen galt — und das war ſogar noch im 15. Jahrhundert der Fall! Aber die zahlreichen Anatomen der folgenden drei Jahrhunderte be- ſchränkten ſich größtentheils auf die genaue Unterſuchung des menſchlichen Organismus. Diejenige hoch entwickelte Disciplin, die wir heute vergleichende Anatomie nennen, wurde erſt im Jahre 1803 geboren, als der große franzöſiſche Zoologe George Cuvier (aus Mömpelgard im Elſaß ſtammend) ſeine grund-

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Zitationshilfe: Haeckel, Ernst: Die Welträthsel. Bonn, 1899, S. 29. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haeckel_weltraethsel_1899/45>, abgerufen am 20.09.2019.