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Gutzkow, Karl: Die neuen Serapionsbrüder. Bd. 3. Breslau, 1877.

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reich, echt vornehm und edel, so konnte man ihm doch eine gewisse Weichheit, eine Art Unentschlossenheit, eine bloße Nachempfindung nicht absprechen. Die neuere Diplomatie hat ja ein Beispiel in einem berühmten Proceß erlebt, wo das ganze Princip der modernen Bildung auf dem Gebiete des gebotensten Ernstes die Probe nicht bestand. Graf Udo gehörte ganz dieser an sich liebenswürdigen Schule der Redseligkeit an. Ottomar seinerseits trat immer fest und bestimmt auf. Seine Urtheile gehörten einer Philosophie an, die er sich über die Menschen und Dinge im Allgemeinen gemacht hatte, allerdings etwas pessimistisch, über Vieles kalt und schonungslos. Graf Udo blieb stets am Einzelnen haften, beliebäugelte einen Spruch, den er bei Byron oder La Rochefoucauld gefunden, wochenlang, wie Ada sagte, mit demselben salzte er sich die Suppe und den Braten. Jene Schule der Diplomatie will Nichts als ausweichen, hinhalten, jagt bei Alledem nach Sensation und zieht sich, wenn der Spaß zu ernst wird, wieder zurück, immer nur bedacht, daß die Entscheidung, die Einmischung nicht in die Hände der ihr verhaßtesten Menschen, der hohen Militärs, gelangt. Helene hatte es oft liebenswürdig gefunden, wenn der Graf zu sagen pflegte: "Ich gestehe, daß ich beim längeren Verweilen in der Diplomatie und beim Avanciren nicht nur alle Staaten, sondern aus

reich, echt vornehm und edel, so konnte man ihm doch eine gewisse Weichheit, eine Art Unentschlossenheit, eine bloße Nachempfindung nicht absprechen. Die neuere Diplomatie hat ja ein Beispiel in einem berühmten Proceß erlebt, wo das ganze Princip der modernen Bildung auf dem Gebiete des gebotensten Ernstes die Probe nicht bestand. Graf Udo gehörte ganz dieser an sich liebenswürdigen Schule der Redseligkeit an. Ottomar seinerseits trat immer fest und bestimmt auf. Seine Urtheile gehörten einer Philosophie an, die er sich über die Menschen und Dinge im Allgemeinen gemacht hatte, allerdings etwas pessimistisch, über Vieles kalt und schonungslos. Graf Udo blieb stets am Einzelnen haften, beliebäugelte einen Spruch, den er bei Byron oder La Rochefoucauld gefunden, wochenlang, wie Ada sagte, mit demselben salzte er sich die Suppe und den Braten. Jene Schule der Diplomatie will Nichts als ausweichen, hinhalten, jagt bei Alledem nach Sensation und zieht sich, wenn der Spaß zu ernst wird, wieder zurück, immer nur bedacht, daß die Entscheidung, die Einmischung nicht in die Hände der ihr verhaßtesten Menschen, der hohen Militärs, gelangt. Helene hatte es oft liebenswürdig gefunden, wenn der Graf zu sagen pflegte: „Ich gestehe, daß ich beim längeren Verweilen in der Diplomatie und beim Avanciren nicht nur alle Staaten, sondern aus

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[30/0036] reich, echt vornehm und edel, so konnte man ihm doch eine gewisse Weichheit, eine Art Unentschlossenheit, eine bloße Nachempfindung nicht absprechen. Die neuere Diplomatie hat ja ein Beispiel in einem berühmten Proceß erlebt, wo das ganze Princip der modernen Bildung auf dem Gebiete des gebotensten Ernstes die Probe nicht bestand. Graf Udo gehörte ganz dieser an sich liebenswürdigen Schule der Redseligkeit an. Ottomar seinerseits trat immer fest und bestimmt auf. Seine Urtheile gehörten einer Philosophie an, die er sich über die Menschen und Dinge im Allgemeinen gemacht hatte, allerdings etwas pessimistisch, über Vieles kalt und schonungslos. Graf Udo blieb stets am Einzelnen haften, beliebäugelte einen Spruch, den er bei Byron oder La Rochefoucauld gefunden, wochenlang, wie Ada sagte, mit demselben salzte er sich die Suppe und den Braten. Jene Schule der Diplomatie will Nichts als ausweichen, hinhalten, jagt bei Alledem nach Sensation und zieht sich, wenn der Spaß zu ernst wird, wieder zurück, immer nur bedacht, daß die Entscheidung, die Einmischung nicht in die Hände der ihr verhaßtesten Menschen, der hohen Militärs, gelangt. Helene hatte es oft liebenswürdig gefunden, wenn der Graf zu sagen pflegte: „Ich gestehe, daß ich beim längeren Verweilen in der Diplomatie und beim Avanciren nicht nur alle Staaten, sondern aus

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Zitationshilfe: Gutzkow, Karl: Die neuen Serapionsbrüder. Bd. 3. Breslau, 1877, S. 30. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/gutzkow_serapionsbrueder03_1877/36>, abgerufen am 14.10.2019.