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Gutzkow, Karl: Die neuen Serapionsbrüder. Bd. 3. Breslau, 1877.

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küche gelieferten Speisereste wanderten noch zur Dienerschaft. Schon begann etwas von moderner Straßenbeleuchtung mit Petroleum in der Stadt zu dämmern, ein Fortschritt, der die conservative alte Gräfin mehr mit Schrecken als mit Freude zu erfüllen schien. In die unterm Thorweg vorfahrenden Wagen stieg man rasch ein. Es war noch immer ein Gedräng von Menschen zu vermeiden. Lange konnte man mit den Sitzen und Personen nicht wählen. Und so ergab sich denn die Fügung, daß sich in den ersten Wagen zur alten Gräfin wieder Ottomar, Martha und ihre Schwiegertochter Ada gesetzt hatten. Der Wagen fuhr ab, während man noch über eine Aenderung parlamentirte. Das Gedränge und die Rinnsale von nassen Regenschirmen ließen es als zweckmäßig erscheinen, daß die zufällig Zurückgebliebenen, Helene und Udo, jene beim Suchen ihres Shawls, der Graf beim Berechnen der Zeche mit La Rose in den offenen Schlag sprangen und die Pferde, die vor Begierde stampften nach Hause zu kommen, anzogen.

Solche Situationen, wie die sich nun ergebende, hatte Helene seit den glücklichen Wochen, wo sie hier mit klarer und verständiger Regelung ihrer Gefühle gelebt hatte, immer zu vermeiden, Graf Udo herbeizuführen gesucht. Schon so weit war sein Geständnißdrang gediehen, daß

küche gelieferten Speisereste wanderten noch zur Dienerschaft. Schon begann etwas von moderner Straßenbeleuchtung mit Petroleum in der Stadt zu dämmern, ein Fortschritt, der die conservative alte Gräfin mehr mit Schrecken als mit Freude zu erfüllen schien. In die unterm Thorweg vorfahrenden Wagen stieg man rasch ein. Es war noch immer ein Gedräng von Menschen zu vermeiden. Lange konnte man mit den Sitzen und Personen nicht wählen. Und so ergab sich denn die Fügung, daß sich in den ersten Wagen zur alten Gräfin wieder Ottomar, Martha und ihre Schwiegertochter Ada gesetzt hatten. Der Wagen fuhr ab, während man noch über eine Aenderung parlamentirte. Das Gedränge und die Rinnsale von nassen Regenschirmen ließen es als zweckmäßig erscheinen, daß die zufällig Zurückgebliebenen, Helene und Udo, jene beim Suchen ihres Shawls, der Graf beim Berechnen der Zeche mit La Rose in den offenen Schlag sprangen und die Pferde, die vor Begierde stampften nach Hause zu kommen, anzogen.

Solche Situationen, wie die sich nun ergebende, hatte Helene seit den glücklichen Wochen, wo sie hier mit klarer und verständiger Regelung ihrer Gefühle gelebt hatte, immer zu vermeiden, Graf Udo herbeizuführen gesucht. Schon so weit war sein Geständnißdrang gediehen, daß

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[10/0016] küche gelieferten Speisereste wanderten noch zur Dienerschaft. Schon begann etwas von moderner Straßenbeleuchtung mit Petroleum in der Stadt zu dämmern, ein Fortschritt, der die conservative alte Gräfin mehr mit Schrecken als mit Freude zu erfüllen schien. In die unterm Thorweg vorfahrenden Wagen stieg man rasch ein. Es war noch immer ein Gedräng von Menschen zu vermeiden. Lange konnte man mit den Sitzen und Personen nicht wählen. Und so ergab sich denn die Fügung, daß sich in den ersten Wagen zur alten Gräfin wieder Ottomar, Martha und ihre Schwiegertochter Ada gesetzt hatten. Der Wagen fuhr ab, während man noch über eine Aenderung parlamentirte. Das Gedränge und die Rinnsale von nassen Regenschirmen ließen es als zweckmäßig erscheinen, daß die zufällig Zurückgebliebenen, Helene und Udo, jene beim Suchen ihres Shawls, der Graf beim Berechnen der Zeche mit La Rose in den offenen Schlag sprangen und die Pferde, die vor Begierde stampften nach Hause zu kommen, anzogen. Solche Situationen, wie die sich nun ergebende, hatte Helene seit den glücklichen Wochen, wo sie hier mit klarer und verständiger Regelung ihrer Gefühle gelebt hatte, immer zu vermeiden, Graf Udo herbeizuführen gesucht. Schon so weit war sein Geständnißdrang gediehen, daß

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Zitationshilfe: Gutzkow, Karl: Die neuen Serapionsbrüder. Bd. 3. Breslau, 1877, S. 10. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/gutzkow_serapionsbrueder03_1877/16>, abgerufen am 17.10.2019.