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Goethe, Johann Wolfgang von: Die Leiden des jungen Werthers. Bd. 1. Leipzig, 1774.

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Begriffe zu antworten, als wir uns scheiden mußten
die grosse Achte zu machen, und mich dünkte eini-
ges Nachdenken auf ihrer Stirne zu sehen, als wir
so vor einander vorbeykreuzten. Was soll ich's ih-
nen läugnen, sagte sie, indem sie mir die Hand zur
Promenade bot. Albert ist ein braver Mensch, dem
ich so gut als verlobt bin! Nun war mir das
nichts neues, denn die Mädchen hatten mir's auf
dem Wege gesagt, und war mir doch so ganz neu,
weil ich das noch nicht im Verhältnisse auf sie, die
mir in so wenig Augenblikken so werth geworden
war, gedacht hatte. Genug ich verwirrte mich, ver-
gaß mich, und kam zwischen das unrechte Paar
hinein, daß alles drunter und drüber gieng, und Lot-
tens ganze Gegenwart und Zerren und Ziehen nö-
thig war, um's schnell wieder in Ordnung zu
bringen.

Der Tanz war noch nicht zu Ende, als die
Blizze, die wir schon lange am Horizonte leuchten ge-
sehn, und die ich immer für Wetterkühlen ausge-
geben hatte, viel stärker zu werden anfiengen, und
der Donner die Musik überstimmte. Drey Frauen-
zimmer liefen aus der Reihe, denen ihre Herren

folgten,



Begriffe zu antworten, als wir uns ſcheiden mußten
die groſſe Achte zu machen, und mich duͤnkte eini-
ges Nachdenken auf ihrer Stirne zu ſehen, als wir
ſo vor einander vorbeykreuzten. Was ſoll ich’s ih-
nen laͤugnen, ſagte ſie, indem ſie mir die Hand zur
Promenade bot. Albert iſt ein braver Menſch, dem
ich ſo gut als verlobt bin! Nun war mir das
nichts neues, denn die Maͤdchen hatten mir’s auf
dem Wege geſagt, und war mir doch ſo ganz neu,
weil ich das noch nicht im Verhaͤltniſſe auf ſie, die
mir in ſo wenig Augenblikken ſo werth geworden
war, gedacht hatte. Genug ich verwirrte mich, ver-
gaß mich, und kam zwiſchen das unrechte Paar
hinein, daß alles drunter und druͤber gieng, und Lot-
tens ganze Gegenwart und Zerren und Ziehen noͤ-
thig war, um’s ſchnell wieder in Ordnung zu
bringen.

Der Tanz war noch nicht zu Ende, als die
Blizze, die wir ſchon lange am Horizonte leuchten ge-
ſehn, und die ich immer fuͤr Wetterkuͤhlen ausge-
geben hatte, viel ſtaͤrker zu werden anfiengen, und
der Donner die Muſik uͤberſtimmte. Drey Frauen-
zimmer liefen aus der Reihe, denen ihre Herren

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[40/0040] Begriffe zu antworten, als wir uns ſcheiden mußten die groſſe Achte zu machen, und mich duͤnkte eini- ges Nachdenken auf ihrer Stirne zu ſehen, als wir ſo vor einander vorbeykreuzten. Was ſoll ich’s ih- nen laͤugnen, ſagte ſie, indem ſie mir die Hand zur Promenade bot. Albert iſt ein braver Menſch, dem ich ſo gut als verlobt bin! Nun war mir das nichts neues, denn die Maͤdchen hatten mir’s auf dem Wege geſagt, und war mir doch ſo ganz neu, weil ich das noch nicht im Verhaͤltniſſe auf ſie, die mir in ſo wenig Augenblikken ſo werth geworden war, gedacht hatte. Genug ich verwirrte mich, ver- gaß mich, und kam zwiſchen das unrechte Paar hinein, daß alles drunter und druͤber gieng, und Lot- tens ganze Gegenwart und Zerren und Ziehen noͤ- thig war, um’s ſchnell wieder in Ordnung zu bringen. Der Tanz war noch nicht zu Ende, als die Blizze, die wir ſchon lange am Horizonte leuchten ge- ſehn, und die ich immer fuͤr Wetterkuͤhlen ausge- geben hatte, viel ſtaͤrker zu werden anfiengen, und der Donner die Muſik uͤberſtimmte. Drey Frauen- zimmer liefen aus der Reihe, denen ihre Herren folgten,

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Zitationshilfe: Goethe, Johann Wolfgang von: Die Leiden des jungen Werthers. Bd. 1. Leipzig, 1774, S. 40. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/goethe_werther01_1774/40>, abgerufen am 22.03.2019.