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François, Louise von: Die letzte Reckenburgerin. Bd. 2. Berlin, 1871.

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-- als am 21. September 1837 sich die Kunde von
dem Tode der letzten Reckenburgerin gleich einem Lauf¬
feuer über die Landschaft verbreitete. So fern sie ir¬
gend einem gemüthlichen Zusammenhange außer ihrer
Flur gestanden, die Blicke und Gedanken von Hoch
und Gering hatten sich Geschlechter hindurch mit einem
allzu lebhaften und mannichfaltigen Interesse auf die
beiden ungewöhnlichen Schloßherrinnen geheftet, um
sich nicht wie von einem persönlichen Schicksale be¬
troffen zu fühlen, als jetzt die Stelle, die sie einge¬
nommen, plötzlich verödet war. Wer sollte diese Stelle
fortan füllen? Einzelne, wie Corporationen forschten
ängstlich nach dem leisesten Faden, welcher zu der be¬
währten Segensquelle leiten konnte. Jedweder sah
sich zu einer Hoffnung berechtigt um so mehr, als
keiner zu einem Anspruch berechtigt war, und nur
Glück oder Gunst ihm ein großes Loos in die Hand
spielen konnten.

Aber es waren nicht diese Glücksjäger allein. Ein
umfänglicher Gemeindeverband hatte eine Oberherrin
verloren, die sich sein Gedeihen zur Aufgabe eines
langen Lebens gesetzt; eine große Zahl Beamteter die
gerechteste Gebieterin, auch die Armuth eine milde
Versorgerin, seitdem durch die Hand eines Bettler¬

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— als am 21. September 1837 ſich die Kunde von
dem Tode der letzten Reckenburgerin gleich einem Lauf¬
feuer über die Landſchaft verbreitete. So fern ſie ir¬
gend einem gemüthlichen Zuſammenhange außer ihrer
Flur geſtanden, die Blicke und Gedanken von Hoch
und Gering hatten ſich Geſchlechter hindurch mit einem
allzu lebhaften und mannichfaltigen Intereſſe auf die
beiden ungewöhnlichen Schloßherrinnen geheftet, um
ſich nicht wie von einem perſönlichen Schickſale be¬
troffen zu fühlen, als jetzt die Stelle, die ſie einge¬
nommen, plötzlich verödet war. Wer ſollte dieſe Stelle
fortan füllen? Einzelne, wie Corporationen forſchten
ängſtlich nach dem leiſeſten Faden, welcher zu der be¬
währten Segensquelle leiten konnte. Jedweder ſah
ſich zu einer Hoffnung berechtigt um ſo mehr, als
keiner zu einem Anſpruch berechtigt war, und nur
Glück oder Gunſt ihm ein großes Loos in die Hand
ſpielen konnten.

Aber es waren nicht dieſe Glücksjäger allein. Ein
umfänglicher Gemeindeverband hatte eine Oberherrin
verloren, die ſich ſein Gedeihen zur Aufgabe eines
langen Lebens geſetzt; eine große Zahl Beamteter die
gerechteſte Gebieterin, auch die Armuth eine milde
Verſorgerin, ſeitdem durch die Hand eines Bettler¬

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[227/0231] — als am 21. September 1837 ſich die Kunde von dem Tode der letzten Reckenburgerin gleich einem Lauf¬ feuer über die Landſchaft verbreitete. So fern ſie ir¬ gend einem gemüthlichen Zuſammenhange außer ihrer Flur geſtanden, die Blicke und Gedanken von Hoch und Gering hatten ſich Geſchlechter hindurch mit einem allzu lebhaften und mannichfaltigen Intereſſe auf die beiden ungewöhnlichen Schloßherrinnen geheftet, um ſich nicht wie von einem perſönlichen Schickſale be¬ troffen zu fühlen, als jetzt die Stelle, die ſie einge¬ nommen, plötzlich verödet war. Wer ſollte dieſe Stelle fortan füllen? Einzelne, wie Corporationen forſchten ängſtlich nach dem leiſeſten Faden, welcher zu der be¬ währten Segensquelle leiten konnte. Jedweder ſah ſich zu einer Hoffnung berechtigt um ſo mehr, als keiner zu einem Anſpruch berechtigt war, und nur Glück oder Gunſt ihm ein großes Loos in die Hand ſpielen konnten. Aber es waren nicht dieſe Glücksjäger allein. Ein umfänglicher Gemeindeverband hatte eine Oberherrin verloren, die ſich ſein Gedeihen zur Aufgabe eines langen Lebens geſetzt; eine große Zahl Beamteter die gerechteſte Gebieterin, auch die Armuth eine milde Verſorgerin, ſeitdem durch die Hand eines Bettler¬ 15*

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Zitationshilfe: François, Louise von: Die letzte Reckenburgerin. Bd. 2. Berlin, 1871, S. 227. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/francois_reckenburgerin02_1871/231>, abgerufen am 18.09.2019.