Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Droysen, Johann Gustav: Geschichte Alexanders des Großen. Hamburg, [1833].

Bild:
<< vorherige Seite

über den Körper, dem diese Hand angehört, und dem sie ihre
Kraft und Sicherheit dankt, fast ganz im Dunkeln; das verführeri-
sche Gold, das sie dieselbe Hand zeigen und zur rechten Zeit spen-
den läßt, erscheint fast als das einzige oder doch größte Mittel,
durch welches Philipp seine Erfolge errungen. Aber faßt man das
innere Leben des Reiches näher ins Auge, so treten deutlich zwei
Momente hervor, die, schon früher angeregt, aber durch Philipp erst
zu voller Kraft entwickelt, die Basis seiner Macht wurden.

Das Macedonische Volk hatte allerdings schon früher Kriege
mannigfacher Art zu bestehen gehabt, und nach dem alten Brauch
war dann jeder wehrhafte Mann ausgezogen, um nach Beendigung
des Krieges wieder zu seinem Pfluge oder zu seiner Heerde zurück-
zukehren. Die Gefahren, unter denen Philipp die Regierung über-
nahm, die Kämpfe, welche namentlich die ersten Jahre seines Kö-
nigthums fast unablässig fortwährten, gaben die Veranlassung, jene
Kriegspflichtigkeit der Macedonier zur Bildung eines stehenden Natio-
nalheeres zu benutzen, das, anfangs zehntausend Mann Fußvolk und
sechshundert Ritter stark, bald genug auf das Doppelte gebracht
wurde. Die Erfolge dieser Einrichtung mußten außerordentlich sein;
sie bewirkte, daß sich die verschiedenen Landschaften des Reiches als
ein Ganzes, als eine Nation fühlen lernten; sie machte es mög-
lich, daß die neu erworbenen Thracischen, Päonischen, Agriani-
schen Völkerschaften, wenn sie auch ihre einheimischen Fürsten
behielten, mit dem Macedonischen Volke zu einem Ganzen ver-
schmolzen; vor allem aber gab sie in dieser Einheit und in der
kriegerischen Tendenz, die fortan vorherrschend wurde, dem Volke
schnell und durchgreifend jene höhere ethische Kraft und jenes stolze
Gefühl des geschichtlichen Lebens, dessen höchstes Ziel der Ruhm ist.
Ein Heer dieser Art mußte den Söldnerschaaren der Griechischen
Staaten, eine Nationalität von dieser Jugendfrische und diesem
Selbstgefühl dem überbildeten, durch geistige und körperliche Ge-
nüsse bis zur Fieberhaftigkeit oder Gleichgültigkeit überreizten Grie-
chenthume überlegen sein. Die Gunst des Schicksals hatte in Ma-
cedonien die Weise einer alten und urkräftigen Zeit so lange bestehen
lassen, bis es mit ihr in das geschichtliche Leben eintreten sollte,
sie hatte im Kampf des Königthums mit dem Adel nicht, wie in
Hellas Jahrhunderte früher, dem trotzigen Herrenstande, sondern dem

über den Körper, dem dieſe Hand angehört, und dem ſie ihre
Kraft und Sicherheit dankt, faſt ganz im Dunkeln; das verführeri-
ſche Gold, das ſie dieſelbe Hand zeigen und zur rechten Zeit ſpen-
den läßt, erſcheint faſt als das einzige oder doch größte Mittel,
durch welches Philipp ſeine Erfolge errungen. Aber faßt man das
innere Leben des Reiches näher ins Auge, ſo treten deutlich zwei
Momente hervor, die, ſchon früher angeregt, aber durch Philipp erſt
zu voller Kraft entwickelt, die Baſis ſeiner Macht wurden.

Das Macedoniſche Volk hatte allerdings ſchon früher Kriege
mannigfacher Art zu beſtehen gehabt, und nach dem alten Brauch
war dann jeder wehrhafte Mann ausgezogen, um nach Beendigung
des Krieges wieder zu ſeinem Pfluge oder zu ſeiner Heerde zurück-
zukehren. Die Gefahren, unter denen Philipp die Regierung über-
nahm, die Kämpfe, welche namentlich die erſten Jahre ſeines Kö-
nigthums faſt unabläſſig fortwährten, gaben die Veranlaſſung, jene
Kriegspflichtigkeit der Macedonier zur Bildung eines ſtehenden Natio-
nalheeres zu benutzen, das, anfangs zehntauſend Mann Fußvolk und
ſechshundert Ritter ſtark, bald genug auf das Doppelte gebracht
wurde. Die Erfolge dieſer Einrichtung mußten außerordentlich ſein;
ſie bewirkte, daß ſich die verſchiedenen Landſchaften des Reiches als
ein Ganzes, als eine Nation fühlen lernten; ſie machte es mög-
lich, daß die neu erworbenen Thraciſchen, Päoniſchen, Agriani-
ſchen Völkerſchaften, wenn ſie auch ihre einheimiſchen Fürſten
behielten, mit dem Macedoniſchen Volke zu einem Ganzen ver-
ſchmolzen; vor allem aber gab ſie in dieſer Einheit und in der
kriegeriſchen Tendenz, die fortan vorherrſchend wurde, dem Volke
ſchnell und durchgreifend jene höhere ethiſche Kraft und jenes ſtolze
Gefühl des geſchichtlichen Lebens, deſſen höchſtes Ziel der Ruhm iſt.
Ein Heer dieſer Art mußte den Söldnerſchaaren der Griechiſchen
Staaten, eine Nationalität von dieſer Jugendfriſche und dieſem
Selbſtgefühl dem überbildeten, durch geiſtige und körperliche Ge-
nüſſe bis zur Fieberhaftigkeit oder Gleichgültigkeit überreizten Grie-
chenthume überlegen ſein. Die Gunſt des Schickſals hatte in Ma-
cedonien die Weiſe einer alten und urkräftigen Zeit ſo lange beſtehen
laſſen, bis es mit ihr in das geſchichtliche Leben eintreten ſollte,
ſie hatte im Kampf des Königthums mit dem Adel nicht, wie in
Hellas Jahrhunderte früher, dem trotzigen Herrenſtande, ſondern dem

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <p><pb facs="#f0055" n="41"/>
über den Körper, dem die&#x017F;e Hand angehört, und dem &#x017F;ie ihre<lb/>
Kraft und Sicherheit dankt, fa&#x017F;t ganz im Dunkeln; das verführeri-<lb/>
&#x017F;che Gold, das &#x017F;ie die&#x017F;elbe Hand zeigen und zur rechten Zeit &#x017F;pen-<lb/>
den läßt, er&#x017F;cheint fa&#x017F;t als das einzige oder doch größte Mittel,<lb/>
durch welches Philipp &#x017F;eine Erfolge errungen. Aber faßt man das<lb/>
innere Leben des Reiches näher ins Auge, &#x017F;o treten deutlich zwei<lb/>
Momente hervor, die, &#x017F;chon früher angeregt, aber durch Philipp er&#x017F;t<lb/>
zu voller Kraft entwickelt, die Ba&#x017F;is &#x017F;einer Macht wurden.</p><lb/>
          <p>Das Macedoni&#x017F;che Volk hatte allerdings &#x017F;chon früher Kriege<lb/>
mannigfacher Art zu be&#x017F;tehen gehabt, und nach dem alten Brauch<lb/>
war dann jeder wehrhafte Mann ausgezogen, um nach Beendigung<lb/>
des Krieges wieder zu &#x017F;einem Pfluge oder zu &#x017F;einer Heerde zurück-<lb/>
zukehren. Die Gefahren, unter denen Philipp die Regierung über-<lb/>
nahm, die Kämpfe, welche namentlich die er&#x017F;ten Jahre &#x017F;eines Kö-<lb/>
nigthums fa&#x017F;t unablä&#x017F;&#x017F;ig fortwährten, gaben die Veranla&#x017F;&#x017F;ung, jene<lb/>
Kriegspflichtigkeit der Macedonier zur Bildung eines &#x017F;tehenden Natio-<lb/>
nalheeres zu benutzen, das, anfangs zehntau&#x017F;end Mann Fußvolk und<lb/>
&#x017F;echshundert Ritter &#x017F;tark, bald genug auf das Doppelte gebracht<lb/>
wurde. Die Erfolge die&#x017F;er Einrichtung mußten außerordentlich &#x017F;ein;<lb/>
&#x017F;ie bewirkte, daß &#x017F;ich die ver&#x017F;chiedenen Land&#x017F;chaften des Reiches als<lb/>
ein Ganzes, als <hi rendition="#g">eine</hi> Nation fühlen lernten; &#x017F;ie machte es mög-<lb/>
lich, daß die neu erworbenen Thraci&#x017F;chen, Päoni&#x017F;chen, Agriani-<lb/>
&#x017F;chen Völker&#x017F;chaften, wenn &#x017F;ie auch ihre einheimi&#x017F;chen Für&#x017F;ten<lb/>
behielten, mit dem Macedoni&#x017F;chen Volke zu einem Ganzen ver-<lb/>
&#x017F;chmolzen; vor allem aber gab &#x017F;ie in die&#x017F;er Einheit und in der<lb/>
kriegeri&#x017F;chen Tendenz, die fortan vorherr&#x017F;chend wurde, dem Volke<lb/>
&#x017F;chnell und durchgreifend jene höhere ethi&#x017F;che Kraft und jenes &#x017F;tolze<lb/>
Gefühl des ge&#x017F;chichtlichen Lebens, de&#x017F;&#x017F;en höch&#x017F;tes Ziel der Ruhm i&#x017F;t.<lb/>
Ein Heer die&#x017F;er Art mußte den Söldner&#x017F;chaaren der Griechi&#x017F;chen<lb/>
Staaten, eine Nationalität von die&#x017F;er Jugendfri&#x017F;che und die&#x017F;em<lb/>
Selb&#x017F;tgefühl dem überbildeten, durch gei&#x017F;tige und körperliche Ge-<lb/>&#x017F;&#x017F;e bis zur Fieberhaftigkeit oder Gleichgültigkeit überreizten Grie-<lb/>
chenthume überlegen &#x017F;ein. Die Gun&#x017F;t des Schick&#x017F;als hatte in Ma-<lb/>
cedonien die Wei&#x017F;e <choice><sic>eiuer</sic><corr>einer</corr></choice> alten und urkräftigen Zeit &#x017F;o lange be&#x017F;tehen<lb/>
la&#x017F;&#x017F;en, bis es mit ihr in das ge&#x017F;chichtliche Leben eintreten &#x017F;ollte,<lb/>
&#x017F;ie hatte im Kampf des Königthums mit dem Adel nicht, wie in<lb/>
Hellas Jahrhunderte früher, dem trotzigen Herren&#x017F;tande, &#x017F;ondern dem<lb/></p>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[41/0055] über den Körper, dem dieſe Hand angehört, und dem ſie ihre Kraft und Sicherheit dankt, faſt ganz im Dunkeln; das verführeri- ſche Gold, das ſie dieſelbe Hand zeigen und zur rechten Zeit ſpen- den läßt, erſcheint faſt als das einzige oder doch größte Mittel, durch welches Philipp ſeine Erfolge errungen. Aber faßt man das innere Leben des Reiches näher ins Auge, ſo treten deutlich zwei Momente hervor, die, ſchon früher angeregt, aber durch Philipp erſt zu voller Kraft entwickelt, die Baſis ſeiner Macht wurden. Das Macedoniſche Volk hatte allerdings ſchon früher Kriege mannigfacher Art zu beſtehen gehabt, und nach dem alten Brauch war dann jeder wehrhafte Mann ausgezogen, um nach Beendigung des Krieges wieder zu ſeinem Pfluge oder zu ſeiner Heerde zurück- zukehren. Die Gefahren, unter denen Philipp die Regierung über- nahm, die Kämpfe, welche namentlich die erſten Jahre ſeines Kö- nigthums faſt unabläſſig fortwährten, gaben die Veranlaſſung, jene Kriegspflichtigkeit der Macedonier zur Bildung eines ſtehenden Natio- nalheeres zu benutzen, das, anfangs zehntauſend Mann Fußvolk und ſechshundert Ritter ſtark, bald genug auf das Doppelte gebracht wurde. Die Erfolge dieſer Einrichtung mußten außerordentlich ſein; ſie bewirkte, daß ſich die verſchiedenen Landſchaften des Reiches als ein Ganzes, als eine Nation fühlen lernten; ſie machte es mög- lich, daß die neu erworbenen Thraciſchen, Päoniſchen, Agriani- ſchen Völkerſchaften, wenn ſie auch ihre einheimiſchen Fürſten behielten, mit dem Macedoniſchen Volke zu einem Ganzen ver- ſchmolzen; vor allem aber gab ſie in dieſer Einheit und in der kriegeriſchen Tendenz, die fortan vorherrſchend wurde, dem Volke ſchnell und durchgreifend jene höhere ethiſche Kraft und jenes ſtolze Gefühl des geſchichtlichen Lebens, deſſen höchſtes Ziel der Ruhm iſt. Ein Heer dieſer Art mußte den Söldnerſchaaren der Griechiſchen Staaten, eine Nationalität von dieſer Jugendfriſche und dieſem Selbſtgefühl dem überbildeten, durch geiſtige und körperliche Ge- nüſſe bis zur Fieberhaftigkeit oder Gleichgültigkeit überreizten Grie- chenthume überlegen ſein. Die Gunſt des Schickſals hatte in Ma- cedonien die Weiſe einer alten und urkräftigen Zeit ſo lange beſtehen laſſen, bis es mit ihr in das geſchichtliche Leben eintreten ſollte, ſie hatte im Kampf des Königthums mit dem Adel nicht, wie in Hellas Jahrhunderte früher, dem trotzigen Herrenſtande, ſondern dem

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/droysen_alexander_1833
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/droysen_alexander_1833/55
Zitationshilfe: Droysen, Johann Gustav: Geschichte Alexanders des Großen. Hamburg, [1833], S. 41. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/droysen_alexander_1833/55>, abgerufen am 08.08.2020.