Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Droysen, Johann Gustav: Geschichte Alexanders des Großen. Hamburg, [1833].

Bild:
<< vorherige Seite

Persischer Herrschaft gestanden hatte, unterworfen, und damit alle
Bedingungen für den großen Zug ins Innere Asiens erfüllt; die
Reihe von Waffenplätzen, die sich vom Thracischen Bosporus über
Kleinasien und Syrien bis zu dem neu gegründeten Alexandria hin
erstreckte, diente eben so sehr zur vollkommenen Behauptung der
unterworfenen Provinzen, wie sie die weiteren Unternehmungen
Alexanders von allen Seiten her zu stützen vermochte. -- Der
neue Feldzug sollte den Macedonischen König in eine durchaus
neue und fremde Welt und unter Völker bringen, denen die Grie-
chische Weise fremd, das freie Verhältniß der Macedonier zu ihrem
Fürsten unbegreiflich, denen ein König ein Wesen höherer Art war.
Alexander, erfüllt mit dem Bewußtsein seiner hohen Sendung, ver-
kannte nicht, daß die Völker, die er zu einem Reiche zu vereinen
gedachte, ihre Einheit zunächst nur in ihm finden würden und er-
kennen mußten. Und wenn ihn der heilige Schild von Ilion als
den Hellenischen Helden verkündete, wenn die Völker Kleinasiens in
dem Löser des Gordischen Knotens den verheißenen Ueberwinder
Asiens erkannten, wenn in dem Heraklesopfer zu Tyrus und der
festlichen Weihe im Apistempel zu Memphis der siegende Fremd-
ling sich mit den besiegten Völkern und ihrer heiligsten Sitte ver-
söhnt hatte, so sollte ihn jetzt in das Innere des Morgenlandes
eine geheimere Weihe, eine höhere Verheißung begleiten, in der die
Völker ihn als den zum König der Könige, zum Herrn von Auf-
gang bis Niedergang Erkorenen erkennen mochten.

In der weiten Einöde Libyens, an deren Eingang das ver-
witterte Felsenbild der hütenden Sphinx und die halbversandeten
Pyramiden der Pharaonen stehen, in dieser einsamen, todtstillen
Wüste, die sich vom Saume des Nilthales abendwärts in unabseh-
barer Ferne erstreckt, und mit deren Flugsand ein glühender Mit-
tagswind die mühsame Spur des Kameeles verwehet, liegt wie im
Meere ein grünes Eiland, von hohen Palmen überschattet, von
Quellen und Bächen und dem Thau des Himmels getränkt, die
letzte Stätte des Lebens für die rings ersterbende Natur, der letzte
Ruheplatz für den Wanderer in der Wüste; und unter den Palmen
der Oase steht der Tempel des geheimnißvollen Gottes, der einst
auf heiligem Kahne vom Lande der Aethiopen zum hundertthorigen
Theben gekommen, der von Theben durch die Wüste gezogen war,

Perſiſcher Herrſchaft geſtanden hatte, unterworfen, und damit alle
Bedingungen für den großen Zug ins Innere Aſiens erfüllt; die
Reihe von Waffenplätzen, die ſich vom Thraciſchen Bosporus über
Kleinaſien und Syrien bis zu dem neu gegründeten Alexandria hin
erſtreckte, diente eben ſo ſehr zur vollkommenen Behauptung der
unterworfenen Provinzen, wie ſie die weiteren Unternehmungen
Alexanders von allen Seiten her zu ſtützen vermochte. — Der
neue Feldzug ſollte den Macedoniſchen König in eine durchaus
neue und fremde Welt und unter Völker bringen, denen die Grie-
chiſche Weiſe fremd, das freie Verhältniß der Macedonier zu ihrem
Fürſten unbegreiflich, denen ein König ein Weſen höherer Art war.
Alexander, erfüllt mit dem Bewußtſein ſeiner hohen Sendung, ver-
kannte nicht, daß die Völker, die er zu einem Reiche zu vereinen
gedachte, ihre Einheit zunächſt nur in ihm finden würden und er-
kennen mußten. Und wenn ihn der heilige Schild von Ilion als
den Helleniſchen Helden verkündete, wenn die Völker Kleinaſiens in
dem Löſer des Gordiſchen Knotens den verheißenen Ueberwinder
Aſiens erkannten, wenn in dem Heraklesopfer zu Tyrus und der
feſtlichen Weihe im Apistempel zu Memphis der ſiegende Fremd-
ling ſich mit den beſiegten Völkern und ihrer heiligſten Sitte ver-
ſöhnt hatte, ſo ſollte ihn jetzt in das Innere des Morgenlandes
eine geheimere Weihe, eine höhere Verheißung begleiten, in der die
Völker ihn als den zum König der Könige, zum Herrn von Auf-
gang bis Niedergang Erkorenen erkennen mochten.

In der weiten Einöde Libyens, an deren Eingang das ver-
witterte Felſenbild der hütenden Sphinx und die halbverſandeten
Pyramiden der Pharaonen ſtehen, in dieſer einſamen, todtſtillen
Wüſte, die ſich vom Saume des Nilthales abendwärts in unabſeh-
barer Ferne erſtreckt, und mit deren Flugſand ein glühender Mit-
tagswind die mühſame Spur des Kameeles verwehet, liegt wie im
Meere ein grünes Eiland, von hohen Palmen überſchattet, von
Quellen und Bächen und dem Thau des Himmels getränkt, die
letzte Stätte des Lebens für die rings erſterbende Natur, der letzte
Ruheplatz für den Wanderer in der Wüſte; und unter den Palmen
der Oaſe ſteht der Tempel des geheimnißvollen Gottes, der einſt
auf heiligem Kahne vom Lande der Aethiopen zum hundertthorigen
Theben gekommen, der von Theben durch die Wüſte gezogen war,

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <p><pb facs="#f0226" n="212"/>
Per&#x017F;i&#x017F;cher Herr&#x017F;chaft ge&#x017F;tanden hatte, unterworfen, und damit alle<lb/>
Bedingungen für den großen Zug ins Innere A&#x017F;iens erfüllt; die<lb/>
Reihe von Waffenplätzen, die &#x017F;ich vom Thraci&#x017F;chen Bosporus über<lb/>
Kleina&#x017F;ien und Syrien bis zu dem neu gegründeten Alexandria hin<lb/>
er&#x017F;treckte, diente eben &#x017F;o &#x017F;ehr zur vollkommenen Behauptung der<lb/>
unterworfenen Provinzen, wie &#x017F;ie die weiteren Unternehmungen<lb/>
Alexanders von allen Seiten her zu &#x017F;tützen vermochte. &#x2014; Der<lb/>
neue Feldzug &#x017F;ollte den Macedoni&#x017F;chen König in eine durchaus<lb/>
neue und fremde Welt und unter Völker bringen, denen die Grie-<lb/>
chi&#x017F;che Wei&#x017F;e fremd, das freie Verhältniß der Macedonier zu ihrem<lb/>
Für&#x017F;ten unbegreiflich, denen ein König ein We&#x017F;en höherer Art war.<lb/>
Alexander, erfüllt mit dem Bewußt&#x017F;ein &#x017F;einer hohen Sendung, ver-<lb/>
kannte nicht, daß die Völker, die er zu <hi rendition="#g">einem</hi> Reiche zu vereinen<lb/>
gedachte, ihre Einheit zunäch&#x017F;t nur in ihm finden würden und er-<lb/>
kennen mußten. Und wenn ihn der heilige Schild von Ilion als<lb/>
den Helleni&#x017F;chen Helden verkündete, wenn die Völker Kleina&#x017F;iens in<lb/>
dem Lö&#x017F;er des Gordi&#x017F;chen Knotens den verheißenen Ueberwinder<lb/>
A&#x017F;iens erkannten, wenn in dem Heraklesopfer zu Tyrus und der<lb/>
fe&#x017F;tlichen Weihe im Apistempel zu Memphis der &#x017F;iegende Fremd-<lb/>
ling &#x017F;ich mit den be&#x017F;iegten Völkern und ihrer heilig&#x017F;ten Sitte ver-<lb/>
&#x017F;öhnt hatte, &#x017F;o &#x017F;ollte ihn jetzt in das Innere des Morgenlandes<lb/>
eine geheimere Weihe, eine höhere Verheißung begleiten, in der die<lb/>
Völker ihn als den zum König der Könige, zum Herrn von Auf-<lb/>
gang bis Niedergang Erkorenen erkennen mochten.</p><lb/>
          <p>In der weiten Einöde Libyens, an deren Eingang das ver-<lb/>
witterte Fel&#x017F;enbild der hütenden Sphinx und die halbver&#x017F;andeten<lb/>
Pyramiden der Pharaonen &#x017F;tehen, in die&#x017F;er ein&#x017F;amen, todt&#x017F;tillen<lb/>&#x017F;te, die &#x017F;ich vom Saume des Nilthales abendwärts in unab&#x017F;eh-<lb/>
barer Ferne er&#x017F;treckt, und mit deren Flug&#x017F;and ein glühender Mit-<lb/>
tagswind die müh&#x017F;ame Spur des Kameeles verwehet, liegt wie im<lb/>
Meere ein grünes Eiland, von hohen Palmen über&#x017F;chattet, von<lb/>
Quellen und Bächen und dem Thau des Himmels getränkt, die<lb/>
letzte Stätte des Lebens für die rings er&#x017F;terbende Natur, der letzte<lb/>
Ruheplatz für den Wanderer in der Wü&#x017F;te; und unter den Palmen<lb/>
der Oa&#x017F;e &#x017F;teht der Tempel des geheimnißvollen Gottes, der ein&#x017F;t<lb/>
auf heiligem Kahne vom Lande der Aethiopen zum hundertthorigen<lb/>
Theben gekommen, der von Theben durch die Wü&#x017F;te gezogen war,<lb/></p>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[212/0226] Perſiſcher Herrſchaft geſtanden hatte, unterworfen, und damit alle Bedingungen für den großen Zug ins Innere Aſiens erfüllt; die Reihe von Waffenplätzen, die ſich vom Thraciſchen Bosporus über Kleinaſien und Syrien bis zu dem neu gegründeten Alexandria hin erſtreckte, diente eben ſo ſehr zur vollkommenen Behauptung der unterworfenen Provinzen, wie ſie die weiteren Unternehmungen Alexanders von allen Seiten her zu ſtützen vermochte. — Der neue Feldzug ſollte den Macedoniſchen König in eine durchaus neue und fremde Welt und unter Völker bringen, denen die Grie- chiſche Weiſe fremd, das freie Verhältniß der Macedonier zu ihrem Fürſten unbegreiflich, denen ein König ein Weſen höherer Art war. Alexander, erfüllt mit dem Bewußtſein ſeiner hohen Sendung, ver- kannte nicht, daß die Völker, die er zu einem Reiche zu vereinen gedachte, ihre Einheit zunächſt nur in ihm finden würden und er- kennen mußten. Und wenn ihn der heilige Schild von Ilion als den Helleniſchen Helden verkündete, wenn die Völker Kleinaſiens in dem Löſer des Gordiſchen Knotens den verheißenen Ueberwinder Aſiens erkannten, wenn in dem Heraklesopfer zu Tyrus und der feſtlichen Weihe im Apistempel zu Memphis der ſiegende Fremd- ling ſich mit den beſiegten Völkern und ihrer heiligſten Sitte ver- ſöhnt hatte, ſo ſollte ihn jetzt in das Innere des Morgenlandes eine geheimere Weihe, eine höhere Verheißung begleiten, in der die Völker ihn als den zum König der Könige, zum Herrn von Auf- gang bis Niedergang Erkorenen erkennen mochten. In der weiten Einöde Libyens, an deren Eingang das ver- witterte Felſenbild der hütenden Sphinx und die halbverſandeten Pyramiden der Pharaonen ſtehen, in dieſer einſamen, todtſtillen Wüſte, die ſich vom Saume des Nilthales abendwärts in unabſeh- barer Ferne erſtreckt, und mit deren Flugſand ein glühender Mit- tagswind die mühſame Spur des Kameeles verwehet, liegt wie im Meere ein grünes Eiland, von hohen Palmen überſchattet, von Quellen und Bächen und dem Thau des Himmels getränkt, die letzte Stätte des Lebens für die rings erſterbende Natur, der letzte Ruheplatz für den Wanderer in der Wüſte; und unter den Palmen der Oaſe ſteht der Tempel des geheimnißvollen Gottes, der einſt auf heiligem Kahne vom Lande der Aethiopen zum hundertthorigen Theben gekommen, der von Theben durch die Wüſte gezogen war,

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/droysen_alexander_1833
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/droysen_alexander_1833/226
Zitationshilfe: Droysen, Johann Gustav: Geschichte Alexanders des Großen. Hamburg, [1833], S. 212. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/droysen_alexander_1833/226>, abgerufen am 20.09.2020.