Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Droysen, Johann Gustav: Geschichte Alexanders des Großen. Hamburg, [1833].

Bild:
<< vorherige Seite

der Gastmahle mit seinen Getreuen im frohen Festzuge nach dem
Markte ziehen, auf dem die Bildsäule des Theodektes stand, und
sie mit Blumenkränzen schmücken, das Andenken des ihm werthen
Mannes zu feiern 50).

In eben diesen Tagen war es, daß ein verruchter Plan, der
nichts Geringeres als die Ermordung des Königs beabsichtigte, ans
Licht kam, doppelt verrucht, weil er von einem der ersten Generale
ausging, dem Alexander Großes verziehen und Größeres anvertraut
hatte; der König war vielfach gewarnt worden, noch vor Kurzem
hatte Olympias in einem Briefe ihren Sohn beschworen, vorsichtig
gegen frühere Feinde zu sein, die er jetzt für seine Freunde halte.
Selbst die Götter, so wird erzählt, hatten ihm ein bedeutsames Zei-
chen gesandt; denn als er eines Tages vor den Mauern von Hali-
karnaß, vom Kampf ermüdet, Mittags sich zur Ruhe niedergelegt
hatte, war eine Schwalbe mit viel lauterem Gezwitscher, als er
je gehört, über seinem Haupte hin und her geflogen, hatte sich bald
da, bald dort auf sein Lager gesetzt, wie um ihn zu ermuntern,
und als sie der König, der sich vor großer Müdigkeit des Schlafes
gar nicht erwehren konnte, sanft mit der Hand hinwegscheuchte, sich
auf sein Haupt gesetzt, immer heftiger gezwitschert, und nicht
eher aufgehört, als bis er völlig wach gewesen. Aristander, der Zei-
chendeuter aus Telmissus, sagte damals: Dies deute auf Verrath
von einem seiner Freunde, zugleich aber, daß der Verrath an den
Tag kommen werde; denn die Schwalbe sei dem Menschen befreun-
det, und heimlicher und geschwätziger, als jeder andere Vogel. --
Und in der That geschah es, wie es das Zeichen der Götter ver-
kündet hatte.

Der Verräther war Alexander der Lynkestier, in dem die zwei-
deutigen Ansprüche seiner Familie auf den Macedonischen Thron
einen eben so heimtückischen wie hartnäckigen Vertreter fanden.
Theilnehmer an jener Verschwörung, die dem Könige Philipp das
Leben gekostet hatte, wurde er, weil er dem Könige Alexander sich
sofort unterworfen und ihn zuerst als König begrüßt hatte, nicht blos
freigesprochen, sondern Alexander behielt ihn mit Auszeichnung in
seiner Umgebung, übergab ihm manches wichtige Commando, und

50) Plut. Alex. c. 17.

der Gaſtmahle mit ſeinen Getreuen im frohen Feſtzuge nach dem
Markte ziehen, auf dem die Bildſäule des Theodektes ſtand, und
ſie mit Blumenkränzen ſchmücken, das Andenken des ihm werthen
Mannes zu feiern 50).

In eben dieſen Tagen war es, daß ein verruchter Plan, der
nichts Geringeres als die Ermordung des Königs beabſichtigte, ans
Licht kam, doppelt verrucht, weil er von einem der erſten Generale
ausging, dem Alexander Großes verziehen und Größeres anvertraut
hatte; der König war vielfach gewarnt worden, noch vor Kurzem
hatte Olympias in einem Briefe ihren Sohn beſchworen, vorſichtig
gegen frühere Feinde zu ſein, die er jetzt für ſeine Freunde halte.
Selbſt die Götter, ſo wird erzählt, hatten ihm ein bedeutſames Zei-
chen geſandt; denn als er eines Tages vor den Mauern von Hali-
karnaß, vom Kampf ermüdet, Mittags ſich zur Ruhe niedergelegt
hatte, war eine Schwalbe mit viel lauterem Gezwitſcher, als er
je gehört, über ſeinem Haupte hin und her geflogen, hatte ſich bald
da, bald dort auf ſein Lager geſetzt, wie um ihn zu ermuntern,
und als ſie der König, der ſich vor großer Müdigkeit des Schlafes
gar nicht erwehren konnte, ſanft mit der Hand hinwegſcheuchte, ſich
auf ſein Haupt geſetzt, immer heftiger gezwitſchert, und nicht
eher aufgehört, als bis er völlig wach geweſen. Ariſtander, der Zei-
chendeuter aus Telmiſſus, ſagte damals: Dies deute auf Verrath
von einem ſeiner Freunde, zugleich aber, daß der Verrath an den
Tag kommen werde; denn die Schwalbe ſei dem Menſchen befreun-
det, und heimlicher und geſchwätziger, als jeder andere Vogel. —
Und in der That geſchah es, wie es das Zeichen der Götter ver-
kündet hatte.

Der Verräther war Alexander der Lynkeſtier, in dem die zwei-
deutigen Anſprüche ſeiner Familie auf den Macedoniſchen Thron
einen eben ſo heimtückiſchen wie hartnäckigen Vertreter fanden.
Theilnehmer an jener Verſchwörung, die dem Könige Philipp das
Leben gekoſtet hatte, wurde er, weil er dem Könige Alexander ſich
ſofort unterworfen und ihn zuerſt als König begrüßt hatte, nicht blos
freigeſprochen, ſondern Alexander behielt ihn mit Auszeichnung in
ſeiner Umgebung, übergab ihm manches wichtige Commando, und

50) Plut. Alex. c. 17.
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <p><pb facs="#f0152" n="138"/>
der Ga&#x017F;tmahle mit &#x017F;einen Getreuen im frohen Fe&#x017F;tzuge nach dem<lb/>
Markte ziehen, auf dem die Bild&#x017F;äule des Theodektes &#x017F;tand, und<lb/>
&#x017F;ie mit Blumenkränzen &#x017F;chmücken, das Andenken des ihm werthen<lb/>
Mannes zu feiern <note place="foot" n="50)"><hi rendition="#aq">Plut. Alex. c.</hi> 17.</note>.</p><lb/>
          <p>In eben die&#x017F;en Tagen war es, daß ein verruchter Plan, der<lb/>
nichts Geringeres als die Ermordung des Königs beab&#x017F;ichtigte, ans<lb/>
Licht kam, doppelt verrucht, weil er von einem der er&#x017F;ten Generale<lb/>
ausging, dem Alexander Großes verziehen und Größeres anvertraut<lb/>
hatte; der König war vielfach gewarnt worden, noch vor Kurzem<lb/>
hatte Olympias in einem Briefe ihren Sohn be&#x017F;chworen, vor&#x017F;ichtig<lb/>
gegen frühere Feinde zu &#x017F;ein, die er jetzt für &#x017F;eine Freunde halte.<lb/>
Selb&#x017F;t die Götter, &#x017F;o wird erzählt, hatten ihm ein bedeut&#x017F;ames Zei-<lb/>
chen ge&#x017F;andt; denn als er eines Tages vor den Mauern von Hali-<lb/>
karnaß, vom Kampf ermüdet, Mittags &#x017F;ich zur Ruhe niedergelegt<lb/>
hatte, war eine Schwalbe mit viel lauterem Gezwit&#x017F;cher, als er<lb/>
je gehört, über &#x017F;einem Haupte hin und her geflogen, hatte &#x017F;ich bald<lb/>
da, bald dort auf &#x017F;ein Lager ge&#x017F;etzt, wie um ihn zu ermuntern,<lb/>
und als &#x017F;ie der König, der &#x017F;ich vor großer Müdigkeit des Schlafes<lb/>
gar nicht erwehren konnte, &#x017F;anft mit der Hand hinweg&#x017F;cheuchte, &#x017F;ich<lb/>
auf &#x017F;ein Haupt ge&#x017F;etzt, immer heftiger gezwit&#x017F;chert, und nicht<lb/>
eher aufgehört, als bis er völlig wach gewe&#x017F;en. Ari&#x017F;tander, der Zei-<lb/>
chendeuter aus Telmi&#x017F;&#x017F;us, &#x017F;agte damals: Dies deute auf Verrath<lb/>
von einem &#x017F;einer Freunde, zugleich aber, daß der Verrath an den<lb/>
Tag kommen werde; denn die Schwalbe &#x017F;ei dem Men&#x017F;chen befreun-<lb/>
det, und heimlicher und ge&#x017F;chwätziger, als jeder andere Vogel. &#x2014;<lb/>
Und in der That ge&#x017F;chah es, wie es das Zeichen der Götter ver-<lb/>
kündet hatte.</p><lb/>
          <p>Der Verräther war Alexander der Lynke&#x017F;tier, in dem die zwei-<lb/>
deutigen An&#x017F;prüche &#x017F;einer Familie auf den Macedoni&#x017F;chen Thron<lb/>
einen eben &#x017F;o heimtücki&#x017F;chen wie hartnäckigen Vertreter fanden.<lb/>
Theilnehmer an jener Ver&#x017F;chwörung, die dem Könige Philipp das<lb/>
Leben geko&#x017F;tet hatte, wurde er, weil er dem Könige Alexander &#x017F;ich<lb/>
&#x017F;ofort unterworfen und ihn zuer&#x017F;t als König begrüßt hatte, nicht blos<lb/>
freige&#x017F;prochen, &#x017F;ondern Alexander behielt ihn mit Auszeichnung in<lb/>
&#x017F;einer Umgebung, übergab ihm manches wichtige Commando, und<lb/></p>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[138/0152] der Gaſtmahle mit ſeinen Getreuen im frohen Feſtzuge nach dem Markte ziehen, auf dem die Bildſäule des Theodektes ſtand, und ſie mit Blumenkränzen ſchmücken, das Andenken des ihm werthen Mannes zu feiern 50). In eben dieſen Tagen war es, daß ein verruchter Plan, der nichts Geringeres als die Ermordung des Königs beabſichtigte, ans Licht kam, doppelt verrucht, weil er von einem der erſten Generale ausging, dem Alexander Großes verziehen und Größeres anvertraut hatte; der König war vielfach gewarnt worden, noch vor Kurzem hatte Olympias in einem Briefe ihren Sohn beſchworen, vorſichtig gegen frühere Feinde zu ſein, die er jetzt für ſeine Freunde halte. Selbſt die Götter, ſo wird erzählt, hatten ihm ein bedeutſames Zei- chen geſandt; denn als er eines Tages vor den Mauern von Hali- karnaß, vom Kampf ermüdet, Mittags ſich zur Ruhe niedergelegt hatte, war eine Schwalbe mit viel lauterem Gezwitſcher, als er je gehört, über ſeinem Haupte hin und her geflogen, hatte ſich bald da, bald dort auf ſein Lager geſetzt, wie um ihn zu ermuntern, und als ſie der König, der ſich vor großer Müdigkeit des Schlafes gar nicht erwehren konnte, ſanft mit der Hand hinwegſcheuchte, ſich auf ſein Haupt geſetzt, immer heftiger gezwitſchert, und nicht eher aufgehört, als bis er völlig wach geweſen. Ariſtander, der Zei- chendeuter aus Telmiſſus, ſagte damals: Dies deute auf Verrath von einem ſeiner Freunde, zugleich aber, daß der Verrath an den Tag kommen werde; denn die Schwalbe ſei dem Menſchen befreun- det, und heimlicher und geſchwätziger, als jeder andere Vogel. — Und in der That geſchah es, wie es das Zeichen der Götter ver- kündet hatte. Der Verräther war Alexander der Lynkeſtier, in dem die zwei- deutigen Anſprüche ſeiner Familie auf den Macedoniſchen Thron einen eben ſo heimtückiſchen wie hartnäckigen Vertreter fanden. Theilnehmer an jener Verſchwörung, die dem Könige Philipp das Leben gekoſtet hatte, wurde er, weil er dem Könige Alexander ſich ſofort unterworfen und ihn zuerſt als König begrüßt hatte, nicht blos freigeſprochen, ſondern Alexander behielt ihn mit Auszeichnung in ſeiner Umgebung, übergab ihm manches wichtige Commando, und 50) Plut. Alex. c. 17.

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/droysen_alexander_1833
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/droysen_alexander_1833/152
Zitationshilfe: Droysen, Johann Gustav: Geschichte Alexanders des Großen. Hamburg, [1833], S. 138. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/droysen_alexander_1833/152>, abgerufen am 29.09.2020.