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Droste-Hülshoff, Annette von: Gedichte. Stuttgart u. a., 1844.

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An ihren Gabeln, grad' wie Rohr;
Aus Linienlücken grollend sehn
Karthaunenschlünde schwarz hervor.
Und Grenadiere, starke Leute,
Die schweren Beutel an der Seite,
-- Der starke Arm, der feste Fuß
Den Grenadier bezeichnen muß, --
Sah man mit Zündstrick und mit Beilen
Längs den Plotonen sich vertheilen.
Dann Alles still, es stand das Heer
So ruhig wie ein schlafend Meer,
Die Blicke nach dem Forst gewandt,
Man sah auch rucken keine Hand.
Nur sacht der Fahne Welle rauscht,
Ein Jeder horcht, ein Jeder lauscht.
Und leiser als des Odems Fall,
Viel leiser als der Fahne Wallen,
Zog von des Feindes Feldmusik
Heran ein ungewisser Hall;
War's Windeszug? War es ein Schall?
Und in demselben Augenblick
Ein Rabenschwarm, so schwarz und dicht,
Daß er gehemmt der Sonne Licht,
Stieg krächzend aus dem Liesner auf,
Dann langsam streichend über's Heer;
Die Flügelschläge klatschten schwer,
Und tausend Augen hoben sich.
Ward Einem schauerlich zu Muth?
Ich weiß es nicht, zu jener Zeit
Viel anders fühlte man als heut,

An ihren Gabeln, grad' wie Rohr;
Aus Linienlücken grollend ſehn
Karthaunenſchlünde ſchwarz hervor.
Und Grenadiere, ſtarke Leute,
Die ſchweren Beutel an der Seite,
— Der ſtarke Arm, der feſte Fuß
Den Grenadier bezeichnen muß, —
Sah man mit Zündſtrick und mit Beilen
Längs den Plotonen ſich vertheilen.
Dann Alles ſtill, es ſtand das Heer
So ruhig wie ein ſchlafend Meer,
Die Blicke nach dem Forſt gewandt,
Man ſah auch rucken keine Hand.
Nur ſacht der Fahne Welle rauſcht,
Ein Jeder horcht, ein Jeder lauſcht.
Und leiſer als des Odems Fall,
Viel leiſer als der Fahne Wallen,
Zog von des Feindes Feldmuſik
Heran ein ungewiſſer Hall;
War's Windeszug? War es ein Schall?
Und in demſelben Augenblick
Ein Rabenſchwarm, ſo ſchwarz und dicht,
Daß er gehemmt der Sonne Licht,
Stieg krächzend aus dem Liesner auf,
Dann langſam ſtreichend über's Heer;
Die Flügelſchläge klatſchten ſchwer,
Und tauſend Augen hoben ſich.
Ward Einem ſchauerlich zu Muth?
Ich weiß es nicht, zu jener Zeit
Viel anders fühlte man als heut,

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[555/0569] An ihren Gabeln, grad' wie Rohr; Aus Linienlücken grollend ſehn Karthaunenſchlünde ſchwarz hervor. Und Grenadiere, ſtarke Leute, Die ſchweren Beutel an der Seite, — Der ſtarke Arm, der feſte Fuß Den Grenadier bezeichnen muß, — Sah man mit Zündſtrick und mit Beilen Längs den Plotonen ſich vertheilen. Dann Alles ſtill, es ſtand das Heer So ruhig wie ein ſchlafend Meer, Die Blicke nach dem Forſt gewandt, Man ſah auch rucken keine Hand. Nur ſacht der Fahne Welle rauſcht, Ein Jeder horcht, ein Jeder lauſcht. Und leiſer als des Odems Fall, Viel leiſer als der Fahne Wallen, Zog von des Feindes Feldmuſik Heran ein ungewiſſer Hall; War's Windeszug? War es ein Schall? Und in demſelben Augenblick Ein Rabenſchwarm, ſo ſchwarz und dicht, Daß er gehemmt der Sonne Licht, Stieg krächzend aus dem Liesner auf, Dann langſam ſtreichend über's Heer; Die Flügelſchläge klatſchten ſchwer, Und tauſend Augen hoben ſich. Ward Einem ſchauerlich zu Muth? Ich weiß es nicht, zu jener Zeit Viel anders fühlte man als heut,

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Zitationshilfe: Droste-Hülshoff, Annette von: Gedichte. Stuttgart u. a., 1844, S. 555. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/droste_gedichte_1844/569>, abgerufen am 20.05.2019.