Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Droste-Hülshoff, Annette von: Gedichte. Stuttgart u. a., 1844.

Bild:
<< vorherige Seite
So macht' er mich zum Mann, wie du, mein Sohn, zum
frohen Greis,
Zum Mann der tragen kann und sich im Glück zu fassen weiß,
Wie mag, wer seiner Launen Knecht, ein Herrenamt be¬
zwingen?
Wer seiner Knospe Kraft verpraßt, wie möcht er Früchte
bringen?
Nur von der Pike dient sich's recht zum braven General.
Gesegnet sey die Hand die mir erspart der Thorheit Wahl!
Mit tausend Thränen hab' ich sie in unsre Gruft getragen,
Denn eines Vaters heilge Hand hat nie zu hart geschlagen.
Mein Haar ist grau, mein blödes Aug' hat deinen Sproß
gesehn,
Bald füllst du meinen Sitz, und er wird horchend vor dir
stehn.
Gedenk der Rechenschaft, mein Sohn, lehr deinen Blick ihn
lesen,
Gehorsam sey er dir, wie du gehorsam mir gewesen!"
So sprach der Patriarch, und schritt entlang die Buchenhall',
Ehrfürchtig folgte ihm der Sohn, wie Fürsten der Vasall,
Und seinen Knaben winkt er sacht herbei vom Blüthenhagen,
Ließ küssen ihn des Alten Hand, und seinen Stab ihn tragen.

So macht' er mich zum Mann, wie du, mein Sohn, zum
frohen Greis,
Zum Mann der tragen kann und ſich im Glück zu faſſen weiß,
Wie mag, wer ſeiner Launen Knecht, ein Herrenamt be¬
zwingen?
Wer ſeiner Knoſpe Kraft verpraßt, wie möcht er Früchte
bringen?
Nur von der Pike dient ſich's recht zum braven General.
Geſegnet ſey die Hand die mir erſpart der Thorheit Wahl!
Mit tauſend Thränen hab' ich ſie in unſre Gruft getragen,
Denn eines Vaters heilge Hand hat nie zu hart geſchlagen.
Mein Haar iſt grau, mein blödes Aug' hat deinen Sproß
geſehn,
Bald füllſt du meinen Sitz, und er wird horchend vor dir
ſtehn.
Gedenk der Rechenſchaft, mein Sohn, lehr deinen Blick ihn
leſen,
Gehorſam ſey er dir, wie du gehorſam mir geweſen!“
So ſprach der Patriarch, und ſchritt entlang die Buchenhall',
Ehrfürchtig folgte ihm der Sohn, wie Fürſten der Vaſall,
Und ſeinen Knaben winkt er ſacht herbei vom Blüthenhagen,
Ließ küſſen ihn des Alten Hand, und ſeinen Stab ihn tragen.

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <div n="3">
            <lg type="poem">
              <pb facs="#f0044" n="30"/>
              <lg n="5">
                <l>So macht' er mich zum Mann, wie du, mein Sohn, zum</l><lb/>
                <l>frohen Greis,</l><lb/>
                <l>Zum Mann der tragen kann und &#x017F;ich im Glück zu fa&#x017F;&#x017F;en weiß,</l><lb/>
                <l>Wie mag, wer &#x017F;einer Launen Knecht, ein Herrenamt be¬</l><lb/>
                <l>zwingen?</l><lb/>
                <l>Wer &#x017F;einer Kno&#x017F;pe Kraft verpraßt, wie möcht er Früchte</l><lb/>
                <l>bringen?</l><lb/>
              </lg>
              <lg n="6">
                <l>Nur von der Pike dient &#x017F;ich's recht zum braven General.</l><lb/>
                <l>Ge&#x017F;egnet &#x017F;ey die Hand die mir er&#x017F;part der Thorheit Wahl!</l><lb/>
                <l>Mit tau&#x017F;end Thränen hab' ich &#x017F;ie in un&#x017F;re Gruft getragen,</l><lb/>
                <l>Denn eines Vaters heilge Hand hat nie zu hart ge&#x017F;chlagen.</l><lb/>
              </lg>
              <lg n="7">
                <l>Mein Haar i&#x017F;t grau, mein blödes Aug' hat deinen Sproß</l><lb/>
                <l>ge&#x017F;ehn,</l><lb/>
                <l>Bald füll&#x017F;t du meinen Sitz, und er wird horchend vor dir</l><lb/>
                <l>&#x017F;tehn.</l><lb/>
                <l>Gedenk der Rechen&#x017F;chaft, mein Sohn, lehr deinen Blick ihn</l><lb/>
                <l>le&#x017F;en,</l><lb/>
                <l>Gehor&#x017F;am &#x017F;ey er dir, wie du gehor&#x017F;am mir gewe&#x017F;en!&#x201C;</l><lb/>
              </lg>
              <lg n="8">
                <l>So &#x017F;prach der Patriarch, und &#x017F;chritt entlang die Buchenhall',</l><lb/>
                <l>Ehrfürchtig folgte ihm der Sohn, wie Für&#x017F;ten der Va&#x017F;all,</l><lb/>
                <l>Und &#x017F;einen Knaben winkt er &#x017F;acht herbei vom Blüthenhagen,</l><lb/>
                <l>Ließ kü&#x017F;&#x017F;en ihn des Alten Hand, und &#x017F;einen Stab ihn tragen.</l><lb/>
              </lg>
            </lg>
            <milestone rendition="#hr" unit="section"/>
          </div>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[30/0044] So macht' er mich zum Mann, wie du, mein Sohn, zum frohen Greis, Zum Mann der tragen kann und ſich im Glück zu faſſen weiß, Wie mag, wer ſeiner Launen Knecht, ein Herrenamt be¬ zwingen? Wer ſeiner Knoſpe Kraft verpraßt, wie möcht er Früchte bringen? Nur von der Pike dient ſich's recht zum braven General. Geſegnet ſey die Hand die mir erſpart der Thorheit Wahl! Mit tauſend Thränen hab' ich ſie in unſre Gruft getragen, Denn eines Vaters heilge Hand hat nie zu hart geſchlagen. Mein Haar iſt grau, mein blödes Aug' hat deinen Sproß geſehn, Bald füllſt du meinen Sitz, und er wird horchend vor dir ſtehn. Gedenk der Rechenſchaft, mein Sohn, lehr deinen Blick ihn leſen, Gehorſam ſey er dir, wie du gehorſam mir geweſen!“ So ſprach der Patriarch, und ſchritt entlang die Buchenhall', Ehrfürchtig folgte ihm der Sohn, wie Fürſten der Vaſall, Und ſeinen Knaben winkt er ſacht herbei vom Blüthenhagen, Ließ küſſen ihn des Alten Hand, und ſeinen Stab ihn tragen.

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde von OCR-Software automatisch erfasst und anschließend gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien von Muttersprachlern nachkontrolliert. Es wurde gemäß dem DTA-Basisformat in XML/TEI P5 kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/droste_gedichte_1844
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/droste_gedichte_1844/44
Zitationshilfe: Droste-Hülshoff, Annette von: Gedichte. Stuttgart u. a., 1844, S. 30. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/droste_gedichte_1844/44>, abgerufen am 19.04.2019.