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Droste-Hülshoff, Annette von: Gedichte. Stuttgart u. a., 1844.

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In Sätzen prallend von der Decke,
Dann lagert er an Stromes Rand.
Hin schleppt der müde Mann den Schritt;
Er bückt sich mühsam, welche Qual!
Ergreift ihn, der zum dritten Mal
Ihm immer gleitet aus der Hand.
Und schwindelnd, bei dem sauren Beugen,
Fühlt er das Blut zum Haupte steigen,
Sein Aug', von kalten Thränen schwer,
Sieht kaum das Allernächste mehr.
Noch tappt er, wo aus dunklem Schaft
Die glatte Eisenspitze blinkt.
Da weicht des Armes letzte Kraft,
Und auf den Schnee das Knäbchen sinkt;
Es rafft sich auf, ergreift den Stab,
Gehorsam, leichtem Dienst gewöhnt.
"Mein Kind! mein Kind!" der Alte stöhnt,
Und nimmt die kleine Last ihm ab,
"Was willst du noch zuletzt dich plagen!"
Späht mit der Augen trübem Stern
Beklommen durch den nächt'gen Schein; --
"Du kannst nicht gehn, ich dich nicht tragen,
Und ach! das Hospital ist fern.
So müssen wir das Letzte wagen,
Und kehren bei den Todten ein."
Er lenkt die Schritte von dem Strand,
Sein Knäbchen hält er an der Hand.

Das Mondlicht, das mit kaltem Kusse
Liebkoset dem versteinten Flusse,

In Sätzen prallend von der Decke,
Dann lagert er an Stromes Rand.
Hin ſchleppt der müde Mann den Schritt;
Er bückt ſich mühſam, welche Qual!
Ergreift ihn, der zum dritten Mal
Ihm immer gleitet aus der Hand.
Und ſchwindelnd, bei dem ſauren Beugen,
Fühlt er das Blut zum Haupte ſteigen,
Sein Aug', von kalten Thränen ſchwer,
Sieht kaum das Allernächſte mehr.
Noch tappt er, wo aus dunklem Schaft
Die glatte Eiſenſpitze blinkt.
Da weicht des Armes letzte Kraft,
Und auf den Schnee das Knäbchen ſinkt;
Es rafft ſich auf, ergreift den Stab,
Gehorſam, leichtem Dienſt gewöhnt.
„Mein Kind! mein Kind!“ der Alte ſtöhnt,
Und nimmt die kleine Laſt ihm ab,
„Was willſt du noch zuletzt dich plagen!“
Späht mit der Augen trübem Stern
Beklommen durch den nächt'gen Schein; —
„Du kannſt nicht gehn, ich dich nicht tragen,
Und ach! das Hoſpital iſt fern.
So müſſen wir das Letzte wagen,
Und kehren bei den Todten ein.“
Er lenkt die Schritte von dem Strand,
Sein Knäbchen hält er an der Hand.

Das Mondlicht, das mit kaltem Kuſſe
Liebkoſet dem verſteinten Fluſſe,
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[408/0422] In Sätzen prallend von der Decke, Dann lagert er an Stromes Rand. Hin ſchleppt der müde Mann den Schritt; Er bückt ſich mühſam, welche Qual! Ergreift ihn, der zum dritten Mal Ihm immer gleitet aus der Hand. Und ſchwindelnd, bei dem ſauren Beugen, Fühlt er das Blut zum Haupte ſteigen, Sein Aug', von kalten Thränen ſchwer, Sieht kaum das Allernächſte mehr. Noch tappt er, wo aus dunklem Schaft Die glatte Eiſenſpitze blinkt. Da weicht des Armes letzte Kraft, Und auf den Schnee das Knäbchen ſinkt; Es rafft ſich auf, ergreift den Stab, Gehorſam, leichtem Dienſt gewöhnt. „Mein Kind! mein Kind!“ der Alte ſtöhnt, Und nimmt die kleine Laſt ihm ab, „Was willſt du noch zuletzt dich plagen!“ Späht mit der Augen trübem Stern Beklommen durch den nächt'gen Schein; — „Du kannſt nicht gehn, ich dich nicht tragen, Und ach! das Hoſpital iſt fern. So müſſen wir das Letzte wagen, Und kehren bei den Todten ein.“ Er lenkt die Schritte von dem Strand, Sein Knäbchen hält er an der Hand. Das Mondlicht, das mit kaltem Kuſſe Liebkoſet dem verſteinten Fluſſe,

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Zitationshilfe: Droste-Hülshoff, Annette von: Gedichte. Stuttgart u. a., 1844, S. 408. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/droste_gedichte_1844/422>, abgerufen am 10.08.2020.