Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Droste-Hülshoff, Annette von: Gedichte. Stuttgart u. a., 1844.

Bild:
<< vorherige Seite

Hob er den seidnen Mottenfraß an's Licht.
Erröthen ließ er die bescheidne Schande
In ihrem ehrbar schonenden Gewande,
Und zog der Lust den Schleier vom Gesicht.

Die Kerzen sind gelöscht, die Pforte dröhnte.
Ich hörte schluchzen, -- am Gemäuer lehnte
Ein Weib im abgetragnen Regentuch.
Ich hörte säuseln -- neben mir, im Chore,
Ein Fräulein gähnte leise hinterm Flore,
Ein Fahnenjunker blätterte im Buch.
Und alle die bescheidnen Menschenkinder,
Wie sich's geziemt für wohlerzogne Sünder,
Sie nahmen ruhig was der Text bescheert.
Und Abends im Theater sprach der Knabe,
Der achtzehnjährge Fähndrich: "Heute habe
Ich einen guten Redner doch gehört!"

Hob er den ſeidnen Mottenfraß an's Licht.
Erröthen ließ er die beſcheidne Schande
In ihrem ehrbar ſchonenden Gewande,
Und zog der Luſt den Schleier vom Geſicht.

Die Kerzen ſind gelöſcht, die Pforte dröhnte.
Ich hörte ſchluchzen, — am Gemäuer lehnte
Ein Weib im abgetragnen Regentuch.
Ich hörte ſäuſeln — neben mir, im Chore,
Ein Fräulein gähnte leiſe hinterm Flore,
Ein Fahnenjunker blätterte im Buch.
Und alle die beſcheidnen Menſchenkinder,
Wie ſich's geziemt für wohlerzogne Sünder,
Sie nahmen ruhig was der Text beſcheert.
Und Abends im Theater ſprach der Knabe,
Der achtzehnjährge Fähndrich: „Heute habe
Ich einen guten Redner doch gehört!“

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <lg type="poem">
            <lg n="9">
              <pb facs="#f0032" n="18"/>
              <l>Hob er den &#x017F;eidnen Mottenfraß an's Licht.</l><lb/>
              <l>Erröthen ließ er die be&#x017F;cheidne Schande</l><lb/>
              <l>In ihrem ehrbar &#x017F;chonenden Gewande,</l><lb/>
              <l>Und zog der Lu&#x017F;t den Schleier vom Ge&#x017F;icht.</l><lb/>
            </lg>
            <lg n="10">
              <l>Die Kerzen &#x017F;ind gelö&#x017F;cht, die Pforte dröhnte.</l><lb/>
              <l>Ich hörte &#x017F;chluchzen, &#x2014; am Gemäuer lehnte</l><lb/>
              <l>Ein Weib im abgetragnen Regentuch.</l><lb/>
              <l>Ich hörte &#x017F;äu&#x017F;eln &#x2014; neben mir, im Chore,</l><lb/>
              <l>Ein Fräulein gähnte lei&#x017F;e hinterm Flore,</l><lb/>
              <l>Ein Fahnenjunker blätterte im Buch.</l><lb/>
            </lg>
            <lg n="11">
              <l>Und alle die be&#x017F;cheidnen Men&#x017F;chenkinder,</l><lb/>
              <l>Wie &#x017F;ich's geziemt für wohlerzogne Sünder,</l><lb/>
              <l>Sie nahmen ruhig was der Text be&#x017F;cheert.</l><lb/>
              <l>Und Abends im Theater &#x017F;prach der Knabe,</l><lb/>
              <l>Der achtzehnjährge Fähndrich: &#x201E;Heute habe</l><lb/>
              <l>Ich einen guten Redner doch gehört!&#x201C;</l><lb/>
            </lg>
          </lg>
          <milestone rendition="#hr" unit="section"/>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[18/0032] Hob er den ſeidnen Mottenfraß an's Licht. Erröthen ließ er die beſcheidne Schande In ihrem ehrbar ſchonenden Gewande, Und zog der Luſt den Schleier vom Geſicht. Die Kerzen ſind gelöſcht, die Pforte dröhnte. Ich hörte ſchluchzen, — am Gemäuer lehnte Ein Weib im abgetragnen Regentuch. Ich hörte ſäuſeln — neben mir, im Chore, Ein Fräulein gähnte leiſe hinterm Flore, Ein Fahnenjunker blätterte im Buch. Und alle die beſcheidnen Menſchenkinder, Wie ſich's geziemt für wohlerzogne Sünder, Sie nahmen ruhig was der Text beſcheert. Und Abends im Theater ſprach der Knabe, Der achtzehnjährge Fähndrich: „Heute habe Ich einen guten Redner doch gehört!“

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde von OCR-Software automatisch erfasst und anschließend gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien von Muttersprachlern nachkontrolliert. Es wurde gemäß dem DTA-Basisformat in XML/TEI P5 kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/droste_gedichte_1844
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/droste_gedichte_1844/32
Zitationshilfe: Droste-Hülshoff, Annette von: Gedichte. Stuttgart u. a., 1844, S. 18. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/droste_gedichte_1844/32>, abgerufen am 22.07.2019.