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Droste-Hülshoff, Annette von: Gedichte. Stuttgart u. a., 1844.

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Es war wie einer Königin
Pilgernd für ihres Volkes Sünden,
Wo find ich Worte, wo den Sinn,
Um diesen Dulderblick zu künden!

Als sie vorüber schwand
Mit ihren blutgen Haaren,
Da riß des Schlummers Band,
Ich bin empor gefahren.
Der Amsel Stimme war verstummt,
Die Mondenscheibe stand am Hügel,
Und über mir im Aste summt'
Und raschelte des Windes Flügel.
Ob es ein Traumgesicht
Das meinen Geist umflossen?
Vielleicht ein Seherlicht
Das ihn geheim erschlossen?
O wer, dem eine Thrän' im Aug',
Den fromme Liebe je getragen,
Wer wird nicht, mit dem letzten Hauch,
Die heiligen Verbannten klagen!

Es war wie einer Königin
Pilgernd für ihres Volkes Sünden,
Wo find ich Worte, wo den Sinn,
Um dieſen Dulderblick zu künden!

Als ſie vorüber ſchwand
Mit ihren blutgen Haaren,
Da riß des Schlummers Band,
Ich bin empor gefahren.
Der Amſel Stimme war verſtummt,
Die Mondenſcheibe ſtand am Hügel,
Und über mir im Aſte ſummt'
Und raſchelte des Windes Flügel.
Ob es ein Traumgeſicht
Das meinen Geiſt umfloſſen?
Vielleicht ein Seherlicht
Das ihn geheim erſchloſſen?
O wer, dem eine Thrän' im Aug',
Den fromme Liebe je getragen,
Wer wird nicht, mit dem letzten Hauch,
Die heiligen Verbannten klagen!

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[15/0029] Es war wie einer Königin Pilgernd für ihres Volkes Sünden, Wo find ich Worte, wo den Sinn, Um dieſen Dulderblick zu künden! Als ſie vorüber ſchwand Mit ihren blutgen Haaren, Da riß des Schlummers Band, Ich bin empor gefahren. Der Amſel Stimme war verſtummt, Die Mondenſcheibe ſtand am Hügel, Und über mir im Aſte ſummt' Und raſchelte des Windes Flügel. Ob es ein Traumgeſicht Das meinen Geiſt umfloſſen? Vielleicht ein Seherlicht Das ihn geheim erſchloſſen? O wer, dem eine Thrän' im Aug', Den fromme Liebe je getragen, Wer wird nicht, mit dem letzten Hauch, Die heiligen Verbannten klagen!

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Zitationshilfe: Droste-Hülshoff, Annette von: Gedichte. Stuttgart u. a., 1844, S. 15. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/droste_gedichte_1844/29>, abgerufen am 18.06.2019.