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Curtius, Georg: Zur Kritik der neuesten Sprachforschung. Leipzig, 1885.

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attischen in einer Anzahl höchst merkwürdiger Spuren erhal-
ten. Im Lesbisch-äolischen sind die volleren nicht selten; wenn
wir in andern Mundarten, z. B. im Böotischen und im Dori-
schen nur den kürzeren begegnen, so liegt das vielleicht nur
in den Mängeln unsrer Ueberlieferung. -- Dass die Präpo-
sition en aus eni verkürzt ist, hat meines Wissens zuerst Brug-
mann Ber. d. k. sächs. Ges. d. Wissensch. 1883 S. 188 geleug-
net. Die gleiche Verkürzung ist mir für die Infinitivendung
-men und -en wahrscheinlich geworden (Verb. II2 124, 131).
Einen analogen Fall bietet der Vedadialekt in seinen ver-
kürzten Locativen Sing., z. B. munrdhan (Kopf) für munrdhani.
Dass in den romanischen Sprachen die vollere Form des In-
finitivs, z.B. ital. dare, vedere mit der kürzeren dar, veder,
dass signor und signore sich in der mannichfaltigsten Weise
austauscht, dürfte feststehen. Vorbereitet ist diese Kürzung
schon bei Cato 'biber dari' (Charis. [Gramm. Lat. I p. 124].
Vgl. Titinius, Ribbeck Com.2 p. 144). Für die Präpositionen
hat man die Apokope, z. B. in kat, ap, up, anerkannt und
aus der proklitischen Natur der Präpositionen zu erklären ge-
sucht. Bekanntlich ist diese Kürzung, im Griechischen auf
einzelne Mundarten beschränkt, im Lateinischen, z. B. ab, sub,
viel weiter durchgeführt. -- Ob man den lateinischen Neutris
auf -al und -ar, z. B. lacunar, tribunal, auch noch in neuester
Zeit eingeräumt hat, ein e am Ende verloren zu haben, das
ihnen als Neutris ursprünglicher Adiectiva von i-Stämmen ge-
bührte und noch hier und da erhalten ist (Neue lat. Formenl.
I2 185), oder es ihnen verweigert hat, etwa weil mare sein
e zu allen Zeiten bewahrte, ist mir unbekannt. Ich verstehe
nicht, warum man in Bezug auf auslautende Verkürzung so
rigoros verfährt, während man doch die innere Ausstossung
von Vocalen durch Synkope im weitesten Umfange zulässt.
Man erklärt den letzteren Vorgang allerdings vielfach aus der
Wirkung des Wortaccents, aber es gibt ja auch einen Satz-
accent, der bei der Endkürzung mitwirken konnte.


attischen in einer Anzahl höchst merkwürdiger Spuren erhal-
ten. Im Lesbisch-äolischen sind die volleren nicht selten; wenn
wir in andern Mundarten, z. B. im Böotischen und im Dori-
schen nur den kürzeren begegnen, so liegt das vielleicht nur
in den Mängeln unsrer Ueberlieferung. — Dass die Präpo-
sition ἐν aus ἐνι verkürzt ist, hat meines Wissens zuerst Brug-
mann Ber. d. k. sächs. Ges. d. Wissensch. 1883 S. 188 geleug-
net. Die gleiche Verkürzung ist mir für die Infinitivendung
-μεν und -εν wahrscheinlich geworden (Verb. II2 124, 131).
Einen analogen Fall bietet der Vedadialekt in seinen ver-
kürzten Locativen Sing., z. B. mūrdhan (Kopf) für mūrdhani.
Dass in den romanischen Sprachen die vollere Form des In-
finitivs, z.B. ital. dare, vedere mit der kürzeren dar, veder,
dass signor und signore sich in der mannichfaltigsten Weise
austauscht, dürfte feststehen. Vorbereitet ist diese Kürzung
schon bei Cato ‘biber dari’ (Charis. [Gramm. Lat. I p. 124].
Vgl. Titinius, Ribbeck Com.2 p. 144). Für die Präpositionen
hat man die Apokope, z. B. in κατ, ἀπ, ὑπ, anerkannt und
aus der proklitischen Natur der Präpositionen zu erklären ge-
sucht. Bekanntlich ist diese Kürzung, im Griechischen auf
einzelne Mundarten beschränkt, im Lateinischen, z. B. ab, sub,
viel weiter durchgeführt. — Ob man den lateinischen Neutris
auf -al und -ar, z. B. lacunar, tribunal, auch noch in neuester
Zeit eingeräumt hat, ein e am Ende verloren zu haben, das
ihnen als Neutris ursprünglicher Adiectiva von i-Stämmen ge-
bührte und noch hier und da erhalten ist (Neue lat. Formenl.
I2 185), oder es ihnen verweigert hat, etwa weil mare sein
e zu allen Zeiten bewahrte, ist mir unbekannt. Ich verstehe
nicht, warum man in Bezug auf auslautende Verkürzung so
rigoros verfährt, während man doch die innere Ausstossung
von Vocalen durch Synkope im weitesten Umfange zulässt.
Man erklärt den letzteren Vorgang allerdings vielfach aus der
Wirkung des Wortaccents, aber es gibt ja auch einen Satz-
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[25/0033] attischen in einer Anzahl höchst merkwürdiger Spuren erhal- ten. Im Lesbisch-äolischen sind die volleren nicht selten; wenn wir in andern Mundarten, z. B. im Böotischen und im Dori- schen nur den kürzeren begegnen, so liegt das vielleicht nur in den Mängeln unsrer Ueberlieferung. — Dass die Präpo- sition ἐν aus ἐνι verkürzt ist, hat meines Wissens zuerst Brug- mann Ber. d. k. sächs. Ges. d. Wissensch. 1883 S. 188 geleug- net. Die gleiche Verkürzung ist mir für die Infinitivendung -μεν und -εν wahrscheinlich geworden (Verb. II2 124, 131). Einen analogen Fall bietet der Vedadialekt in seinen ver- kürzten Locativen Sing., z. B. mūrdhan (Kopf) für mūrdhani. Dass in den romanischen Sprachen die vollere Form des In- finitivs, z.B. ital. dare, vedere mit der kürzeren dar, veder, dass signor und signore sich in der mannichfaltigsten Weise austauscht, dürfte feststehen. Vorbereitet ist diese Kürzung schon bei Cato ‘biber dari’ (Charis. [Gramm. Lat. I p. 124]. Vgl. Titinius, Ribbeck Com.2 p. 144). Für die Präpositionen hat man die Apokope, z. B. in κατ, ἀπ, ὑπ, anerkannt und aus der proklitischen Natur der Präpositionen zu erklären ge- sucht. Bekanntlich ist diese Kürzung, im Griechischen auf einzelne Mundarten beschränkt, im Lateinischen, z. B. ab, sub, viel weiter durchgeführt. — Ob man den lateinischen Neutris auf -al und -ar, z. B. lacunar, tribunal, auch noch in neuester Zeit eingeräumt hat, ein e am Ende verloren zu haben, das ihnen als Neutris ursprünglicher Adiectiva von i-Stämmen ge- bührte und noch hier und da erhalten ist (Neue lat. Formenl. I2 185), oder es ihnen verweigert hat, etwa weil mare sein e zu allen Zeiten bewahrte, ist mir unbekannt. Ich verstehe nicht, warum man in Bezug auf auslautende Verkürzung so rigoros verfährt, während man doch die innere Ausstossung von Vocalen durch Synkope im weitesten Umfange zulässt. Man erklärt den letzteren Vorgang allerdings vielfach aus der Wirkung des Wortaccents, aber es gibt ja auch einen Satz- accent, der bei der Endkürzung mitwirken konnte.

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Zitationshilfe: Curtius, Georg: Zur Kritik der neuesten Sprachforschung. Leipzig, 1885, S. 25. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/curtius_sprachforschung_1885/33>, abgerufen am 21.05.2019.