Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Curtius, Georg: Zur Kritik der neuesten Sprachforschung. Leipzig, 1885.

Bild:
<< vorherige Seite

keit und Gleichmässigkeit des Lautwandels bei den Roma-
nisten unsrer Tage mich umzusehen. Schon bei Diez Gramm.2
134 fand ich in Bezug auf die Vocale die Notiz: "Die betonten
Vocale bilden den Mittelpunkt, die Seele des Wortes; der
Genius der Sprache band sich hier an eine bestimmte Regel,
während er sich mit tonlosen Vocalen ein weit freieres Spiel
gestattete". Ein befreundeter, gerade um den Lautwandel
höchst verdienter Gelehrter, den ich deswegen befragte, ver-
wies mich besonders auf die Schriften von Caroline Michaelis
"Studien zur romanischen Wortschöpfung" (L. 1876), und von
N. Caix "Studi di Etimologia Italiana e Romanza" (Firenze
1878). Aber hier stiess ich auf Aeusserungen, die ganz von
den jetzt beliebtesten abweichen, an mehr als einer Stelle,
z. B. S. 149 der zuerst genannten Schrift: "In allem Sprach-
lichen windet sich die Wahrheit der Regel nur wie ein dünner
Faden durch das Labyrinth der Ausnahmen", S. 149 "Nir-
gends lässt die Sprache sich von einem kategorischen Im-
perativ meistern", S. 210 "Wenige Wörter bleiben auf ihrer
räumlichen Wanderung von Nation zu Nation oder auf ihrer
zeitlichen von Jahrhundert zu Jahrhundert unangetastet". Die
Annahme, welche bei den Anhängern der neuen Richtung von
allen die verpönteste ist, dass eine und dieselbe Grundform
sich ohne erkennbaren Anlass in zwei und mehrere jüngere
Formen gespalten habe, wird im romanischen Gebiet massen-
weise zugelassen. Schon längst war dafür der französische
Ausdruck 'doublets' bekannt, die Italiener nennen sie 'dop-
pioni'
, Caroline Michaelis mit Diez 'Scheideformen' *) Ge-
meint sind solche Fälle wie die spanische Verwandlung des
Ausgangs -atico (lat. -aticu-s) einerseits in -azgo, andrerseits

*) Dagegen lesen wir bei Misteli Ztschr. f. Völkerpsychol. XI S. 400
folgendes: "Strenge Lautgesetze schliessen mit den Ausnahmen auch die
Doppelformen aus". Toleranter gegen diese Doppelwesen spricht sich
auch Osthoff Morph. Unters. IV 359 aus.
2*

keit und Gleichmässigkeit des Lautwandels bei den Roma-
nisten unsrer Tage mich umzusehen. Schon bei Diez Gramm.2
134 fand ich in Bezug auf die Vocale die Notiz: „Die betonten
Vocale bilden den Mittelpunkt, die Seele des Wortes; der
Genius der Sprache band sich hier an eine bestimmte Regel,
während er sich mit tonlosen Vocalen ein weit freieres Spiel
gestattete“. Ein befreundeter, gerade um den Lautwandel
höchst verdienter Gelehrter, den ich deswegen befragte, ver-
wies mich besonders auf die Schriften von Caroline Michaelis
„Studien zur romanischen Wortschöpfung“ (L. 1876), und von
N. Caix „Studi di Etimologia Italiana e Romanza“ (Firenze
1878). Aber hier stiess ich auf Aeusserungen, die ganz von
den jetzt beliebtesten abweichen, an mehr als einer Stelle,
z. B. S. 149 der zuerst genannten Schrift: „In allem Sprach-
lichen windet sich die Wahrheit der Regel nur wie ein dünner
Faden durch das Labyrinth der Ausnahmen“, S. 149 „Nir-
gends lässt die Sprache sich von einem kategorischen Im-
perativ meistern“, S. 210 „Wenige Wörter bleiben auf ihrer
räumlichen Wanderung von Nation zu Nation oder auf ihrer
zeitlichen von Jahrhundert zu Jahrhundert unangetastet“. Die
Annahme, welche bei den Anhängern der neuen Richtung von
allen die verpönteste ist, dass eine und dieselbe Grundform
sich ohne erkennbaren Anlass in zwei und mehrere jüngere
Formen gespalten habe, wird im romanischen Gebiet massen-
weise zugelassen. Schon längst war dafür der französische
Ausdruck ‘doublets’ bekannt, die Italiener nennen sie ‘dop-
pioni’
, Caroline Michaelis mit Diez ‘Scheideformen’ *) Ge-
meint sind solche Fälle wie die spanische Verwandlung des
Ausgangs -atico (lat. -aticu-s) einerseits in -azgo, andrerseits

*) Dagegen lesen wir bei Misteli Ztschr. f. Völkerpsychol. XI S. 400
folgendes: „Strenge Lautgesetze schliessen mit den Ausnahmen auch die
Doppelformen aus“. Toleranter gegen diese Doppelwesen spricht sich
auch Osthoff Morph. Unters. IV 359 aus.
2*
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <p><pb facs="#f0027" n="19"/>
keit und Gleichmässigkeit des Lautwandels bei den Roma-<lb/>
nisten unsrer Tage mich umzusehen. Schon bei Diez Gramm.<hi rendition="#sup">2</hi><lb/>
134 fand ich in Bezug auf die Vocale die Notiz: &#x201E;Die betonten<lb/>
Vocale bilden den Mittelpunkt, die Seele des Wortes; der<lb/>
Genius der Sprache band sich hier an eine bestimmte Regel,<lb/>
während er sich mit tonlosen Vocalen ein weit freieres Spiel<lb/>
gestattete&#x201C;. Ein befreundeter, gerade um den Lautwandel<lb/>
höchst verdienter Gelehrter, den ich deswegen befragte, ver-<lb/>
wies mich besonders auf die Schriften von Caroline Michaelis<lb/>
&#x201E;Studien zur romanischen Wortschöpfung&#x201C; (L. 1876), und von<lb/>
N. Caix &#x201E;Studi di Etimologia Italiana e Romanza&#x201C; (Firenze<lb/>
1878). Aber hier stiess ich auf Aeusserungen, die ganz von<lb/>
den jetzt beliebtesten abweichen, an mehr als einer Stelle,<lb/>
z. B. S. 149 der zuerst genannten Schrift: &#x201E;In allem Sprach-<lb/>
lichen windet sich die Wahrheit der Regel nur wie ein dünner<lb/>
Faden durch das Labyrinth der Ausnahmen&#x201C;, S. 149 &#x201E;Nir-<lb/>
gends lässt die Sprache sich von einem kategorischen Im-<lb/>
perativ meistern&#x201C;, S. 210 &#x201E;Wenige Wörter bleiben auf ihrer<lb/>
räumlichen Wanderung von Nation zu Nation oder auf ihrer<lb/>
zeitlichen von Jahrhundert zu Jahrhundert unangetastet&#x201C;. Die<lb/>
Annahme, welche bei den Anhängern der neuen Richtung von<lb/>
allen die verpönteste ist, dass eine und dieselbe Grundform<lb/>
sich ohne erkennbaren Anlass in zwei und mehrere jüngere<lb/>
Formen gespalten habe, wird im romanischen Gebiet massen-<lb/>
weise zugelassen. Schon längst war dafür der französische<lb/>
Ausdruck <hi rendition="#i">&#x2018;<foreign xml:lang="fra">doublets</foreign>&#x2019;</hi> bekannt, die Italiener nennen sie <hi rendition="#i">&#x2018;<foreign xml:lang="ita">dop-<lb/>
pioni</foreign>&#x2019;</hi>, Caroline Michaelis mit Diez <hi rendition="#i">&#x2018;Scheideformen&#x2019;</hi> <note place="foot" n="*)">Dagegen lesen wir bei Misteli Ztschr. f. Völkerpsychol. XI S. 400<lb/>
folgendes: &#x201E;Strenge Lautgesetze schliessen mit den Ausnahmen auch die<lb/>
Doppelformen aus&#x201C;. Toleranter gegen diese Doppelwesen spricht sich<lb/>
auch Osthoff Morph. Unters. IV 359 aus.</note> Ge-<lb/>
meint sind solche Fälle wie die spanische Verwandlung des<lb/>
Ausgangs<hi rendition="#i"> -<foreign xml:lang="spa">atico</foreign></hi> (lat. <hi rendition="#i">-<foreign xml:lang="lat">aticu-s</foreign></hi>) einerseits in<hi rendition="#i"> -<foreign xml:lang="spa">azgo</foreign></hi>, andrerseits<lb/>
<fw place="bottom" type="sig">2*</fw><lb/><lb/>
</p>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[19/0027] keit und Gleichmässigkeit des Lautwandels bei den Roma- nisten unsrer Tage mich umzusehen. Schon bei Diez Gramm.2 134 fand ich in Bezug auf die Vocale die Notiz: „Die betonten Vocale bilden den Mittelpunkt, die Seele des Wortes; der Genius der Sprache band sich hier an eine bestimmte Regel, während er sich mit tonlosen Vocalen ein weit freieres Spiel gestattete“. Ein befreundeter, gerade um den Lautwandel höchst verdienter Gelehrter, den ich deswegen befragte, ver- wies mich besonders auf die Schriften von Caroline Michaelis „Studien zur romanischen Wortschöpfung“ (L. 1876), und von N. Caix „Studi di Etimologia Italiana e Romanza“ (Firenze 1878). Aber hier stiess ich auf Aeusserungen, die ganz von den jetzt beliebtesten abweichen, an mehr als einer Stelle, z. B. S. 149 der zuerst genannten Schrift: „In allem Sprach- lichen windet sich die Wahrheit der Regel nur wie ein dünner Faden durch das Labyrinth der Ausnahmen“, S. 149 „Nir- gends lässt die Sprache sich von einem kategorischen Im- perativ meistern“, S. 210 „Wenige Wörter bleiben auf ihrer räumlichen Wanderung von Nation zu Nation oder auf ihrer zeitlichen von Jahrhundert zu Jahrhundert unangetastet“. Die Annahme, welche bei den Anhängern der neuen Richtung von allen die verpönteste ist, dass eine und dieselbe Grundform sich ohne erkennbaren Anlass in zwei und mehrere jüngere Formen gespalten habe, wird im romanischen Gebiet massen- weise zugelassen. Schon längst war dafür der französische Ausdruck ‘doublets’ bekannt, die Italiener nennen sie ‘dop- pioni’, Caroline Michaelis mit Diez ‘Scheideformen’ *) Ge- meint sind solche Fälle wie die spanische Verwandlung des Ausgangs -atico (lat. -aticu-s) einerseits in -azgo, andrerseits *) Dagegen lesen wir bei Misteli Ztschr. f. Völkerpsychol. XI S. 400 folgendes: „Strenge Lautgesetze schliessen mit den Ausnahmen auch die Doppelformen aus“. Toleranter gegen diese Doppelwesen spricht sich auch Osthoff Morph. Unters. IV 359 aus. 2*

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/curtius_sprachforschung_1885
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/curtius_sprachforschung_1885/27
Zitationshilfe: Curtius, Georg: Zur Kritik der neuesten Sprachforschung. Leipzig, 1885, S. 19. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/curtius_sprachforschung_1885/27>, abgerufen am 21.05.2019.