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Curtius, Georg: Zur Kritik der neuesten Sprachforschung. Leipzig, 1885.

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schärfsten bei Johannes Schmidt hervor, welcher bei seiner
feierlichen Aufnahme in die Berliner Akademie der Wissen-
schaften (3. Juli 1884, Sitzungsbericht S. 6) sogar von einer
"Katastrophe" redet, die in der Geschichte der Wissenschaft
eingetreten sei.

Vier Punkte sind es, die hier vor allem in Betracht kom-
men. Der erste betrifft die Lautgesetze, genauer ausgedrückt
die Frage, in welchem Umfange der Lautwandel der Sprachen
ein völlig consequenter ist. Die zweite Hauptfrage ist die
nach der Analogie, mit andern Worten das Problem, in wel-
chem Maasse man dem Nachahmungstriebe in der Geschichte
der Sprachen Wirkung und Einfluss zuschreiben darf. Diese
beiden Fragen hängen unter einander auf das engste zusam-
men, indem es sich sehr oft um die Alternative handelt, ob
eine sprachliche Erscheinung auf dem ersteren, oder auf dem
letzteren Wege entstanden ist. Wesentlich verschieden ist ein
dritter Punkt, die Frage nach der Grundlage des indogerma-
nischen Vocalismus, worüber man mit lauter Stimme neue
Lehren verkündet und die frühere Auffassung für veraltet aus-
gibt, ohne dabei alle in Betracht kommenden Fragen be-
rücksichtigt zu haben. Endlich bleibt eine veränderte Stel-
lung der jüngeren Forscher gegenüber den Untersuchungen
über die Entstehung der indogermanischen Sprachformen,
denen Bopp, wie viele seiner Nachfolger, kühn ins Angesicht
schaute, während in neuerer Zeit das Misstrauen gegen diese
Art von Forschungen vorherrscht, freilich, wie wir sehen wer-
den, ohne dass man ihrer ganz zu entrathen weiss. Ueber
diese vier Punkte will ich Betrachtungen anstellen, die sich
mir aus langjährigen Studien ergeben haben, und um deren
unbefangene Prüfung ich bitte.

Es lag längst in meiner Absicht, mit diesen hervorzu-
treten. Aber wiederholte, ernste Störungen meiner Gesundheit
hinderten mich daran, und selbst jetzt muss ich aus ähn-
lichem Anlass rascher abschliessen als mir lieb ist, soll es

schärfsten bei Johannes Schmidt hervor, welcher bei seiner
feierlichen Aufnahme in die Berliner Akademie der Wissen-
schaften (3. Juli 1884, Sitzungsbericht S. 6) sogar von einer
„Katastrophe“ redet, die in der Geschichte der Wissenschaft
eingetreten sei.

Vier Punkte sind es, die hier vor allem in Betracht kom-
men. Der erste betrifft die Lautgesetze, genauer ausgedrückt
die Frage, in welchem Umfange der Lautwandel der Sprachen
ein völlig consequenter ist. Die zweite Hauptfrage ist die
nach der Analogie, mit andern Worten das Problem, in wel-
chem Maasse man dem Nachahmungstriebe in der Geschichte
der Sprachen Wirkung und Einfluss zuschreiben darf. Diese
beiden Fragen hängen unter einander auf das engste zusam-
men, indem es sich sehr oft um die Alternative handelt, ob
eine sprachliche Erscheinung auf dem ersteren, oder auf dem
letzteren Wege entstanden ist. Wesentlich verschieden ist ein
dritter Punkt, die Frage nach der Grundlage des indogerma-
nischen Vocalismus, worüber man mit lauter Stimme neue
Lehren verkündet und die frühere Auffassung für veraltet aus-
gibt, ohne dabei alle in Betracht kommenden Fragen be-
rücksichtigt zu haben. Endlich bleibt eine veränderte Stel-
lung der jüngeren Forscher gegenüber den Untersuchungen
über die Entstehung der indogermanischen Sprachformen,
denen Bopp, wie viele seiner Nachfolger, kühn ins Angesicht
schaute, während in neuerer Zeit das Misstrauen gegen diese
Art von Forschungen vorherrscht, freilich, wie wir sehen wer-
den, ohne dass man ihrer ganz zu entrathen weiss. Ueber
diese vier Punkte will ich Betrachtungen anstellen, die sich
mir aus langjährigen Studien ergeben haben, und um deren
unbefangene Prüfung ich bitte.

Es lag längst in meiner Absicht, mit diesen hervorzu-
treten. Aber wiederholte, ernste Störungen meiner Gesundheit
hinderten mich daran, und selbst jetzt muss ich aus ähn-
lichem Anlass rascher abschliessen als mir lieb ist, soll es

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[4/0012] schärfsten bei Johannes Schmidt hervor, welcher bei seiner feierlichen Aufnahme in die Berliner Akademie der Wissen- schaften (3. Juli 1884, Sitzungsbericht S. 6) sogar von einer „Katastrophe“ redet, die in der Geschichte der Wissenschaft eingetreten sei. Vier Punkte sind es, die hier vor allem in Betracht kom- men. Der erste betrifft die Lautgesetze, genauer ausgedrückt die Frage, in welchem Umfange der Lautwandel der Sprachen ein völlig consequenter ist. Die zweite Hauptfrage ist die nach der Analogie, mit andern Worten das Problem, in wel- chem Maasse man dem Nachahmungstriebe in der Geschichte der Sprachen Wirkung und Einfluss zuschreiben darf. Diese beiden Fragen hängen unter einander auf das engste zusam- men, indem es sich sehr oft um die Alternative handelt, ob eine sprachliche Erscheinung auf dem ersteren, oder auf dem letzteren Wege entstanden ist. Wesentlich verschieden ist ein dritter Punkt, die Frage nach der Grundlage des indogerma- nischen Vocalismus, worüber man mit lauter Stimme neue Lehren verkündet und die frühere Auffassung für veraltet aus- gibt, ohne dabei alle in Betracht kommenden Fragen be- rücksichtigt zu haben. Endlich bleibt eine veränderte Stel- lung der jüngeren Forscher gegenüber den Untersuchungen über die Entstehung der indogermanischen Sprachformen, denen Bopp, wie viele seiner Nachfolger, kühn ins Angesicht schaute, während in neuerer Zeit das Misstrauen gegen diese Art von Forschungen vorherrscht, freilich, wie wir sehen wer- den, ohne dass man ihrer ganz zu entrathen weiss. Ueber diese vier Punkte will ich Betrachtungen anstellen, die sich mir aus langjährigen Studien ergeben haben, und um deren unbefangene Prüfung ich bitte. Es lag längst in meiner Absicht, mit diesen hervorzu- treten. Aber wiederholte, ernste Störungen meiner Gesundheit hinderten mich daran, und selbst jetzt muss ich aus ähn- lichem Anlass rascher abschliessen als mir lieb ist, soll es

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Zitationshilfe: Curtius, Georg: Zur Kritik der neuesten Sprachforschung. Leipzig, 1885, S. 4. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/curtius_sprachforschung_1885/12>, abgerufen am 23.09.2019.