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Curtius, Georg: Zur Kritik der neuesten Sprachforschung. Leipzig, 1885.

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liegt. Zu dieser Frage einiges beizutragen, ist der Zweck
dieser Blätter.

Ich kann nicht finden, dass man darauf sehr viel Eifer
verwendet hätte. Am wenigsten hat man sich mit dem zu
thun gemacht, was doch eigentlich das erste sein müsste, mit
der Prüfung der Gründe, welche für die eine oder die andre
Auffassung sprechen. Man hat sich meist damit begnügt, von
einigen wenigen nach Art von Grundsätzen hingestellten Be-
hauptungen aus, über welche eine kleine Anzahl von For-
schern unter sich einig zu sein glaubte, die neuen Wege zu
versuchen. Zwar fehlt es nicht ganz an zusammenfassenden
Betrachtungen, unter denen namentlich die ausführliche Er-
örterung von Franz Misteli in der Zeitschr. f. Völkerpsycho-
logie XI S. 366 ff. XII, 1 ff. und die fast gleichzeitig erschie-
nenen Schriften von Delbrück 1)und Paul 2) hervorzuheben
sind. Diesen Schriften werde ich manches entnehmen, dem
auch ich mit Ueberzeugung beistimme. Aber die Kritik der
bisherigen Auffassungen kommt auch in jenen Schriften meines
Erachtens nicht ganz zu ihrem Rechte. Beide sind wesent-
lich eine Empfehlung und Auseinandersetzung der neuen Prin-
cipien. Punkte von grosser Bedeutung sind dabei übergangen.
Ausserdem haben beide merkwürdigerweise bei einem Theil
der jüngeren Forscher mehr Widerspruch als Zustimmung, ja
sogar eifrige Zurückweisung erfahren. Es scheint fast, dass
diese Tadler "für den Fachmann" überhaupt jede Unter-
suchung über diese allgemeinen Fragen für überflüssig halten
und alles Heil von den nur auf Einzelheiten gerichteten Ver-
suchen erwarten. Und dennoch handelt es sich in den mei-
sten Fällen gerade vor allem andern um die Richtigkeit der
angewendeten allgemeinen Principien. Der Gegensatz zwi-
schen den älteren und den jüngeren Anschauungen tritt am

1) Einleitung in das Sprachstudium Leipzig 1880 (2. Aufl. 1884).
2) Principien der Sprachgeschichte Halle 1880.
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liegt. Zu dieser Frage einiges beizutragen, ist der Zweck
dieser Blätter.

Ich kann nicht finden, dass man darauf sehr viel Eifer
verwendet hätte. Am wenigsten hat man sich mit dem zu
thun gemacht, was doch eigentlich das erste sein müsste, mit
der Prüfung der Gründe, welche für die eine oder die andre
Auffassung sprechen. Man hat sich meist damit begnügt, von
einigen wenigen nach Art von Grundsätzen hingestellten Be-
hauptungen aus, über welche eine kleine Anzahl von For-
schern unter sich einig zu sein glaubte, die neuen Wege zu
versuchen. Zwar fehlt es nicht ganz an zusammenfassenden
Betrachtungen, unter denen namentlich die ausführliche Er-
örterung von Franz Misteli in der Zeitschr. f. Völkerpsycho-
logie XI S. 366 ff. XII, 1 ff. und die fast gleichzeitig erschie-
nenen Schriften von Delbrück 1)und Paul 2) hervorzuheben
sind. Diesen Schriften werde ich manches entnehmen, dem
auch ich mit Ueberzeugung beistimme. Aber die Kritik der
bisherigen Auffassungen kommt auch in jenen Schriften meines
Erachtens nicht ganz zu ihrem Rechte. Beide sind wesent-
lich eine Empfehlung und Auseinandersetzung der neuen Prin-
cipien. Punkte von grosser Bedeutung sind dabei übergangen.
Ausserdem haben beide merkwürdigerweise bei einem Theil
der jüngeren Forscher mehr Widerspruch als Zustimmung, ja
sogar eifrige Zurückweisung erfahren. Es scheint fast, dass
diese Tadler „für den Fachmann“ überhaupt jede Unter-
suchung über diese allgemeinen Fragen für überflüssig halten
und alles Heil von den nur auf Einzelheiten gerichteten Ver-
suchen erwarten. Und dennoch handelt es sich in den mei-
sten Fällen gerade vor allem andern um die Richtigkeit der
angewendeten allgemeinen Principien. Der Gegensatz zwi-
schen den älteren und den jüngeren Anschauungen tritt am

1) Einleitung in das Sprachstudium Leipzig 1880 (2. Aufl. 1884).
2) Principien der Sprachgeschichte Halle 1880.
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[3/0011] liegt. Zu dieser Frage einiges beizutragen, ist der Zweck dieser Blätter. Ich kann nicht finden, dass man darauf sehr viel Eifer verwendet hätte. Am wenigsten hat man sich mit dem zu thun gemacht, was doch eigentlich das erste sein müsste, mit der Prüfung der Gründe, welche für die eine oder die andre Auffassung sprechen. Man hat sich meist damit begnügt, von einigen wenigen nach Art von Grundsätzen hingestellten Be- hauptungen aus, über welche eine kleine Anzahl von For- schern unter sich einig zu sein glaubte, die neuen Wege zu versuchen. Zwar fehlt es nicht ganz an zusammenfassenden Betrachtungen, unter denen namentlich die ausführliche Er- örterung von Franz Misteli in der Zeitschr. f. Völkerpsycho- logie XI S. 366 ff. XII, 1 ff. und die fast gleichzeitig erschie- nenen Schriften von Delbrück 1)und Paul 2) hervorzuheben sind. Diesen Schriften werde ich manches entnehmen, dem auch ich mit Ueberzeugung beistimme. Aber die Kritik der bisherigen Auffassungen kommt auch in jenen Schriften meines Erachtens nicht ganz zu ihrem Rechte. Beide sind wesent- lich eine Empfehlung und Auseinandersetzung der neuen Prin- cipien. Punkte von grosser Bedeutung sind dabei übergangen. Ausserdem haben beide merkwürdigerweise bei einem Theil der jüngeren Forscher mehr Widerspruch als Zustimmung, ja sogar eifrige Zurückweisung erfahren. Es scheint fast, dass diese Tadler „für den Fachmann“ überhaupt jede Unter- suchung über diese allgemeinen Fragen für überflüssig halten und alles Heil von den nur auf Einzelheiten gerichteten Ver- suchen erwarten. Und dennoch handelt es sich in den mei- sten Fällen gerade vor allem andern um die Richtigkeit der angewendeten allgemeinen Principien. Der Gegensatz zwi- schen den älteren und den jüngeren Anschauungen tritt am 1) Einleitung in das Sprachstudium Leipzig 1880 (2. Aufl. 1884). 2) Principien der Sprachgeschichte Halle 1880. 1*

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Zitationshilfe: Curtius, Georg: Zur Kritik der neuesten Sprachforschung. Leipzig, 1885, S. 3. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/curtius_sprachforschung_1885/11>, abgerufen am 22.05.2019.