Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Collin, Heinrich Joseph von: Coriolan. Berlin, 1804.

Bild:
<< vorherige Seite
Noch wilder spricht und handelt Marcius,
Seit er vergebens um das Consulat,
Trotz seiner Siege, bey den Bürgern warb.
-- Wenn er aus Rache so gehandelt hätte -- -- --?
Dann wehe mir! Ich wüßt' ihn lieber todt!
Volumnia.
O Mutter! nein! du siehst zu schwarz! o nein!!
Sein Stolz verschmäht, an Niedern sich zu rächen.
Veturia.
Die Rache wirkt verborgen. -- Gutes Kind!
Wer sagt von jeder Handlung sich den Grund?
Eh dieser dem Bewußtseyn noch erscheint,
Hat ihn die Eigenliebe schon verkleidet,
Die listig, schnell, die heimlich wirkt und schafft;
Und wenn der Edelste sein innres Herz
Auf Einmal nackt und ungeschmückt erblickte;
Und fände dann von mancher großen That
Den kleinen Grund -- im Wallen seines Bluts,
In Ehrsucht, Laune, Zufall, wo nicht gar
Im schlauen Spiel des niedern Eigennutzes --
Versinken würd' er in sein Nichts, vor Scham
Vergehen --
Volumnia.
Mutter, dies Gespräch -- es taugt
Für meine Stimmung nicht.
Veturia.
(unwillig und verweisend.)
So soll ich all'
Noch wilder ſpricht und handelt Marcius,
Seit er vergebens um das Conſulat,
Trotz ſeiner Siege, bey den Bürgern warb.
— Wenn er aus Rache ſo gehandelt hätte — — —?
Dann wehe mir! Ich wüßt’ ihn lieber todt!
Volumnia.
O Mutter! nein! du ſiehſt zu ſchwarz! o nein!!
Sein Stolz verſchmäht, an Niedern ſich zu rächen.
Veturia.
Die Rache wirkt verborgen. — Gutes Kind!
Wer ſagt von jeder Handlung ſich den Grund?
Eh dieſer dem Bewußtſeyn noch erſcheint,
Hat ihn die Eigenliebe ſchon verkleidet,
Die liſtig, ſchnell, die heimlich wirkt und ſchafft;
Und wenn der Edelſte ſein innres Herz
Auf Einmal nackt und ungeſchmückt erblickte;
Und fände dann von mancher großen That
Den kleinen Grund — im Wallen ſeines Bluts,
In Ehrſucht, Laune, Zufall, wo nicht gar
Im ſchlauen Spiel des niedern Eigennutzes —
Verſinken würd’ er in ſein Nichts, vor Scham
Vergehen —
Volumnia.
Mutter, dies Geſpräch — es taugt
Für meine Stimmung nicht.
Veturia.
(unwillig und verweiſend.)
So ſoll ich all’
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <sp who="#VET">
            <p><pb facs="#f0021" n="13"/>
Noch wilder &#x017F;pricht und handelt Marcius,<lb/>
Seit er vergebens um das Con&#x017F;ulat,<lb/>
Trotz &#x017F;einer Siege, bey den Bürgern warb.<lb/>
&#x2014; Wenn er aus <hi rendition="#g">Rache</hi> &#x017F;o gehandelt hätte &#x2014; &#x2014; &#x2014;?<lb/>
Dann wehe mir! Ich wüßt&#x2019; ihn lieber todt!</p>
          </sp><lb/>
          <sp who="#VOLU">
            <speaker><hi rendition="#g">Volumnia</hi>.</speaker><lb/>
            <p>O Mutter! nein! du &#x017F;ieh&#x017F;t zu &#x017F;chwarz! o nein!!<lb/>
Sein Stolz ver&#x017F;chmäht, an Niedern &#x017F;ich zu rächen.</p>
          </sp><lb/>
          <sp who="#VET">
            <speaker><hi rendition="#g">Veturia</hi>.</speaker><lb/>
            <p>Die Rache wirkt verborgen. &#x2014; Gutes Kind!<lb/>
Wer &#x017F;agt von jeder Handlung &#x017F;ich den Grund?<lb/>
Eh die&#x017F;er dem Bewußt&#x017F;eyn noch er&#x017F;cheint,<lb/>
Hat ihn die Eigenliebe &#x017F;chon verkleidet,<lb/>
Die li&#x017F;tig, &#x017F;chnell, die heimlich wirkt und &#x017F;chafft;<lb/>
Und wenn der Edel&#x017F;te &#x017F;ein innres Herz<lb/>
Auf Einmal nackt und unge&#x017F;chmückt erblickte;<lb/>
Und fände dann von mancher <hi rendition="#g">großen</hi> That<lb/>
Den <hi rendition="#g">kleinen</hi> Grund &#x2014; im Wallen &#x017F;eines Bluts,<lb/>
In Ehr&#x017F;ucht, Laune, Zufall, wo nicht gar<lb/>
Im &#x017F;chlauen Spiel des niedern Eigennutzes &#x2014;<lb/>
Ver&#x017F;inken würd&#x2019; er in &#x017F;ein Nichts, vor Scham<lb/>
Vergehen &#x2014;</p>
          </sp><lb/>
          <sp who="#VOLU">
            <speaker><hi rendition="#g">Volumnia</hi>.</speaker><lb/>
            <p><hi rendition="#et">Mutter, dies Ge&#x017F;präch &#x2014; es taugt</hi><lb/>
Für meine Stimmung nicht.</p>
          </sp><lb/>
          <sp who="#VET">
            <speaker><hi rendition="#g">Veturia</hi>.</speaker><lb/>
            <stage>(unwillig und verwei&#x017F;end.)</stage><lb/>
            <p> <hi rendition="#et">So &#x017F;oll ich all&#x2019;</hi><lb/>
            </p>
          </sp>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[13/0021] Noch wilder ſpricht und handelt Marcius, Seit er vergebens um das Conſulat, Trotz ſeiner Siege, bey den Bürgern warb. — Wenn er aus Rache ſo gehandelt hätte — — —? Dann wehe mir! Ich wüßt’ ihn lieber todt! Volumnia. O Mutter! nein! du ſiehſt zu ſchwarz! o nein!! Sein Stolz verſchmäht, an Niedern ſich zu rächen. Veturia. Die Rache wirkt verborgen. — Gutes Kind! Wer ſagt von jeder Handlung ſich den Grund? Eh dieſer dem Bewußtſeyn noch erſcheint, Hat ihn die Eigenliebe ſchon verkleidet, Die liſtig, ſchnell, die heimlich wirkt und ſchafft; Und wenn der Edelſte ſein innres Herz Auf Einmal nackt und ungeſchmückt erblickte; Und fände dann von mancher großen That Den kleinen Grund — im Wallen ſeines Bluts, In Ehrſucht, Laune, Zufall, wo nicht gar Im ſchlauen Spiel des niedern Eigennutzes — Verſinken würd’ er in ſein Nichts, vor Scham Vergehen — Volumnia. Mutter, dies Geſpräch — es taugt Für meine Stimmung nicht. Veturia. (unwillig und verweiſend.) So ſoll ich all’

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/collin_coriolan_1804
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/collin_coriolan_1804/21
Zitationshilfe: Collin, Heinrich Joseph von: Coriolan. Berlin, 1804, S. 13. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/collin_coriolan_1804/21>, abgerufen am 27.05.2019.