Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Clausewitz, Carl von: Vom Kriege. Bd. 3. Berlin, 1834.

Bild:
<< vorherige Seite

denen Lage befinden sich, während der 12 Stunden Rast die
einem Tagwerk zu folgen pflegen, der Vertheidiger in seiner
ausgesuchten ihm wohlbe[ka]nnten, zubereiteten Stellung, und
der Angreifende in seinem Marschlager, in welches er wie ein
Blinder hineingetappt ist; oder, während der längern Rast,
die eine neue Einrichtung der Verpflegung, das Abwarten
von Verstärkungen u. s. w. erfordern kann, wo der Ver-
theidiger in der Nähe seiner Festungen und Vorräthe und
der Angreifende wie der Vogel auf dem Aste ist. Aber
jeder Angriff muß mit einem Vertheidigen endigen; wie
dies beschaffen sein wird, hängt von Umständen ab; diese
können sehr günstig sein wenn die feindlichen Streitkräfte
zerstört sind, aber auch sehr schwierig wenn dies nicht der
Fall ist. Obgleich diese Vertheidigung nicht mehr zum
Angriff selbst gehört, so muß doch ihre Beschaffenheit auf
ihn zurückwirken und seinen Werth mitbestimmen helfen.

Das Resultat dieser Betrachtung ist: daß bei jedem
Angriff auf die demselben nothwendig beiwohnende Verthei-
digung Rücksicht genommen werden muß, um die Nach-
theile welchen er unterworfen ist klar einzusehen und sich
darauf gefaßt machen zu können.

Dagegen ist der Angriff in einer andern Beziehung
vollkommen in sich immer ein und derselbe. Die Verthei-
digung aber hat ihre Stufen, nämlich je mehr das Prin-
zip des Abwartens erschöpft werden soll. Dies giebt For-
men die sich wesentlich von einander unterscheiden, wie wir
in dem Kapitel von den Widerstandsarten entwickelt haben.

Da der Angriff nur ein thätiges Prinzip hat, und
die Vertheidigung in ihm nur ein todtes Gewicht ist das
sich an ihn hängt, so ist eine solche Verschiedenheit in ihm
nicht vorhanden. Freilich findet in der Energie des An-
griffs, in der Schnelligkeit und Kraft des Stoßes ein

denen Lage befinden ſich, waͤhrend der 12 Stunden Raſt die
einem Tagwerk zu folgen pflegen, der Vertheidiger in ſeiner
ausgeſuchten ihm wohlbe[ka]nnten, zubereiteten Stellung, und
der Angreifende in ſeinem Marſchlager, in welches er wie ein
Blinder hineingetappt iſt; oder, waͤhrend der laͤngern Raſt,
die eine neue Einrichtung der Verpflegung, das Abwarten
von Verſtaͤrkungen u. ſ. w. erfordern kann, wo der Ver-
theidiger in der Naͤhe ſeiner Feſtungen und Vorraͤthe und
der Angreifende wie der Vogel auf dem Aſte iſt. Aber
jeder Angriff muß mit einem Vertheidigen endigen; wie
dies beſchaffen ſein wird, haͤngt von Umſtaͤnden ab; dieſe
koͤnnen ſehr guͤnſtig ſein wenn die feindlichen Streitkraͤfte
zerſtoͤrt ſind, aber auch ſehr ſchwierig wenn dies nicht der
Fall iſt. Obgleich dieſe Vertheidigung nicht mehr zum
Angriff ſelbſt gehoͤrt, ſo muß doch ihre Beſchaffenheit auf
ihn zuruͤckwirken und ſeinen Werth mitbeſtimmen helfen.

Das Reſultat dieſer Betrachtung iſt: daß bei jedem
Angriff auf die demſelben nothwendig beiwohnende Verthei-
digung Ruͤckſicht genommen werden muß, um die Nach-
theile welchen er unterworfen iſt klar einzuſehen und ſich
darauf gefaßt machen zu koͤnnen.

Dagegen iſt der Angriff in einer andern Beziehung
vollkommen in ſich immer ein und derſelbe. Die Verthei-
digung aber hat ihre Stufen, naͤmlich je mehr das Prin-
zip des Abwartens erſchoͤpft werden ſoll. Dies giebt For-
men die ſich weſentlich von einander unterſcheiden, wie wir
in dem Kapitel von den Widerſtandsarten entwickelt haben.

Da der Angriff nur ein thaͤtiges Prinzip hat, und
die Vertheidigung in ihm nur ein todtes Gewicht iſt das
ſich an ihn haͤngt, ſo iſt eine ſolche Verſchiedenheit in ihm
nicht vorhanden. Freilich findet in der Energie des An-
griffs, in der Schnelligkeit und Kraft des Stoßes ein

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <p><pb facs="#f0021" n="7"/>
denen Lage befinden &#x017F;ich, wa&#x0364;hrend der 12 Stunden Ra&#x017F;t die<lb/>
einem Tagwerk zu folgen pflegen, der Vertheidiger in &#x017F;einer<lb/>
ausge&#x017F;uchten ihm wohlbe<supplied>ka</supplied>nnten, zubereiteten Stellung, und<lb/>
der Angreifende in &#x017F;einem Mar&#x017F;chlager, in welches er wie ein<lb/>
Blinder hineingetappt i&#x017F;t; oder, wa&#x0364;hrend der la&#x0364;ngern Ra&#x017F;t,<lb/>
die eine neue Einrichtung der Verpflegung, das Abwarten<lb/>
von Ver&#x017F;ta&#x0364;rkungen u. &#x017F;. w. erfordern kann, wo der Ver-<lb/>
theidiger in der Na&#x0364;he &#x017F;einer Fe&#x017F;tungen und Vorra&#x0364;the und<lb/>
der Angreifende wie der Vogel auf dem A&#x017F;te i&#x017F;t. Aber<lb/>
jeder Angriff muß mit einem Vertheidigen endigen; wie<lb/>
dies be&#x017F;chaffen &#x017F;ein wird, ha&#x0364;ngt von Um&#x017F;ta&#x0364;nden ab; die&#x017F;e<lb/>
ko&#x0364;nnen &#x017F;ehr gu&#x0364;n&#x017F;tig &#x017F;ein wenn die feindlichen Streitkra&#x0364;fte<lb/>
zer&#x017F;to&#x0364;rt &#x017F;ind, aber auch &#x017F;ehr &#x017F;chwierig wenn dies nicht der<lb/>
Fall i&#x017F;t. Obgleich die&#x017F;e Vertheidigung nicht mehr zum<lb/>
Angriff &#x017F;elb&#x017F;t geho&#x0364;rt, &#x017F;o muß doch ihre Be&#x017F;chaffenheit auf<lb/>
ihn zuru&#x0364;ckwirken und &#x017F;einen Werth mitbe&#x017F;timmen helfen.</p><lb/>
          <p>Das Re&#x017F;ultat die&#x017F;er Betrachtung i&#x017F;t: daß bei jedem<lb/>
Angriff auf die dem&#x017F;elben nothwendig beiwohnende Verthei-<lb/>
digung Ru&#x0364;ck&#x017F;icht genommen werden muß, um die Nach-<lb/>
theile welchen er unterworfen i&#x017F;t klar einzu&#x017F;ehen und &#x017F;ich<lb/>
darauf gefaßt machen zu ko&#x0364;nnen.</p><lb/>
          <p>Dagegen i&#x017F;t der Angriff in einer andern Beziehung<lb/>
vollkommen in &#x017F;ich immer ein und der&#x017F;elbe. Die Verthei-<lb/>
digung aber hat ihre Stufen, na&#x0364;mlich je mehr das Prin-<lb/>
zip des Abwartens er&#x017F;cho&#x0364;pft werden &#x017F;oll. Dies giebt For-<lb/>
men die &#x017F;ich we&#x017F;entlich von einander unter&#x017F;cheiden, wie wir<lb/>
in dem Kapitel von den Wider&#x017F;tandsarten entwickelt haben.</p><lb/>
          <p>Da der Angriff nur <hi rendition="#g">ein</hi> tha&#x0364;tiges Prinzip hat, und<lb/>
die Vertheidigung in ihm nur ein todtes Gewicht i&#x017F;t das<lb/>
&#x017F;ich an ihn ha&#x0364;ngt, &#x017F;o i&#x017F;t eine &#x017F;olche Ver&#x017F;chiedenheit in ihm<lb/>
nicht vorhanden. Freilich findet in der Energie des An-<lb/>
griffs, in der Schnelligkeit und Kraft des Stoßes ein<lb/></p>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[7/0021] denen Lage befinden ſich, waͤhrend der 12 Stunden Raſt die einem Tagwerk zu folgen pflegen, der Vertheidiger in ſeiner ausgeſuchten ihm wohlbekannten, zubereiteten Stellung, und der Angreifende in ſeinem Marſchlager, in welches er wie ein Blinder hineingetappt iſt; oder, waͤhrend der laͤngern Raſt, die eine neue Einrichtung der Verpflegung, das Abwarten von Verſtaͤrkungen u. ſ. w. erfordern kann, wo der Ver- theidiger in der Naͤhe ſeiner Feſtungen und Vorraͤthe und der Angreifende wie der Vogel auf dem Aſte iſt. Aber jeder Angriff muß mit einem Vertheidigen endigen; wie dies beſchaffen ſein wird, haͤngt von Umſtaͤnden ab; dieſe koͤnnen ſehr guͤnſtig ſein wenn die feindlichen Streitkraͤfte zerſtoͤrt ſind, aber auch ſehr ſchwierig wenn dies nicht der Fall iſt. Obgleich dieſe Vertheidigung nicht mehr zum Angriff ſelbſt gehoͤrt, ſo muß doch ihre Beſchaffenheit auf ihn zuruͤckwirken und ſeinen Werth mitbeſtimmen helfen. Das Reſultat dieſer Betrachtung iſt: daß bei jedem Angriff auf die demſelben nothwendig beiwohnende Verthei- digung Ruͤckſicht genommen werden muß, um die Nach- theile welchen er unterworfen iſt klar einzuſehen und ſich darauf gefaßt machen zu koͤnnen. Dagegen iſt der Angriff in einer andern Beziehung vollkommen in ſich immer ein und derſelbe. Die Verthei- digung aber hat ihre Stufen, naͤmlich je mehr das Prin- zip des Abwartens erſchoͤpft werden ſoll. Dies giebt For- men die ſich weſentlich von einander unterſcheiden, wie wir in dem Kapitel von den Widerſtandsarten entwickelt haben. Da der Angriff nur ein thaͤtiges Prinzip hat, und die Vertheidigung in ihm nur ein todtes Gewicht iſt das ſich an ihn haͤngt, ſo iſt eine ſolche Verſchiedenheit in ihm nicht vorhanden. Freilich findet in der Energie des An- griffs, in der Schnelligkeit und Kraft des Stoßes ein

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Clausewitz' \"Vom Kriege\" erschien zu Lebzeiten … [mehr]

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/clausewitz_krieg03_1834
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/clausewitz_krieg03_1834/21
Zitationshilfe: Clausewitz, Carl von: Vom Kriege. Bd. 3. Berlin, 1834, S. 7. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/clausewitz_krieg03_1834/21>, abgerufen am 17.10.2019.