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Burckhardt, Jacob: Die Cultur der Renaissance in Italien. Ein Versuch. Basel, 1860.

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1. Abschnitt.habenen constatiren, ein Dritter die Sache als einen großen
gerichtlichen Proceß auseinanderlcgen -- jedenfalls wird sie
ein Gegenstand nachdenklicher Betrachtung bleiben bis ans
Das
Grundübel des
Staates.
Ende der Tage. Das Grundunglück, welches die Sachlage
stets von Neuem trübte, war die Herrschaft von Florenz
über unterworfene, ehemals mächtige Feinde wie die Pisaner,
was einen beständigen Gewaltzustand zur nothwendigen
Folge hatte. Das einzige, freilich sehr heroische Mittel,
das nur Savonarola hätte durchführen können und auch
nur mit Hülfe besonders glücklicher Umstände, wäre die
rechtzeitige Auflösung Toscana's in eine Föderation freier
Städte gewesen; ein Gedanke, der erst als weit verspäteter
Fiebertraum einen patriotischen Lucchesen 1) (1548) auf das
Schaffot bringt. Von diesem Unheil und von der unglück-
lichen Guelfensympathie der Florentiner für einen fremden
Fürsten und der daherigen Gewöhnung an fremde Inter-
ventionen hängt alles Weitere ab. Aber wer muß nicht
dieses Volk bewundern, das unter der Leitung seines hei-
ligen Mönches in einer dauernd erhöhten Stimmung das
erste italienische Beispiel von Schonung der besiegten Gegner
giebt? während die ganze Vorzeit ihm nichts als Rache und
Vertilgung predigt! Die Gluth, welche hier Patriotismus
und sittlich-religiöse Umkehr in ein Ganzes schmilzt, sieht
von Weitem wohl bald wieder wie erloschen aus, aber ihre
besten Resultate leuchten dann in jener denkwürdigen Be-
lagerung von 1529--30 wieder neu auf. Wohl waren es
"Narren", welche diesen Sturm über Florenz herauf be-

1) Franc. Burlamacchi, den Vater des Hauptes der lucchesischen Pro-
testanten Michele B. Vgl. Archiv. stor. Append. Tom. II,
p.
176. -- Wie Mailand durch seine Härte gegen die Schwester-
städte im XI. bis XIII. Jahrh. die Bildung eines großen Despo-
tenstaates erleichterte, ist bekannt genug. Noch beim Aussterben der
Visconti 1447 verscherzte Mailand die Freiheit Oberitaliens haupt-
sächlich dadurch, daß es von einer Föderation gleichberechtigter Städte
nichts wissen wollte. Vgl. Corio, fol. 358, s.

1. Abſchnitt.habenen conſtatiren, ein Dritter die Sache als einen großen
gerichtlichen Proceß auseinanderlcgen — jedenfalls wird ſie
ein Gegenſtand nachdenklicher Betrachtung bleiben bis ans
Das
Grundübel des
Staates.
Ende der Tage. Das Grundunglück, welches die Sachlage
ſtets von Neuem trübte, war die Herrſchaft von Florenz
über unterworfene, ehemals mächtige Feinde wie die Piſaner,
was einen beſtändigen Gewaltzuſtand zur nothwendigen
Folge hatte. Das einzige, freilich ſehr heroiſche Mittel,
das nur Savonarola hätte durchführen können und auch
nur mit Hülfe beſonders glücklicher Umſtände, wäre die
rechtzeitige Auflöſung Toscana's in eine Föderation freier
Städte geweſen; ein Gedanke, der erſt als weit verſpäteter
Fiebertraum einen patriotiſchen Luccheſen 1) (1548) auf das
Schaffot bringt. Von dieſem Unheil und von der unglück-
lichen Guelfenſympathie der Florentiner für einen fremden
Fürſten und der daherigen Gewöhnung an fremde Inter-
ventionen hängt alles Weitere ab. Aber wer muß nicht
dieſes Volk bewundern, das unter der Leitung ſeines hei-
ligen Mönches in einer dauernd erhöhten Stimmung das
erſte italieniſche Beiſpiel von Schonung der beſiegten Gegner
giebt? während die ganze Vorzeit ihm nichts als Rache und
Vertilgung predigt! Die Gluth, welche hier Patriotismus
und ſittlich-religiöſe Umkehr in ein Ganzes ſchmilzt, ſieht
von Weitem wohl bald wieder wie erloſchen aus, aber ihre
beſten Reſultate leuchten dann in jener denkwürdigen Be-
lagerung von 1529—30 wieder neu auf. Wohl waren es
„Narren“, welche dieſen Sturm über Florenz herauf be-

1) Franc. Burlamacchi, den Vater des Hauptes der luccheſiſchen Pro-
teſtanten Michele B. Vgl. Archiv. stor. Append. Tom. II,
p.
176. — Wie Mailand durch ſeine Härte gegen die Schweſter-
ſtädte im XI. bis XIII. Jahrh. die Bildung eines großen Despo-
tenſtaates erleichterte, iſt bekannt genug. Noch beim Ausſterben der
Visconti 1447 verſcherzte Mailand die Freiheit Oberitaliens haupt-
ſächlich dadurch, daß es von einer Föderation gleichberechtigter Städte
nichts wiſſen wollte. Vgl. Corio, fol. 358, s.
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[84/0094] habenen conſtatiren, ein Dritter die Sache als einen großen gerichtlichen Proceß auseinanderlcgen — jedenfalls wird ſie ein Gegenſtand nachdenklicher Betrachtung bleiben bis ans Ende der Tage. Das Grundunglück, welches die Sachlage ſtets von Neuem trübte, war die Herrſchaft von Florenz über unterworfene, ehemals mächtige Feinde wie die Piſaner, was einen beſtändigen Gewaltzuſtand zur nothwendigen Folge hatte. Das einzige, freilich ſehr heroiſche Mittel, das nur Savonarola hätte durchführen können und auch nur mit Hülfe beſonders glücklicher Umſtände, wäre die rechtzeitige Auflöſung Toscana's in eine Föderation freier Städte geweſen; ein Gedanke, der erſt als weit verſpäteter Fiebertraum einen patriotiſchen Luccheſen 1) (1548) auf das Schaffot bringt. Von dieſem Unheil und von der unglück- lichen Guelfenſympathie der Florentiner für einen fremden Fürſten und der daherigen Gewöhnung an fremde Inter- ventionen hängt alles Weitere ab. Aber wer muß nicht dieſes Volk bewundern, das unter der Leitung ſeines hei- ligen Mönches in einer dauernd erhöhten Stimmung das erſte italieniſche Beiſpiel von Schonung der beſiegten Gegner giebt? während die ganze Vorzeit ihm nichts als Rache und Vertilgung predigt! Die Gluth, welche hier Patriotismus und ſittlich-religiöſe Umkehr in ein Ganzes ſchmilzt, ſieht von Weitem wohl bald wieder wie erloſchen aus, aber ihre beſten Reſultate leuchten dann in jener denkwürdigen Be- lagerung von 1529—30 wieder neu auf. Wohl waren es „Narren“, welche dieſen Sturm über Florenz herauf be- 1. Abſchnitt. Das Grundübel des Staates. 1) Franc. Burlamacchi, den Vater des Hauptes der luccheſiſchen Pro- teſtanten Michele B. Vgl. Archiv. stor. Append. Tom. II, p. 176. — Wie Mailand durch ſeine Härte gegen die Schweſter- ſtädte im XI. bis XIII. Jahrh. die Bildung eines großen Despo- tenſtaates erleichterte, iſt bekannt genug. Noch beim Ausſterben der Visconti 1447 verſcherzte Mailand die Freiheit Oberitaliens haupt- ſächlich dadurch, daß es von einer Föderation gleichberechtigter Städte nichts wiſſen wollte. Vgl. Corio, fol. 358, s.

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Zitationshilfe: Burckhardt, Jacob: Die Cultur der Renaissance in Italien. Ein Versuch. Basel, 1860, S. 84. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/burckhardt_renaissance_1860/94>, abgerufen am 24.09.2020.