Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Burckhardt, Jacob: Die Cultur der Renaissance in Italien. Ein Versuch. Basel, 1860.

Bild:
<< vorherige Seite

1. Abschnitt.nicht erhalten. Es handelt sich hier nicht um eine popu-
läre Begeisterung, sondern um einen stillen Beschluß der
höhern Staatsbehörde, welcher ohne alles Aufsehen hätte
unterbleiben können, und in Florenz unter gleichen Um-
ständen gewiß unterblieben wäre. Die Andacht der Massen
und ihren festen Glauben an den Ablaß eines Alexander VI.
lassen wir ganz außer Betrachtung. Der Staat selber aber,
nachdem er die Kirche mehr als anderswo absorbirt, hatte
wirklich hier eine Art von geistlichem Element in sich und
das Staatssymbol, der Doge trat bei zwölf großen Pro-
zessionen 1) (andate) in halbgeistlicher Function auf. Es
waren fast lauter Feste zu Ehren politischer Erinnerungen,
welche mit den großen Kirchenfesten concurrirten; das glän-
zendste derselben die berühmte Vermählung mit dem Meere
jedesmal am Himmelfahrtstage.

Florenz.Die höchste politische Bewußtheit, den größten Reich-
thum an Entwicklungsformen findet man vereinigt in der
Geschichte von Florenz, welches in diesem Sinne wohl den
Namen des ersten modernen Staates der Welt verdient.
Hier treibt ein ganzes Volk das was in den Fürstenstaaten
die Sache einer Familie ist. Der wunderbare florentinische
Geist, scharf raisonnirend und künstlerisch schaffend zugleich,
gestaltet den politischen und socialen Zustand unaufhörlich
um und beschreibt und richtet ihn eben so unaufhörlich.
So wurde Florenz die Heimath der politischen Doctrinen
und Theorien, der Experimente und Sprünge, aber auch
mit Venedig die Heimath der Statistik und allein und vor
allen Staaten der Welt die Heimath der geschichtlichen
Darstellung im neuern Sinne. Der Anblick des alten Roms und
die Kenntniß seiner Geschichtschreiber kam hinzu, und Giovanni
Villani gesteht 2), daß er beim Jubiläum des Jahres 1300

1) Sansovino, Venezia, Lib. XII.
2) G. Villani, VIII, 36. -- Das Jahr 1300 ist zugleich das festge-
haltene Datum in der Divina Commedia.

1. Abſchnitt.nicht erhalten. Es handelt ſich hier nicht um eine popu-
läre Begeiſterung, ſondern um einen ſtillen Beſchluß der
höhern Staatsbehörde, welcher ohne alles Aufſehen hätte
unterbleiben können, und in Florenz unter gleichen Um-
ſtänden gewiß unterblieben wäre. Die Andacht der Maſſen
und ihren feſten Glauben an den Ablaß eines Alexander VI.
laſſen wir ganz außer Betrachtung. Der Staat ſelber aber,
nachdem er die Kirche mehr als anderswo abſorbirt, hatte
wirklich hier eine Art von geiſtlichem Element in ſich und
das Staatsſymbol, der Doge trat bei zwölf großen Pro-
zeſſionen 1) (andate) in halbgeiſtlicher Function auf. Es
waren faſt lauter Feſte zu Ehren politiſcher Erinnerungen,
welche mit den großen Kirchenfeſten concurrirten; das glän-
zendſte derſelben die berühmte Vermählung mit dem Meere
jedesmal am Himmelfahrtstage.

Florenz.Die höchſte politiſche Bewußtheit, den größten Reich-
thum an Entwicklungsformen findet man vereinigt in der
Geſchichte von Florenz, welches in dieſem Sinne wohl den
Namen des erſten modernen Staates der Welt verdient.
Hier treibt ein ganzes Volk das was in den Fürſtenſtaaten
die Sache einer Familie iſt. Der wunderbare florentiniſche
Geiſt, ſcharf raiſonnirend und künſtleriſch ſchaffend zugleich,
geſtaltet den politiſchen und ſocialen Zuſtand unaufhörlich
um und beſchreibt und richtet ihn eben ſo unaufhörlich.
So wurde Florenz die Heimath der politiſchen Doctrinen
und Theorien, der Experimente und Sprünge, aber auch
mit Venedig die Heimath der Statiſtik und allein und vor
allen Staaten der Welt die Heimath der geſchichtlichen
Darſtellung im neuern Sinne. Der Anblick des alten Roms und
die Kenntniß ſeiner Geſchichtſchreiber kam hinzu, und Giovanni
Villani geſteht 2), daß er beim Jubiläum des Jahres 1300

1) Sansovino, Venezia, Lib. XII.
2) G. Villani, VIII, 36. — Das Jahr 1300 iſt zugleich das feſtge-
haltene Datum in der Divina Commedia.
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <p><pb facs="#f0084" n="74"/><note place="left"><hi rendition="#b"><hi rendition="#u">1. Ab&#x017F;chnitt.</hi></hi></note>nicht erhalten. Es handelt &#x017F;ich hier nicht um eine popu-<lb/>
läre Begei&#x017F;terung, &#x017F;ondern um einen &#x017F;tillen Be&#x017F;chluß der<lb/>
höhern Staatsbehörde, welcher ohne alles Auf&#x017F;ehen hätte<lb/>
unterbleiben können, und in Florenz unter gleichen Um-<lb/>
&#x017F;tänden gewiß unterblieben wäre. Die Andacht der Ma&#x017F;&#x017F;en<lb/>
und ihren fe&#x017F;ten Glauben an den Ablaß eines Alexander <hi rendition="#aq">VI.</hi><lb/>
la&#x017F;&#x017F;en wir ganz außer Betrachtung. Der Staat &#x017F;elber aber,<lb/>
nachdem er die Kirche mehr als anderswo ab&#x017F;orbirt, hatte<lb/>
wirklich hier eine Art von gei&#x017F;tlichem Element in &#x017F;ich und<lb/>
das Staats&#x017F;ymbol, der Doge trat bei zwölf großen Pro-<lb/>
ze&#x017F;&#x017F;ionen <note place="foot" n="1)"><hi rendition="#aq">Sansovino, Venezia, Lib. XII.</hi></note> (<hi rendition="#aq">andate</hi>) in halbgei&#x017F;tlicher Function auf. Es<lb/>
waren fa&#x017F;t lauter Fe&#x017F;te zu Ehren politi&#x017F;cher Erinnerungen,<lb/>
welche mit den großen Kirchenfe&#x017F;ten concurrirten; das glän-<lb/>
zend&#x017F;te der&#x017F;elben die berühmte Vermählung mit dem Meere<lb/>
jedesmal am Himmelfahrtstage.</p><lb/>
        <p><note place="left">Florenz.</note>Die höch&#x017F;te politi&#x017F;che Bewußtheit, den größten Reich-<lb/>
thum an Entwicklungsformen findet man vereinigt in der<lb/>
Ge&#x017F;chichte von Florenz, welches in die&#x017F;em Sinne wohl den<lb/>
Namen des er&#x017F;ten modernen Staates der Welt verdient.<lb/>
Hier treibt ein ganzes Volk das was in den Für&#x017F;ten&#x017F;taaten<lb/>
die Sache einer Familie i&#x017F;t. Der wunderbare florentini&#x017F;che<lb/>
Gei&#x017F;t, &#x017F;charf rai&#x017F;onnirend und kün&#x017F;tleri&#x017F;ch &#x017F;chaffend zugleich,<lb/>
ge&#x017F;taltet den politi&#x017F;chen und &#x017F;ocialen Zu&#x017F;tand unaufhörlich<lb/>
um und be&#x017F;chreibt und richtet ihn eben &#x017F;o unaufhörlich.<lb/>
So wurde Florenz die Heimath der politi&#x017F;chen Doctrinen<lb/>
und Theorien, der Experimente und Sprünge, aber auch<lb/>
mit Venedig die Heimath der Stati&#x017F;tik und allein und vor<lb/>
allen Staaten der Welt die Heimath der ge&#x017F;chichtlichen<lb/>
Dar&#x017F;tellung im neuern Sinne. Der Anblick des alten Roms und<lb/>
die Kenntniß &#x017F;einer Ge&#x017F;chicht&#x017F;chreiber kam hinzu, und Giovanni<lb/>
Villani ge&#x017F;teht <note place="foot" n="2)"><hi rendition="#aq">G. Villani, VIII,</hi> 36. &#x2014; Das Jahr 1300 i&#x017F;t zugleich das fe&#x017F;tge-<lb/>
haltene Datum in der Divina Commedia.</note>, daß er beim Jubiläum des Jahres 1300<lb/></p>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[74/0084] nicht erhalten. Es handelt ſich hier nicht um eine popu- läre Begeiſterung, ſondern um einen ſtillen Beſchluß der höhern Staatsbehörde, welcher ohne alles Aufſehen hätte unterbleiben können, und in Florenz unter gleichen Um- ſtänden gewiß unterblieben wäre. Die Andacht der Maſſen und ihren feſten Glauben an den Ablaß eines Alexander VI. laſſen wir ganz außer Betrachtung. Der Staat ſelber aber, nachdem er die Kirche mehr als anderswo abſorbirt, hatte wirklich hier eine Art von geiſtlichem Element in ſich und das Staatsſymbol, der Doge trat bei zwölf großen Pro- zeſſionen 1) (andate) in halbgeiſtlicher Function auf. Es waren faſt lauter Feſte zu Ehren politiſcher Erinnerungen, welche mit den großen Kirchenfeſten concurrirten; das glän- zendſte derſelben die berühmte Vermählung mit dem Meere jedesmal am Himmelfahrtstage. 1. Abſchnitt. Die höchſte politiſche Bewußtheit, den größten Reich- thum an Entwicklungsformen findet man vereinigt in der Geſchichte von Florenz, welches in dieſem Sinne wohl den Namen des erſten modernen Staates der Welt verdient. Hier treibt ein ganzes Volk das was in den Fürſtenſtaaten die Sache einer Familie iſt. Der wunderbare florentiniſche Geiſt, ſcharf raiſonnirend und künſtleriſch ſchaffend zugleich, geſtaltet den politiſchen und ſocialen Zuſtand unaufhörlich um und beſchreibt und richtet ihn eben ſo unaufhörlich. So wurde Florenz die Heimath der politiſchen Doctrinen und Theorien, der Experimente und Sprünge, aber auch mit Venedig die Heimath der Statiſtik und allein und vor allen Staaten der Welt die Heimath der geſchichtlichen Darſtellung im neuern Sinne. Der Anblick des alten Roms und die Kenntniß ſeiner Geſchichtſchreiber kam hinzu, und Giovanni Villani geſteht 2), daß er beim Jubiläum des Jahres 1300 Florenz. 1) Sansovino, Venezia, Lib. XII. 2) G. Villani, VIII, 36. — Das Jahr 1300 iſt zugleich das feſtge- haltene Datum in der Divina Commedia.

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/burckhardt_renaissance_1860
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/burckhardt_renaissance_1860/84
Zitationshilfe: Burckhardt, Jacob: Die Cultur der Renaissance in Italien. Ein Versuch. Basel, 1860, S. 74. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/burckhardt_renaissance_1860/84>, abgerufen am 29.09.2020.