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Burckhardt, Jacob: Die Cultur der Renaissance in Italien. Ein Versuch. Basel, 1860.

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der Zehn, welcher in Alles eingriff, ein unbedingtes Recht1. Abschnitt.
über Leben und Tod, über Kassen und Armeebefehl besaß,
die Inquisitoren in sich enthielt, und den Foscari wie so
manchen Mächtigen stürzte, dieser Rath der Zehn wurde all-
jährlich von der ganzen regierenden Kaste, dem gran con-
siglio neu gewählt, und war somit der unmittelbarste
Ausdruck derselben. Große Intriguen mögen bei diesen
Wahlen kaum vorgekommen sein, da die kurze Dauer und
die spätere Verantwortlichkeit das Amt nicht sehr begehrens-
werth machten. Allein vor diesen und andern venezianischen
Behörden, mochte ihr Thun noch so unterirdisch und ge-
waltsam sein, flüchtete sich doch der echte Venezianer nicht,
sondern er stellte sich; nicht nur weil die Republik lange
Arme hatte und statt seiner die Familie plagen konnte,
sondern weil in den meisten Fällen wenigstens nach Grün-
den und nicht aus Blutdurst verfahren wurde. 1) Ueber-
haupt hat wohl kein Staat jemals eine größere moralische
Macht über seine Angehörigen in der Ferne ausgeübt.
Wenn es z. B. Verräther in den Pregadi gab, so wurde
dieß reichlich dadurch aufgewogen, daß jeder Venezianer in
der Fremde ein geborner Kundschafter für seine Regierung
war. Von den venezianischen Cardinälen in Rom verstand
es sich von selbst, daß sie die Verhandlungen der geheimen
päpstlichen Consistorien nach Hause meldeten. Cardinal
Domenico Grimani ließ in der Nähe von Rom (1500) die
Depeschen wegfangen, welche Ascanio Sforza an seinen
Bruder Lodovico Moro absandte, und schickte sie nach Ve-
nedig; sein eben damals schwer angeklagter Vater machte
dieß Verdienst des Sohnes öffentlich vor dem gran con-
siglio d. h. vor der ganzen Welt geltend. 2)

1) Chron. Venetum, Murat. XXIV. Col. 123, s. und Malipiero,
a. a. O. VII, I, p. 175, s. erzählen den sprechenden Fall des Ad-
mirals Antonio Grimani.
2) Chron. Ven. l. c. Col. 166.
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der Zehn, welcher in Alles eingriff, ein unbedingtes Recht1. Abſchnitt.
über Leben und Tod, über Kaſſen und Armeebefehl beſaß,
die Inquiſitoren in ſich enthielt, und den Foscari wie ſo
manchen Mächtigen ſtürzte, dieſer Rath der Zehn wurde all-
jährlich von der ganzen regierenden Kaſte, dem gran con-
ſiglio neu gewählt, und war ſomit der unmittelbarſte
Ausdruck derſelben. Große Intriguen mögen bei dieſen
Wahlen kaum vorgekommen ſein, da die kurze Dauer und
die ſpätere Verantwortlichkeit das Amt nicht ſehr begehrens-
werth machten. Allein vor dieſen und andern venezianiſchen
Behörden, mochte ihr Thun noch ſo unterirdiſch und ge-
waltſam ſein, flüchtete ſich doch der echte Venezianer nicht,
ſondern er ſtellte ſich; nicht nur weil die Republik lange
Arme hatte und ſtatt ſeiner die Familie plagen konnte,
ſondern weil in den meiſten Fällen wenigſtens nach Grün-
den und nicht aus Blutdurſt verfahren wurde. 1) Ueber-
haupt hat wohl kein Staat jemals eine größere moraliſche
Macht über ſeine Angehörigen in der Ferne ausgeübt.
Wenn es z. B. Verräther in den Pregadi gab, ſo wurde
dieß reichlich dadurch aufgewogen, daß jeder Venezianer in
der Fremde ein geborner Kundſchafter für ſeine Regierung
war. Von den venezianiſchen Cardinälen in Rom verſtand
es ſich von ſelbſt, daß ſie die Verhandlungen der geheimen
päpſtlichen Conſiſtorien nach Hauſe meldeten. Cardinal
Domenico Grimani ließ in der Nähe von Rom (1500) die
Depeſchen wegfangen, welche Ascanio Sforza an ſeinen
Bruder Lodovico Moro abſandte, und ſchickte ſie nach Ve-
nedig; ſein eben damals ſchwer angeklagter Vater machte
dieß Verdienſt des Sohnes öffentlich vor dem gran con-
ſiglio d. h. vor der ganzen Welt geltend. 2)

1) Chron. Venetum, Murat. XXIV. Col. 123, s. und Malipiero,
a. a. O. VII, I, p. 175, s. erzählen den ſprechenden Fall des Ad-
mirals Antonio Grimani.
2) Chron. Ven. l. c. Col. 166.
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[67/0077] der Zehn, welcher in Alles eingriff, ein unbedingtes Recht über Leben und Tod, über Kaſſen und Armeebefehl beſaß, die Inquiſitoren in ſich enthielt, und den Foscari wie ſo manchen Mächtigen ſtürzte, dieſer Rath der Zehn wurde all- jährlich von der ganzen regierenden Kaſte, dem gran con- ſiglio neu gewählt, und war ſomit der unmittelbarſte Ausdruck derſelben. Große Intriguen mögen bei dieſen Wahlen kaum vorgekommen ſein, da die kurze Dauer und die ſpätere Verantwortlichkeit das Amt nicht ſehr begehrens- werth machten. Allein vor dieſen und andern venezianiſchen Behörden, mochte ihr Thun noch ſo unterirdiſch und ge- waltſam ſein, flüchtete ſich doch der echte Venezianer nicht, ſondern er ſtellte ſich; nicht nur weil die Republik lange Arme hatte und ſtatt ſeiner die Familie plagen konnte, ſondern weil in den meiſten Fällen wenigſtens nach Grün- den und nicht aus Blutdurſt verfahren wurde. 1) Ueber- haupt hat wohl kein Staat jemals eine größere moraliſche Macht über ſeine Angehörigen in der Ferne ausgeübt. Wenn es z. B. Verräther in den Pregadi gab, ſo wurde dieß reichlich dadurch aufgewogen, daß jeder Venezianer in der Fremde ein geborner Kundſchafter für ſeine Regierung war. Von den venezianiſchen Cardinälen in Rom verſtand es ſich von ſelbſt, daß ſie die Verhandlungen der geheimen päpſtlichen Conſiſtorien nach Hauſe meldeten. Cardinal Domenico Grimani ließ in der Nähe von Rom (1500) die Depeſchen wegfangen, welche Ascanio Sforza an ſeinen Bruder Lodovico Moro abſandte, und ſchickte ſie nach Ve- nedig; ſein eben damals ſchwer angeklagter Vater machte dieß Verdienſt des Sohnes öffentlich vor dem gran con- ſiglio d. h. vor der ganzen Welt geltend. 2) 1. Abſchnitt. 1) Chron. Venetum, Murat. XXIV. Col. 123, s. und Malipiero, a. a. O. VII, I, p. 175, s. erzählen den ſprechenden Fall des Ad- mirals Antonio Grimani. 2) Chron. Ven. l. c. Col. 166. 5*

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Zitationshilfe: Burckhardt, Jacob: Die Cultur der Renaissance in Italien. Ein Versuch. Basel, 1860, S. 67. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/burckhardt_renaissance_1860/77>, abgerufen am 24.09.2020.