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Burckhardt, Jacob: Die Cultur der Renaissance in Italien. Ein Versuch. Basel, 1860.

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jeder durchpassirende Fremde an dem einen Thor einen1. Abschnitt.
Zettel lösen um wieder zum andern hinauszudürfen. 1) --
Höchst populär wird der Fürst, wenn er drückende Beamte
plötzlich zu Boden schmettert, wenn Borso seine ersten und
geheimsten Räthe in Person verhaftet, wenn Ercole I. einen
Einnehmer, der sich lange Jahre hindurch vollgesogen, mit
Schanden absetzt; da zündet das Volk Freudenfeuer an und
läutet die Glocken. Mit Einem ließ es aber Ercole zu
weit kommen, mit seinem Polizeidirector oder wie man ihn
nennen will (capitaneo di giustizia) Gregorio Zampante
aus Lucca (denn für Stellen dieser Art eignete sich kein
Einheimischer). Selbst die Söhne und Brüder des Herzogs
zitterten vor demselben; seine Bußen gingen immer in die
Hunderte und Tausende von Ducaten und die Tortur be-
gann schon vor dem Verhör. Von den größten Verbrechern
ließ er sich bestechen und verschaffte ihnen durch Lügen die
herzogliche Begnadigung. Wie gerne hätten die Unterthanen
dem Herzog 10,000 Ducaten und drüber bezahlt, wenn er
diesen Feind Gottes und der Welt cassirt hätte! Aber Er-
cole hatte ihn zu seinem Gevatter und zum Cavaliere ge-
macht, und der Zampante legte Jahr um Jahr 2000 Du-
caten bei Seite; freilich aß er nur noch Tauben, die im
Hause gezogen wurden und ging nicht mehr über die Gasse
ohne eine Schaar von Armbrustschützen und Sbirren. Es
wäre Zeit gewesen, ihn zu beseitigen; da machten ihn (1496)
zwei Studenten und ein getaufter Jude, die er tödtlich be-
leidigt, in seinem Hause während der Siesta nieder und
ritten auf bereit gehaltenen Pferden durch die Stadt, sin-
gend: "Heraus, Leute, laufet! wir haben den Zampante
umgebracht." Die nachgesandte Mannschaft kam zu spät,
als sie bereits über die nahe Gränze in Sicherheit gelangtTheilnahme des
Publicums an
der Trauer der
Fürsten.

waren. Natürlich regnete es nun Pasquille, die einen als
Sonette, die andern als Canzonen. -- Andererseits ist es

1) Vasari XII, 166, v. di Michelangelo.
4*

jeder durchpaſſirende Fremde an dem einen Thor einen1. Abſchnitt.
Zettel löſen um wieder zum andern hinauszudürfen. 1)
Höchſt populär wird der Fürſt, wenn er drückende Beamte
plötzlich zu Boden ſchmettert, wenn Borſo ſeine erſten und
geheimſten Räthe in Perſon verhaftet, wenn Ercole I. einen
Einnehmer, der ſich lange Jahre hindurch vollgeſogen, mit
Schanden abſetzt; da zündet das Volk Freudenfeuer an und
läutet die Glocken. Mit Einem ließ es aber Ercole zu
weit kommen, mit ſeinem Polizeidirector oder wie man ihn
nennen will (capitaneo di giustizia) Gregorio Zampante
aus Lucca (denn für Stellen dieſer Art eignete ſich kein
Einheimiſcher). Selbſt die Söhne und Brüder des Herzogs
zitterten vor demſelben; ſeine Bußen gingen immer in die
Hunderte und Tauſende von Ducaten und die Tortur be-
gann ſchon vor dem Verhör. Von den größten Verbrechern
ließ er ſich beſtechen und verſchaffte ihnen durch Lügen die
herzogliche Begnadigung. Wie gerne hätten die Unterthanen
dem Herzog 10,000 Ducaten und drüber bezahlt, wenn er
dieſen Feind Gottes und der Welt caſſirt hätte! Aber Er-
cole hatte ihn zu ſeinem Gevatter und zum Cavaliere ge-
macht, und der Zampante legte Jahr um Jahr 2000 Du-
caten bei Seite; freilich aß er nur noch Tauben, die im
Hauſe gezogen wurden und ging nicht mehr über die Gaſſe
ohne eine Schaar von Armbruſtſchützen und Sbirren. Es
wäre Zeit geweſen, ihn zu beſeitigen; da machten ihn (1496)
zwei Studenten und ein getaufter Jude, die er tödtlich be-
leidigt, in ſeinem Hauſe während der Sieſta nieder und
ritten auf bereit gehaltenen Pferden durch die Stadt, ſin-
gend: „Heraus, Leute, laufet! wir haben den Zampante
umgebracht.“ Die nachgeſandte Mannſchaft kam zu ſpät,
als ſie bereits über die nahe Gränze in Sicherheit gelangtTheilnahme des
Publicums an
der Trauer der
Fürſten.

waren. Natürlich regnete es nun Pasquille, die einen als
Sonette, die andern als Canzonen. — Andererſeits iſt es

1) Vasari XII, 166, v. di Michelangelo.
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[51/0061] jeder durchpaſſirende Fremde an dem einen Thor einen Zettel löſen um wieder zum andern hinauszudürfen. 1) — Höchſt populär wird der Fürſt, wenn er drückende Beamte plötzlich zu Boden ſchmettert, wenn Borſo ſeine erſten und geheimſten Räthe in Perſon verhaftet, wenn Ercole I. einen Einnehmer, der ſich lange Jahre hindurch vollgeſogen, mit Schanden abſetzt; da zündet das Volk Freudenfeuer an und läutet die Glocken. Mit Einem ließ es aber Ercole zu weit kommen, mit ſeinem Polizeidirector oder wie man ihn nennen will (capitaneo di giustizia) Gregorio Zampante aus Lucca (denn für Stellen dieſer Art eignete ſich kein Einheimiſcher). Selbſt die Söhne und Brüder des Herzogs zitterten vor demſelben; ſeine Bußen gingen immer in die Hunderte und Tauſende von Ducaten und die Tortur be- gann ſchon vor dem Verhör. Von den größten Verbrechern ließ er ſich beſtechen und verſchaffte ihnen durch Lügen die herzogliche Begnadigung. Wie gerne hätten die Unterthanen dem Herzog 10,000 Ducaten und drüber bezahlt, wenn er dieſen Feind Gottes und der Welt caſſirt hätte! Aber Er- cole hatte ihn zu ſeinem Gevatter und zum Cavaliere ge- macht, und der Zampante legte Jahr um Jahr 2000 Du- caten bei Seite; freilich aß er nur noch Tauben, die im Hauſe gezogen wurden und ging nicht mehr über die Gaſſe ohne eine Schaar von Armbruſtſchützen und Sbirren. Es wäre Zeit geweſen, ihn zu beſeitigen; da machten ihn (1496) zwei Studenten und ein getaufter Jude, die er tödtlich be- leidigt, in ſeinem Hauſe während der Sieſta nieder und ritten auf bereit gehaltenen Pferden durch die Stadt, ſin- gend: „Heraus, Leute, laufet! wir haben den Zampante umgebracht.“ Die nachgeſandte Mannſchaft kam zu ſpät, als ſie bereits über die nahe Gränze in Sicherheit gelangt waren. Natürlich regnete es nun Pasquille, die einen als Sonette, die andern als Canzonen. — Andererſeits iſt es 1. Abſchnitt. Theilnahme des Publicums an der Trauer der Fürſten. 1) Vasari XII, 166, v. di Michelangelo. 4*

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Zitationshilfe: Burckhardt, Jacob: Die Cultur der Renaissance in Italien. Ein Versuch. Basel, 1860, S. 51. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/burckhardt_renaissance_1860/61>, abgerufen am 29.09.2020.