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Burckhardt, Jacob: Die Cultur der Renaissance in Italien. Ein Versuch. Basel, 1860.

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2. Abschnitt."meine Heimath ist die Welt überhaupt!" 1) -- Und als
man ihm die Rückkehr nach Florenz unter unwürdigen Be-
dingungen anbot, schrieb er zurück: "kann ich nicht das
"Licht der Sonne und der Gestirne überall schauen? nicht
"den edelsten Wahrheiten überall nachsinnen, ohne deßhalb
"ruhmlos, ja schmachvoll vor dem Volk und der Stadt zu
"erscheinen? nicht einmal mein Brod wird mir fehlen!" 2)
Mit hohem Trotz legen dann auch die Künstler den Accent
auf ihre Freiheit vom Ortszwang. "Nur wer Alles gelernt
"hat, sagt Ghiberti 3), ist draußen nirgends ein Fremdling;
"auch seines Vermögens beraubt, ohne Freunde, ist er doch
"der Bürger jeder Stadt und kann furchtlos die Wande-
"lungen des Geschickes verachten." Aehnlich sagt ein ge-
flüchteter Humanist: "Wo irgend ein gelehrter Mann seinen
"Sitz aufschlägt, da ist gute Heimath 4)."

Vollendung der
Persönlichkeit.
Ein sehr geschärfter culturgeschichtlicher Blick dürfte
wohl im Stande sein, im XV. Jahrhundert die Zunahme
völlig ausgebildeter Menschen schrittweise zu verfolgen. Ob
dieselben das harmonische Ausrunden ihres geistigen und

1) De vulgari eloquio Lib. I, cap. 6. -- Ueber die italienische Ideal-
sprache cap. 17. Die geistige Einheit der Gebildeten cap. 18. --
Aber auch das Heimweh in der berühmten Stelle Purg. VIII, I.
u. ff. und Parad. XXV, I.
2) Dantis Alligherii Epistolae, ed. Carolus Witte, p. 65.
3) Ghiberti, secondo commentario, cap. XV. (Vasari, ed. Le-
monnier, I, p. XXIX.
4) Codri Urcei vita, vor dessen Opera. -- Freilich grenzt dieß schon
an das: Ubi bene, ibi patria. Die Masse neutralen geistigen
Genusses, der von keiner Oertlichkeit abhängt, und dessen die gebil-
deten Italiener mehr und mehr fähig wurden, erleichterte ihnen das
Exil beträchtlich. Uebrigens ist der Cosmopolitismus ein Zeichen
jeder Bildungsepoche, da man neue Welten entdeckt und sich in der
alten nicht mehr heimisch fühlt. Er tritt bei den Griechen sehr
deutlich hervor nach dem peloponnesischen Kriege; Platon war, wie
Niebuhr sagt, kein guter Bürger und Xenophon ein schlechter; Dio-
genes proclamirte vollends die Heimathlosigkeit als ein wahres Ver-
gnügen und nannte sich selber apolis, wie man beim Laertius liest.

2. Abſchnitt.„meine Heimath iſt die Welt überhaupt!“ 1) — Und als
man ihm die Rückkehr nach Florenz unter unwürdigen Be-
dingungen anbot, ſchrieb er zurück: „kann ich nicht das
„Licht der Sonne und der Geſtirne überall ſchauen? nicht
„den edelſten Wahrheiten überall nachſinnen, ohne deßhalb
„ruhmlos, ja ſchmachvoll vor dem Volk und der Stadt zu
„erſcheinen? nicht einmal mein Brod wird mir fehlen!“ 2)
Mit hohem Trotz legen dann auch die Künſtler den Accent
auf ihre Freiheit vom Ortszwang. „Nur wer Alles gelernt
„hat, ſagt Ghiberti 3), iſt draußen nirgends ein Fremdling;
„auch ſeines Vermögens beraubt, ohne Freunde, iſt er doch
„der Bürger jeder Stadt und kann furchtlos die Wande-
„lungen des Geſchickes verachten.“ Aehnlich ſagt ein ge-
flüchteter Humaniſt: „Wo irgend ein gelehrter Mann ſeinen
„Sitz aufſchlägt, da iſt gute Heimath 4).“

Vollendung der
Perſönlichkeit.
Ein ſehr geſchärfter culturgeſchichtlicher Blick dürfte
wohl im Stande ſein, im XV. Jahrhundert die Zunahme
völlig ausgebildeter Menſchen ſchrittweiſe zu verfolgen. Ob
dieſelben das harmoniſche Ausrunden ihres geiſtigen und

1) De vulgari eloquio Lib. I, cap. 6. — Ueber die italieniſche Ideal-
ſprache cap. 17. Die geiſtige Einheit der Gebildeten cap. 18.
Aber auch das Heimweh in der berühmten Stelle Purg. VIII, I.
u. ff. und Parad. XXV, I.
2) Dantis Alligherii Epistolæ, ed. Carolus Witte, p. 65.
3) Ghiberti, secondo commentario, cap. XV. (Vasari, ed. Le-
monnier, I, p. XXIX.
4) Codri Urcei vita, vor deſſen Opera. — Freilich grenzt dieß ſchon
an das: Ubi bene, ibi patria. Die Maſſe neutralen geiſtigen
Genuſſes, der von keiner Oertlichkeit abhängt, und deſſen die gebil-
deten Italiener mehr und mehr fähig wurden, erleichterte ihnen das
Exil beträchtlich. Uebrigens iſt der Cosmopolitismus ein Zeichen
jeder Bildungsepoche, da man neue Welten entdeckt und ſich in der
alten nicht mehr heimiſch fühlt. Er tritt bei den Griechen ſehr
deutlich hervor nach dem peloponneſiſchen Kriege; Platon war, wie
Niebuhr ſagt, kein guter Bürger und Xenophon ein ſchlechter; Dio-
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[136/0146] „meine Heimath iſt die Welt überhaupt!“ 1) — Und als man ihm die Rückkehr nach Florenz unter unwürdigen Be- dingungen anbot, ſchrieb er zurück: „kann ich nicht das „Licht der Sonne und der Geſtirne überall ſchauen? nicht „den edelſten Wahrheiten überall nachſinnen, ohne deßhalb „ruhmlos, ja ſchmachvoll vor dem Volk und der Stadt zu „erſcheinen? nicht einmal mein Brod wird mir fehlen!“ 2) Mit hohem Trotz legen dann auch die Künſtler den Accent auf ihre Freiheit vom Ortszwang. „Nur wer Alles gelernt „hat, ſagt Ghiberti 3), iſt draußen nirgends ein Fremdling; „auch ſeines Vermögens beraubt, ohne Freunde, iſt er doch „der Bürger jeder Stadt und kann furchtlos die Wande- „lungen des Geſchickes verachten.“ Aehnlich ſagt ein ge- flüchteter Humaniſt: „Wo irgend ein gelehrter Mann ſeinen „Sitz aufſchlägt, da iſt gute Heimath 4).“ 2. Abſchnitt. Ein ſehr geſchärfter culturgeſchichtlicher Blick dürfte wohl im Stande ſein, im XV. Jahrhundert die Zunahme völlig ausgebildeter Menſchen ſchrittweiſe zu verfolgen. Ob dieſelben das harmoniſche Ausrunden ihres geiſtigen und Vollendung der Perſönlichkeit. 1) De vulgari eloquio Lib. I, cap. 6. — Ueber die italieniſche Ideal- ſprache cap. 17. Die geiſtige Einheit der Gebildeten cap. 18. — Aber auch das Heimweh in der berühmten Stelle Purg. VIII, I. u. ff. und Parad. XXV, I. 2) Dantis Alligherii Epistolæ, ed. Carolus Witte, p. 65. 3) Ghiberti, secondo commentario, cap. XV. (Vasari, ed. Le- monnier, I, p. XXIX. 4) Codri Urcei vita, vor deſſen Opera. — Freilich grenzt dieß ſchon an das: Ubi bene, ibi patria. Die Maſſe neutralen geiſtigen Genuſſes, der von keiner Oertlichkeit abhängt, und deſſen die gebil- deten Italiener mehr und mehr fähig wurden, erleichterte ihnen das Exil beträchtlich. Uebrigens iſt der Cosmopolitismus ein Zeichen jeder Bildungsepoche, da man neue Welten entdeckt und ſich in der alten nicht mehr heimiſch fühlt. Er tritt bei den Griechen ſehr deutlich hervor nach dem peloponneſiſchen Kriege; Platon war, wie Niebuhr ſagt, kein guter Bürger und Xenophon ein ſchlechter; Dio- genes proclamirte vollends die Heimathloſigkeit als ein wahres Ver- gnügen und nannte ſich ſelber ἄπολις, wie man beim Laertius liest.

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Zitationshilfe: Burckhardt, Jacob: Die Cultur der Renaissance in Italien. Ein Versuch. Basel, 1860, S. 136. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/burckhardt_renaissance_1860/146>, abgerufen am 21.09.2020.