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Burckhardt, Jacob: Die Cultur der Renaissance in Italien. Ein Versuch. Basel, 1860.

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1. Abschnitt.oder ihre sonstige Stellung unbequem wird. Alexander
mußte zu der Ermordung seines geliebtesten Sohnes, des
Duca di Gandia, seine Einwilligung geben 1), weil er
selber stündlich vor Cesare zitterte.

Welches waren nun die tiefsten Pläne des Letztern?
Noch in den letzten Monaten seiner Herrschaft, als er eben
die Condottieren zu Sinigaglia umgebracht hatte und factisch
Herr des Kirchenstaates war (1503), äußerte man sich in
seiner Nähe leidlich bescheiden: Der Herzog wolle bloß
Seine Absich-
ten
Factionen und Tyrannen unterdrücken, Alles nur zum
Nutzen der Kirche; für sich bedinge er sich höchstens die
Romagna aus, und dabei könne er des Dankgefühles aller
folgenden Päpste sicher sein, da er ihnen Orsinen und Co-
lonnesen vom Halse geschafft 2). Aber Niemand wird dieß
als seinen letzten Gedanken gelten lassen. Schon etwas
weiter ging einmal Papst Alexander selbst mit der Sprache
heraus, in der Unterhaltung mit dem venezianischen Ge-
sandten, indem er seinen Sohn der Protection von Venedig
auf den päpst-
lichen Thron
empfahl: "ich will dafür sorgen, sagte er, daß einst das
"Papstthum entweder an ihn oder an Eure Republik fällt." 3)
Cesare freilich fügte bei: es solle nur Papst werden, wen
Venedig wolle, und zu diesem Endzweck brauchten nur die
venezianischen Cardinäle recht zusammenzuhalten. Ob er

1) Dieß bei Panvinio (Contin. Platinae. p. 339): insidiis Caesaris
fratris interfectus ... connivente ... ad scelus patre.
Ge-
wiß eine authentische Aussage, gegen welche die Darstellungen bei
Malipiero und Matarazzo (wo dem Giovanni Sforza die Schuld
gegeben wird) zurückstehen müssen. -- Auch die tiefe Erschütterung
Alexanders deutet auf Mitschuld. Vom Auffischen der Leiche in der
Tiber sagte Sannazaro:
Piscatorem hominum ne te non, Sexte, putemus,
Piscaris natum retibus, ecce, tuum.
2) Macchiavelli, opere, ed. Milan. Vol. V. p. 387. 393. 395, in
der Legazione al Duca Valentino.
3) Tommaso Gar, relazioni della corte di Roma, I, p. 12, in der
Rel. des P. Capello. Wörtlich: "Der Papst achtet Venedig wie

1. Abſchnitt.oder ihre ſonſtige Stellung unbequem wird. Alexander
mußte zu der Ermordung ſeines geliebteſten Sohnes, des
Duca di Gandia, ſeine Einwilligung geben 1), weil er
ſelber ſtündlich vor Ceſare zitterte.

Welches waren nun die tiefſten Pläne des Letztern?
Noch in den letzten Monaten ſeiner Herrſchaft, als er eben
die Condottieren zu Sinigaglia umgebracht hatte und factiſch
Herr des Kirchenſtaates war (1503), äußerte man ſich in
ſeiner Nähe leidlich beſcheiden: Der Herzog wolle bloß
Seine Abſich-
ten
Factionen und Tyrannen unterdrücken, Alles nur zum
Nutzen der Kirche; für ſich bedinge er ſich höchſtens die
Romagna aus, und dabei könne er des Dankgefühles aller
folgenden Päpſte ſicher ſein, da er ihnen Orſinen und Co-
lonneſen vom Halſe geſchafft 2). Aber Niemand wird dieß
als ſeinen letzten Gedanken gelten laſſen. Schon etwas
weiter ging einmal Papſt Alexander ſelbſt mit der Sprache
heraus, in der Unterhaltung mit dem venezianiſchen Ge-
ſandten, indem er ſeinen Sohn der Protection von Venedig
auf den päpſt-
lichen Thron
empfahl: „ich will dafür ſorgen, ſagte er, daß einſt das
„Papſtthum entweder an ihn oder an Eure Republik fällt.“ 3)
Ceſare freilich fügte bei: es ſolle nur Papſt werden, wen
Venedig wolle, und zu dieſem Endzweck brauchten nur die
venezianiſchen Cardinäle recht zuſammenzuhalten. Ob er

1) Dieß bei Panvinio (Contin. Platinæ. p. 339): insidiis Cæsaris
fratris interfectus … connivente … ad scelus patre.
Ge-
wiß eine authentiſche Ausſage, gegen welche die Darſtellungen bei
Malipiero und Matarazzo (wo dem Giovanni Sforza die Schuld
gegeben wird) zurückſtehen müſſen. — Auch die tiefe Erſchütterung
Alexanders deutet auf Mitſchuld. Vom Auffiſchen der Leiche in der
Tiber ſagte Sannazaro:
Piscatorem hominum ne te non, Sexte, putemus,
Piscaris natum retibus, ecce, tuum.
2) Macchiavelli, opere, ed. Milan. Vol. V. p. 387. 393. 395, in
der Legazione al Duca Valentino.
3) Tommaso Gar, relazioni della corte di Roma, I, p. 12, in der
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[114/0124] oder ihre ſonſtige Stellung unbequem wird. Alexander mußte zu der Ermordung ſeines geliebteſten Sohnes, des Duca di Gandia, ſeine Einwilligung geben 1), weil er ſelber ſtündlich vor Ceſare zitterte. 1. Abſchnitt. Welches waren nun die tiefſten Pläne des Letztern? Noch in den letzten Monaten ſeiner Herrſchaft, als er eben die Condottieren zu Sinigaglia umgebracht hatte und factiſch Herr des Kirchenſtaates war (1503), äußerte man ſich in ſeiner Nähe leidlich beſcheiden: Der Herzog wolle bloß Factionen und Tyrannen unterdrücken, Alles nur zum Nutzen der Kirche; für ſich bedinge er ſich höchſtens die Romagna aus, und dabei könne er des Dankgefühles aller folgenden Päpſte ſicher ſein, da er ihnen Orſinen und Co- lonneſen vom Halſe geſchafft 2). Aber Niemand wird dieß als ſeinen letzten Gedanken gelten laſſen. Schon etwas weiter ging einmal Papſt Alexander ſelbſt mit der Sprache heraus, in der Unterhaltung mit dem venezianiſchen Ge- ſandten, indem er ſeinen Sohn der Protection von Venedig empfahl: „ich will dafür ſorgen, ſagte er, daß einſt das „Papſtthum entweder an ihn oder an Eure Republik fällt.“ 3) Ceſare freilich fügte bei: es ſolle nur Papſt werden, wen Venedig wolle, und zu dieſem Endzweck brauchten nur die venezianiſchen Cardinäle recht zuſammenzuhalten. Ob er Seine Abſich- ten auf den päpſt- lichen Thron 1) Dieß bei Panvinio (Contin. Platinæ. p. 339): insidiis Cæsaris fratris interfectus … connivente … ad scelus patre. Ge- wiß eine authentiſche Ausſage, gegen welche die Darſtellungen bei Malipiero und Matarazzo (wo dem Giovanni Sforza die Schuld gegeben wird) zurückſtehen müſſen. — Auch die tiefe Erſchütterung Alexanders deutet auf Mitſchuld. Vom Auffiſchen der Leiche in der Tiber ſagte Sannazaro: Piscatorem hominum ne te non, Sexte, putemus, Piscaris natum retibus, ecce, tuum. 2) Macchiavelli, opere, ed. Milan. Vol. V. p. 387. 393. 395, in der Legazione al Duca Valentino. 3) Tommaso Gar, relazioni della corte di Roma, I, p. 12, in der Rel. des P. Capello. Wörtlich: „Der Papſt achtet Venedig wie

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Zitationshilfe: Burckhardt, Jacob: Die Cultur der Renaissance in Italien. Ein Versuch. Basel, 1860, S. 114. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/burckhardt_renaissance_1860/124>, abgerufen am 28.09.2020.