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Burckhardt, Jacob: Die Cultur der Renaissance in Italien. Ein Versuch. Basel, 1860.

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des Papstthums selber. Schon indem dasselbe jetzt wesent-1. Abschnitt.
lich im Geist eines weltlichen italienischen Fürstenthums
lebte und handelte, mußte es auch die düstern Momente
eines solchen kennen lernen; seine eigenthümliche Natur aber
brachte noch ganz besondere Schatten hinein.

Was zunächst die Stadt Rom betrifft, so hat man vonDie
Stadt Rom un-
ter Nicolaus V.

jeher dergleichen gethan, als ob man ihre Aufwallungen
wenig fürchte, da so mancher durch Volkstumult vertriebene
Papst wieder zurückgekehrt sei und die Römer um ihres
eigenen Interesses willen die Gegenwart der Curie wünschen
mußten. Allein Rom entwickelte nicht nur zu Zeiten einen
specifisch antipäpstlichen Radicalismus 1), sondern es zeigte
sich auch mitten in den bedenklichsten Complotten die Wir-
kung unsichtbarer Hände von außen. So bei der Ver-
schwörung des Stefano Porcari gegen denjenigen Papst,
welcher gerade der Stadt Rom die größten Vortheile ge-
währt hatte, Nicolaus V. (1453). Porcari bezweckte einen
Umsturz der päpstlichen Herrschaft überhaupt und hatte
dabei große Mitwisser, die zwar nicht genannt werden 2),
sicher aber unter den italienischen Regierungen zu suchen
sind. Unter demselben Pontificat schloß Lorenzo Valla
seine berühmte Declamation gegen die Schenkung Constan-

1) Bei jenen Ketzern aus der Campagna, von Poli, welche glaubten,
ein rechter Papst müßte die Armuth Christi zum Kennzeichen haben,
darf man dagegen ein einfaches Waldenserthum vermuthen. Wie
sie unter Paul II. verhaftet wurden, erzählen Infessura (Eccard II,
Col. 1893), Platina, p. 317, etc.
2) L. B. Alberti: de Porcaria coniuratione, bei Murat. XXV.
Col. 309 seqq.
-- P. wollte: omnem pontificiam turbam fun-
ditus exstinguere.
Der Autor schließt: Video sane, quo stent
loco res Italiae; intelligo, qui sint, quibus hic perturbata esse
omnia conducat
... Er nennt sie: extrinsecos impulsores
und meint, Porcari werde noch Nachfolger seiner Missethat finden.
P.'s eigene Phantasien glichen freilich denjenigen des Cola Rienzi.

des Papſtthums ſelber. Schon indem daſſelbe jetzt weſent-1. Abſchnitt.
lich im Geiſt eines weltlichen italieniſchen Fürſtenthums
lebte und handelte, mußte es auch die düſtern Momente
eines ſolchen kennen lernen; ſeine eigenthümliche Natur aber
brachte noch ganz beſondere Schatten hinein.

Was zunächſt die Stadt Rom betrifft, ſo hat man vonDie
Stadt Rom un-
ter Nicolaus V.

jeher dergleichen gethan, als ob man ihre Aufwallungen
wenig fürchte, da ſo mancher durch Volkstumult vertriebene
Papſt wieder zurückgekehrt ſei und die Römer um ihres
eigenen Intereſſes willen die Gegenwart der Curie wünſchen
mußten. Allein Rom entwickelte nicht nur zu Zeiten einen
ſpecifiſch antipäpſtlichen Radicalismus 1), ſondern es zeigte
ſich auch mitten in den bedenklichſten Complotten die Wir-
kung unſichtbarer Hände von außen. So bei der Ver-
ſchwörung des Stefano Porcari gegen denjenigen Papſt,
welcher gerade der Stadt Rom die größten Vortheile ge-
währt hatte, Nicolaus V. (1453). Porcari bezweckte einen
Umſturz der päpſtlichen Herrſchaft überhaupt und hatte
dabei große Mitwiſſer, die zwar nicht genannt werden 2),
ſicher aber unter den italieniſchen Regierungen zu ſuchen
ſind. Unter demſelben Pontificat ſchloß Lorenzo Valla
ſeine berühmte Declamation gegen die Schenkung Conſtan-

1) Bei jenen Ketzern aus der Campagna, von Poli, welche glaubten,
ein rechter Papſt müßte die Armuth Chriſti zum Kennzeichen haben,
darf man dagegen ein einfaches Waldenſerthum vermuthen. Wie
ſie unter Paul II. verhaftet wurden, erzählen Infessura (Eccard II,
Col. 1893), Platina, p. 317, etc.
2) L. B. Alberti: de Porcaria coniuratione, bei Murat. XXV.
Col. 309 seqq.
— P. wollte: omnem pontificiam turbam fun-
ditus exstinguere.
Der Autor ſchließt: Video sane, quo stent
loco res Italiæ; intelligo, qui sint, quibus hic perturbata esse
omnia conducat
… Er nennt ſie: extrinsecos impulsores
und meint, Porcari werde noch Nachfolger ſeiner Miſſethat finden.
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[105/0115] des Papſtthums ſelber. Schon indem daſſelbe jetzt weſent- lich im Geiſt eines weltlichen italieniſchen Fürſtenthums lebte und handelte, mußte es auch die düſtern Momente eines ſolchen kennen lernen; ſeine eigenthümliche Natur aber brachte noch ganz beſondere Schatten hinein. 1. Abſchnitt. Was zunächſt die Stadt Rom betrifft, ſo hat man von jeher dergleichen gethan, als ob man ihre Aufwallungen wenig fürchte, da ſo mancher durch Volkstumult vertriebene Papſt wieder zurückgekehrt ſei und die Römer um ihres eigenen Intereſſes willen die Gegenwart der Curie wünſchen mußten. Allein Rom entwickelte nicht nur zu Zeiten einen ſpecifiſch antipäpſtlichen Radicalismus 1), ſondern es zeigte ſich auch mitten in den bedenklichſten Complotten die Wir- kung unſichtbarer Hände von außen. So bei der Ver- ſchwörung des Stefano Porcari gegen denjenigen Papſt, welcher gerade der Stadt Rom die größten Vortheile ge- währt hatte, Nicolaus V. (1453). Porcari bezweckte einen Umſturz der päpſtlichen Herrſchaft überhaupt und hatte dabei große Mitwiſſer, die zwar nicht genannt werden 2), ſicher aber unter den italieniſchen Regierungen zu ſuchen ſind. Unter demſelben Pontificat ſchloß Lorenzo Valla ſeine berühmte Declamation gegen die Schenkung Conſtan- Die Stadt Rom un- ter Nicolaus V. 1) Bei jenen Ketzern aus der Campagna, von Poli, welche glaubten, ein rechter Papſt müßte die Armuth Chriſti zum Kennzeichen haben, darf man dagegen ein einfaches Waldenſerthum vermuthen. Wie ſie unter Paul II. verhaftet wurden, erzählen Infessura (Eccard II, Col. 1893), Platina, p. 317, etc. 2) L. B. Alberti: de Porcaria coniuratione, bei Murat. XXV. Col. 309 seqq. — P. wollte: omnem pontificiam turbam fun- ditus exstinguere. Der Autor ſchließt: Video sane, quo stent loco res Italiæ; intelligo, qui sint, quibus hic perturbata esse omnia conducat … Er nennt ſie: extrinsecos impulsores und meint, Porcari werde noch Nachfolger ſeiner Miſſethat finden. P.'s eigene Phantaſien glichen freilich denjenigen des Cola Rienzi.

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Zitationshilfe: Burckhardt, Jacob: Die Cultur der Renaissance in Italien. Ein Versuch. Basel, 1860, S. 105. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/burckhardt_renaissance_1860/115>, abgerufen am 28.09.2020.