Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Brockes, Barthold Heinrich: Jrdisches Vergnügen in Gott. Bd. 2. Hamburg, 1727.

Bild:
<< vorherige Seite

Man findet immer mehr, die Lust wird immer grösser,
Je länger man sie sieht. Jch muß es selbst gestehn:
Jch hab' es gleichfalls nicht vorher gesehn,
Jch hab' es nicht geglaubt, daß sie so vielerley
Vergnügen hegeten, daß gar mit ihrer Zier
Auch uns're Freude wüchs' und jedes Gräsgen schier
An Anmut unerschöpflich sey;
Da man zuletzt mit Freuden in der That
Sich durchs Geschöpf zum Schöpfer naht.
Absonderlich hat GOtt in uns're Brust
Empfindlichkeit und Lust
Für Wechsel und Veränderung geleg't:
Doch die Gewohnheit, wie sie pfleg't,
Weiß auch so gar dieß herrliche Vergnügen
Bey Menschen, leider! zu besiegen.

Es ändert sich das nimmer stille Jahr,
Und bringt uns immer neuen Segen;
Man wird es aber nicht gewahr,
Weil wir die Aenderung der Zeiten nicht erwegen.
Lenz, Sommer, Herbst und Winter kommen
Durch's nah- und ferne Sonnen-Licht;
Weil aber alles dieß nur allgemach geschicht;
So wird es nicht in Acht genommen.
Hat GOtt gleich durch den Mond das Jahr selbst einge-
teilet;
So achtet man doch nicht darauf:
Nachdem dieß rege Licht bald zu bald von uns eilet;
Nimmt jeder Monat seinen Lauf:
Wir lassen ihn gelassen gehn,
Und, nicht viel besser als das Vieh,

Nimmt

Man findet immer mehr, die Luſt wird immer groͤſſer,
Je laͤnger man ſie ſieht. Jch muß es ſelbſt geſtehn:
Jch hab’ es gleichfalls nicht vorher geſehn,
Jch hab’ es nicht geglaubt, daß ſie ſo vielerley
Vergnuͤgen hegeten, daß gar mit ihrer Zier
Auch unſ’re Freude wuͤchſ’ und jedes Graͤsgen ſchier
An Anmut unerſchoͤpflich ſey;
Da man zuletzt mit Freuden in der That
Sich durchs Geſchoͤpf zum Schoͤpfer naht.
Abſonderlich hat GOtt in unſ’re Bruſt
Empfindlichkeit und Luſt
Fuͤr Wechſel und Veraͤnderung geleg’t:
Doch die Gewohnheit, wie ſie pfleg’t,
Weiß auch ſo gar dieß herrliche Vergnuͤgen
Bey Menſchen, leider! zu beſiegen.

Es aͤndert ſich das nimmer ſtille Jahr,
Und bringt uns immer neuen Segen;
Man wird es aber nicht gewahr,
Weil wir die Aenderung der Zeiten nicht erwegen.
Lenz, Sommer, Herbſt und Winter kommen
Durch’s nah- und ferne Sonnen-Licht;
Weil aber alles dieß nur allgemach geſchicht;
So wird es nicht in Acht genommen.
Hat GOtt gleich durch den Mond das Jahr ſelbſt einge-
teilet;
So achtet man doch nicht darauf:
Nachdem dieß rege Licht bald zu bald von uns eilet;
Nimmt jeder Monat ſeinen Lauf:
Wir laſſen ihn gelaſſen gehn,
Und, nicht viel beſſer als das Vieh,

Nimmt
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <lg n="63">
            <l><pb facs="#f0504" n="468"/>
Man findet immer mehr, die Lu&#x017F;t wird immer gro&#x0364;&#x017F;&#x017F;er,</l><lb/>
            <l>Je la&#x0364;nger man &#x017F;ie &#x017F;ieht. Jch muß es &#x017F;elb&#x017F;t ge&#x017F;tehn:</l><lb/>
            <l>Jch hab&#x2019; es gleichfalls nicht vorher ge&#x017F;ehn,</l><lb/>
            <l>Jch hab&#x2019; es nicht geglaubt, daß &#x017F;ie &#x017F;o vielerley</l><lb/>
            <l>Vergnu&#x0364;gen hegeten, daß gar mit ihrer Zier</l><lb/>
            <l>Auch un&#x017F;&#x2019;re Freude wu&#x0364;ch&#x017F;&#x2019; und jedes Gra&#x0364;sgen &#x017F;chier</l><lb/>
            <l>An Anmut uner&#x017F;cho&#x0364;pflich &#x017F;ey;</l><lb/>
            <l>Da man zuletzt mit Freuden in der That</l><lb/>
            <l>Sich durchs Ge&#x017F;cho&#x0364;pf zum Scho&#x0364;pfer naht.</l><lb/>
            <l>Ab&#x017F;onderlich hat GOtt in un&#x017F;&#x2019;re Bru&#x017F;t</l><lb/>
            <l>Empfindlichkeit und Lu&#x017F;t</l><lb/>
            <l>Fu&#x0364;r Wech&#x017F;el und Vera&#x0364;nderung geleg&#x2019;t:</l><lb/>
            <l>Doch die Gewohnheit, wie &#x017F;ie pfleg&#x2019;t,</l><lb/>
            <l>Weiß auch &#x017F;o gar dieß herrliche Vergnu&#x0364;gen</l><lb/>
            <l>Bey Men&#x017F;chen, leider! zu be&#x017F;iegen.</l>
          </lg><lb/>
          <lg n="64">
            <l>Es a&#x0364;ndert &#x017F;ich das nimmer &#x017F;tille Jahr,</l><lb/>
            <l>Und bringt uns immer neuen Segen;</l><lb/>
            <l>Man wird es aber nicht gewahr,</l><lb/>
            <l>Weil wir die Aenderung der Zeiten nicht erwegen.</l><lb/>
            <l>Lenz, Sommer, Herb&#x017F;t und Winter kommen</l><lb/>
            <l>Durch&#x2019;s nah- und ferne Sonnen-Licht;</l><lb/>
            <l>Weil aber alles dieß nur allgemach ge&#x017F;chicht;</l><lb/>
            <l>So wird es nicht in Acht genommen.</l>
          </lg><lb/>
          <lg n="65">
            <l>Hat GOtt gleich durch den Mond das Jahr &#x017F;elb&#x017F;t einge-</l><lb/>
            <l> <hi rendition="#et">teilet;</hi> </l><lb/>
            <l>So achtet man doch nicht darauf:</l><lb/>
            <l>Nachdem dieß rege Licht bald zu bald von uns eilet;</l><lb/>
            <l>Nimmt jeder Monat &#x017F;einen Lauf:</l><lb/>
            <l>Wir la&#x017F;&#x017F;en ihn gela&#x017F;&#x017F;en gehn,</l><lb/>
            <l>Und, nicht viel be&#x017F;&#x017F;er als das Vieh,</l><lb/>
            <l>
              <fw place="bottom" type="catch">Nimmt</fw><lb/>
            </l>
          </lg>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[468/0504] Man findet immer mehr, die Luſt wird immer groͤſſer, Je laͤnger man ſie ſieht. Jch muß es ſelbſt geſtehn: Jch hab’ es gleichfalls nicht vorher geſehn, Jch hab’ es nicht geglaubt, daß ſie ſo vielerley Vergnuͤgen hegeten, daß gar mit ihrer Zier Auch unſ’re Freude wuͤchſ’ und jedes Graͤsgen ſchier An Anmut unerſchoͤpflich ſey; Da man zuletzt mit Freuden in der That Sich durchs Geſchoͤpf zum Schoͤpfer naht. Abſonderlich hat GOtt in unſ’re Bruſt Empfindlichkeit und Luſt Fuͤr Wechſel und Veraͤnderung geleg’t: Doch die Gewohnheit, wie ſie pfleg’t, Weiß auch ſo gar dieß herrliche Vergnuͤgen Bey Menſchen, leider! zu beſiegen. Es aͤndert ſich das nimmer ſtille Jahr, Und bringt uns immer neuen Segen; Man wird es aber nicht gewahr, Weil wir die Aenderung der Zeiten nicht erwegen. Lenz, Sommer, Herbſt und Winter kommen Durch’s nah- und ferne Sonnen-Licht; Weil aber alles dieß nur allgemach geſchicht; So wird es nicht in Acht genommen. Hat GOtt gleich durch den Mond das Jahr ſelbſt einge- teilet; So achtet man doch nicht darauf: Nachdem dieß rege Licht bald zu bald von uns eilet; Nimmt jeder Monat ſeinen Lauf: Wir laſſen ihn gelaſſen gehn, Und, nicht viel beſſer als das Vieh, Nimmt

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/brockes_vergnuegen02_1727
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/brockes_vergnuegen02_1727/504
Zitationshilfe: Brockes, Barthold Heinrich: Jrdisches Vergnügen in Gott. Bd. 2. Hamburg, 1727, S. 468. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/brockes_vergnuegen02_1727/504>, abgerufen am 21.09.2020.