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Börne, Ludwig: Briefe aus Paris. Bd. 5. Paris, 1834.

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gemacht. Aber Dücis ist kein einzelner Mensch, er
ist ein Volk, er ist Frankreich und das Frankreich
des achtzehenten Jahrhunderts, wo die Philosophie
der Kunst und jede Wissenschaft in der schönsten
Blüthe stand. Es reicht nicht aus zu sagen, Dücis
habe den Shakespeare französirt -- nein. Er hat
brittische Formen, welche mit französischen Sitten im
Widerspruche standen, geändert; sonst aber hat er
den Shakespeare ganz wiedergegeben, wie er ihn
gefunden. Aber seine Augen? Hat er denn nicht
mehr gelesen? Nein was sind Augen? die Diener
des Geistes; sie sehen nicht mehr und nicht anders,
als was ihnen ihr Herr zu sehen befiehlt.

Dücis Hamlet sieht auch den Geist seines Va¬
ters; aber nur er allein, der Zuschauer nicht. Daß
man mit rothen Backen und einem guten Magen
Geister sehen könne, davon hat ein Franzose keine
Vorstellung. Also ist Hamlet verrückt und weil der
Wahnsinn eine körperliche Krankheit immer zur Ur¬
sache oder Folge hat, ist Hamlet auch krank. Das
ist nun schauderhaft zu sehen. Hamlet trägt einen
schwarzen Ueberrock, ist leichenblaß, hat ein wahres
Choleragesicht, schreit wie besessen und fällt alle fünf
Minuten in Ohnmacht. Wie nur der Lehnstuhl nicht
brach unter den vielen Ohnmachten, denn Hamlet fiel
immer mit seinem ganzen Gewichte hinein? Sein
Freund und Vertrauter sucht ihm seine Einbildung

gemacht. Aber Dücis iſt kein einzelner Menſch, er
iſt ein Volk, er iſt Frankreich und das Frankreich
des achtzehenten Jahrhunderts, wo die Philoſophie
der Kunſt und jede Wiſſenſchaft in der ſchönſten
Blüthe ſtand. Es reicht nicht aus zu ſagen, Dücis
habe den Shakespeare franzöſirt — nein. Er hat
brittiſche Formen, welche mit franzöſiſchen Sitten im
Widerſpruche ſtanden, geändert; ſonſt aber hat er
den Shakespeare ganz wiedergegeben, wie er ihn
gefunden. Aber ſeine Augen? Hat er denn nicht
mehr geleſen? Nein was ſind Augen? die Diener
des Geiſtes; ſie ſehen nicht mehr und nicht anders,
als was ihnen ihr Herr zu ſehen befiehlt.

Dücis Hamlet ſieht auch den Geiſt ſeines Va¬
ters; aber nur er allein, der Zuſchauer nicht. Daß
man mit rothen Backen und einem guten Magen
Geiſter ſehen könne, davon hat ein Franzoſe keine
Vorſtellung. Alſo iſt Hamlet verrückt und weil der
Wahnſinn eine körperliche Krankheit immer zur Ur¬
ſache oder Folge hat, iſt Hamlet auch krank. Das
iſt nun ſchauderhaft zu ſehen. Hamlet trägt einen
ſchwarzen Ueberrock, iſt leichenblaß, hat ein wahres
Cholerageſicht, ſchreit wie beſeſſen und fällt alle fünf
Minuten in Ohnmacht. Wie nur der Lehnſtuhl nicht
brach unter den vielen Ohnmachten, denn Hamlet fiel
immer mit ſeinem ganzen Gewichte hinein? Sein
Freund und Vertrauter ſucht ihm ſeine Einbildung

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[59/0071] gemacht. Aber Dücis iſt kein einzelner Menſch, er iſt ein Volk, er iſt Frankreich und das Frankreich des achtzehenten Jahrhunderts, wo die Philoſophie der Kunſt und jede Wiſſenſchaft in der ſchönſten Blüthe ſtand. Es reicht nicht aus zu ſagen, Dücis habe den Shakespeare franzöſirt — nein. Er hat brittiſche Formen, welche mit franzöſiſchen Sitten im Widerſpruche ſtanden, geändert; ſonſt aber hat er den Shakespeare ganz wiedergegeben, wie er ihn gefunden. Aber ſeine Augen? Hat er denn nicht mehr geleſen? Nein was ſind Augen? die Diener des Geiſtes; ſie ſehen nicht mehr und nicht anders, als was ihnen ihr Herr zu ſehen befiehlt. Dücis Hamlet ſieht auch den Geiſt ſeines Va¬ ters; aber nur er allein, der Zuſchauer nicht. Daß man mit rothen Backen und einem guten Magen Geiſter ſehen könne, davon hat ein Franzoſe keine Vorſtellung. Alſo iſt Hamlet verrückt und weil der Wahnſinn eine körperliche Krankheit immer zur Ur¬ ſache oder Folge hat, iſt Hamlet auch krank. Das iſt nun ſchauderhaft zu ſehen. Hamlet trägt einen ſchwarzen Ueberrock, iſt leichenblaß, hat ein wahres Cholerageſicht, ſchreit wie beſeſſen und fällt alle fünf Minuten in Ohnmacht. Wie nur der Lehnſtuhl nicht brach unter den vielen Ohnmachten, denn Hamlet fiel immer mit ſeinem ganzen Gewichte hinein? Sein Freund und Vertrauter ſucht ihm ſeine Einbildung

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Zitationshilfe: Börne, Ludwig: Briefe aus Paris. Bd. 5. Paris, 1834, S. 59. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/boerne_paris05_1834/71>, abgerufen am 19.04.2019.