Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Börne, Ludwig: Briefe aus Paris. Bd. 5. Paris, 1834.

Bild:
<< vorherige Seite

Ich habe die Xenien gelesen und habe mich sehr
daran ergötzt. Die Hauptsache ist jetzt, die schläfri¬
gen Deutschen wach zu erhalten, sei es durch Kaffe
oder Schnupftaback, sei es durch singen oder schreien
-- gleichviel; nur daß sie nicht einschlafen. Schla¬
fend durch die Pontinischen Sümpfe zu reisen, soll
lebensgefährlich sein. Viele Xenien haben mir unge¬
mein gut gefallen, besonders die über mich -- ver¬
steht sich. Grob sind sie freilich alle, grobianißimo.
Aber was liegt daran, wie eine Katze die Mäuse
abthut, wenn wir sie dadurch los werden? Auch
hat ja der Dichter sehr gut erklärt warum die Gra¬
zien ausgeblieben. Aber seine hebräischen Späße sind
entsetzlich einfältig. Das war wohl die Vermögens¬
steuer des Frankfurter Bürgers, und der Mann hat
sich aus Eitelkeit für dümmer angegeben als er ist.
Er mag sich hüten, daß Heine nicht über ihn kömmt,
er mag seine Nachtmütze nur recht tief über die Au¬
gen herunterziehen. Erinnern Sie sich:


Ich habe die Xenien geleſen und habe mich ſehr
daran ergötzt. Die Hauptſache iſt jetzt, die ſchläfri¬
gen Deutſchen wach zu erhalten, ſei es durch Kaffe
oder Schnupftaback, ſei es durch ſingen oder ſchreien
— gleichviel; nur daß ſie nicht einſchlafen. Schla¬
fend durch die Pontiniſchen Sümpfe zu reiſen, ſoll
lebensgefährlich ſein. Viele Xenien haben mir unge¬
mein gut gefallen, beſonders die über mich — ver¬
ſteht ſich. Grob ſind ſie freilich alle, grobianißimo.
Aber was liegt daran, wie eine Katze die Mäuſe
abthut, wenn wir ſie dadurch los werden? Auch
hat ja der Dichter ſehr gut erklärt warum die Gra¬
zien ausgeblieben. Aber ſeine hebräiſchen Späße ſind
entſetzlich einfältig. Das war wohl die Vermögens¬
ſteuer des Frankfurter Bürgers, und der Mann hat
ſich aus Eitelkeit für dümmer angegeben als er iſt.
Er mag ſich hüten, daß Heine nicht über ihn kömmt,
er mag ſeine Nachtmütze nur recht tief über die Au¬
gen herunterziehen. Erinnern Sie ſich:

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <pb facs="#f0181" n="169"/>
        <div>
          <dateline rendition="#right">Freitag, den 4. Januar.</dateline><lb/>
          <p>Ich habe die Xenien gele&#x017F;en und habe mich &#x017F;ehr<lb/>
daran ergötzt. Die Haupt&#x017F;ache i&#x017F;t jetzt, die &#x017F;chläfri¬<lb/>
gen Deut&#x017F;chen wach zu erhalten, &#x017F;ei es durch Kaffe<lb/>
oder Schnupftaback, &#x017F;ei es durch &#x017F;ingen oder &#x017F;chreien<lb/>
&#x2014; gleichviel; nur daß &#x017F;ie nicht ein&#x017F;chlafen. Schla¬<lb/>
fend durch die Pontini&#x017F;chen Sümpfe zu rei&#x017F;en, &#x017F;oll<lb/>
lebensgefährlich &#x017F;ein. Viele Xenien haben mir unge¬<lb/>
mein gut gefallen, be&#x017F;onders die über mich &#x2014; ver¬<lb/>
&#x017F;teht &#x017F;ich. Grob &#x017F;ind &#x017F;ie freilich alle, grobianißimo.<lb/>
Aber was liegt daran, wie eine Katze die Mäu&#x017F;e<lb/>
abthut, wenn wir &#x017F;ie dadurch los werden? Auch<lb/>
hat ja der Dichter &#x017F;ehr gut erklärt warum die Gra¬<lb/>
zien ausgeblieben. Aber &#x017F;eine hebräi&#x017F;chen Späße &#x017F;ind<lb/>
ent&#x017F;etzlich einfältig. Das war wohl die Vermögens¬<lb/>
&#x017F;teuer des Frankfurter Bürgers, und der Mann hat<lb/>
&#x017F;ich aus Eitelkeit für dümmer angegeben als er i&#x017F;t.<lb/>
Er mag &#x017F;ich hüten, daß Heine nicht über ihn kömmt,<lb/>
er mag &#x017F;eine Nachtmütze nur recht tief über die Au¬<lb/>
gen herunterziehen. Erinnern Sie &#x017F;ich:</p><lb/>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[169/0181] Freitag, den 4. Januar. Ich habe die Xenien geleſen und habe mich ſehr daran ergötzt. Die Hauptſache iſt jetzt, die ſchläfri¬ gen Deutſchen wach zu erhalten, ſei es durch Kaffe oder Schnupftaback, ſei es durch ſingen oder ſchreien — gleichviel; nur daß ſie nicht einſchlafen. Schla¬ fend durch die Pontiniſchen Sümpfe zu reiſen, ſoll lebensgefährlich ſein. Viele Xenien haben mir unge¬ mein gut gefallen, beſonders die über mich — ver¬ ſteht ſich. Grob ſind ſie freilich alle, grobianißimo. Aber was liegt daran, wie eine Katze die Mäuſe abthut, wenn wir ſie dadurch los werden? Auch hat ja der Dichter ſehr gut erklärt warum die Gra¬ zien ausgeblieben. Aber ſeine hebräiſchen Späße ſind entſetzlich einfältig. Das war wohl die Vermögens¬ ſteuer des Frankfurter Bürgers, und der Mann hat ſich aus Eitelkeit für dümmer angegeben als er iſt. Er mag ſich hüten, daß Heine nicht über ihn kömmt, er mag ſeine Nachtmütze nur recht tief über die Au¬ gen herunterziehen. Erinnern Sie ſich:

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde von OCR-Software automatisch erfasst und anschließend gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien von Muttersprachlern nachkontrolliert. Es wurde gemäß dem DTA-Basisformat in XML/TEI P5 kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/boerne_paris05_1834
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/boerne_paris05_1834/181
Zitationshilfe: Börne, Ludwig: Briefe aus Paris. Bd. 5. Paris, 1834, S. 169. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/boerne_paris05_1834/181>, abgerufen am 24.04.2019.