Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Bluntschli, Johann Caspar: Allgemeine Statslehre. Stuttgart, 1875.

Bild:
<< vorherige Seite
Erstes Buch.
Der Statsbegriff.


Erstes Capitel.
Statsbegriff und Statsidee. Der allgemeine Statsbegriff.

Der Statsbegriff erkennt und bestimmt die Natur und
die wesentlichen Eigenschaften wirklicher Staten. Die Stats-
idee
zeigt das Bild des noch nicht verwirklichten, aber an-
zustrebenden States in dem leuchtenden Glanze gedachter
Vollkommenheit. Der Statsbegriff kann nur durch geschicht-
liche Prüfung gefunden werden; die Statsidee wird von der
philosophischen Speculation erschaut. Der allgemeine Stats-
begriff wird erkannt, wenn man die vielen wirklichen Staten,
welche die Weltgeschichte hervorgebracht hat, überschaut und
die gemeinsamen Merkmale aufsucht. Die höchste Statsidee
wird geschaut, wenn die Anlage der Menschennatur zum State
erwogen und die höchste denkbare und mögliche Entwicklung
dieser Anlage als statliches Ziel der Menschheit betrachtet wird.

Wenn wir die grosze Anzahl von Staten überblicken,
welche uns die Geschichte vor die Augen führt, so werden
wir einzelne gemeinsame Merkmale aller Staten sofort gewahr,
andere aber stellen sich erst bei näherer Prüfung heraus.

1. Vorerst ist es klar, dasz in jedem State eine Masse
von Menschen
verbunden ist. So sehr verschieden auch

Erstes Buch.
Der Statsbegriff.


Erstes Capitel.
Statsbegriff und Statsidee. Der allgemeine Statsbegriff.

Der Statsbegriff erkennt und bestimmt die Natur und
die wesentlichen Eigenschaften wirklicher Staten. Die Stats-
idee
zeigt das Bild des noch nicht verwirklichten, aber an-
zustrebenden States in dem leuchtenden Glanze gedachter
Vollkommenheit. Der Statsbegriff kann nur durch geschicht-
liche Prüfung gefunden werden; die Statsidee wird von der
philosophischen Speculation erschaut. Der allgemeine Stats-
begriff wird erkannt, wenn man die vielen wirklichen Staten,
welche die Weltgeschichte hervorgebracht hat, überschaut und
die gemeinsamen Merkmale aufsucht. Die höchste Statsidee
wird geschaut, wenn die Anlage der Menschennatur zum State
erwogen und die höchste denkbare und mögliche Entwicklung
dieser Anlage als statliches Ziel der Menschheit betrachtet wird.

Wenn wir die grosze Anzahl von Staten überblicken,
welche uns die Geschichte vor die Augen führt, so werden
wir einzelne gemeinsame Merkmale aller Staten sofort gewahr,
andere aber stellen sich erst bei näherer Prüfung heraus.

1. Vorerst ist es klar, dasz in jedem State eine Masse
von Menschen
verbunden ist. So sehr verschieden auch

<TEI>
  <text>
    <body>
      <pb facs="#f0032" n="[14]"/>
      <div n="1">
        <head>Erstes Buch.<lb/><hi rendition="#g">Der Statsbegriff</hi>.</head><lb/>
        <milestone rendition="#hr" unit="section"/>
        <div n="2">
          <head>Erstes Capitel.<lb/><hi rendition="#b">Statsbegriff und Statsidee. Der allgemeine Statsbegriff.</hi></head><lb/>
          <p>Der <hi rendition="#g">Statsbegriff</hi> erkennt und bestimmt die Natur und<lb/>
die wesentlichen Eigenschaften wirklicher Staten. Die <hi rendition="#g">Stats-<lb/>
idee</hi> zeigt das Bild des noch nicht verwirklichten, aber an-<lb/>
zustrebenden States in dem leuchtenden Glanze gedachter<lb/>
Vollkommenheit. Der Statsbegriff kann nur durch geschicht-<lb/>
liche Prüfung gefunden werden; die Statsidee wird von der<lb/>
philosophischen Speculation erschaut. Der allgemeine Stats-<lb/>
begriff wird erkannt, wenn man die vielen wirklichen Staten,<lb/>
welche die Weltgeschichte hervorgebracht hat, überschaut und<lb/>
die gemeinsamen Merkmale aufsucht. Die höchste Statsidee<lb/>
wird geschaut, wenn die Anlage der Menschennatur zum State<lb/>
erwogen und die höchste denkbare und mögliche Entwicklung<lb/>
dieser Anlage als statliches Ziel der Menschheit betrachtet wird.</p><lb/>
          <p>Wenn wir die grosze Anzahl von Staten überblicken,<lb/>
welche uns die Geschichte vor die Augen führt, so werden<lb/>
wir einzelne gemeinsame Merkmale aller Staten sofort gewahr,<lb/>
andere aber stellen sich erst bei näherer Prüfung heraus.</p><lb/>
          <p>1. Vorerst ist es klar, dasz in jedem State eine <hi rendition="#g">Masse<lb/>
von Menschen</hi> verbunden ist. So sehr verschieden auch<lb/></p>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[[14]/0032] Erstes Buch. Der Statsbegriff. Erstes Capitel. Statsbegriff und Statsidee. Der allgemeine Statsbegriff. Der Statsbegriff erkennt und bestimmt die Natur und die wesentlichen Eigenschaften wirklicher Staten. Die Stats- idee zeigt das Bild des noch nicht verwirklichten, aber an- zustrebenden States in dem leuchtenden Glanze gedachter Vollkommenheit. Der Statsbegriff kann nur durch geschicht- liche Prüfung gefunden werden; die Statsidee wird von der philosophischen Speculation erschaut. Der allgemeine Stats- begriff wird erkannt, wenn man die vielen wirklichen Staten, welche die Weltgeschichte hervorgebracht hat, überschaut und die gemeinsamen Merkmale aufsucht. Die höchste Statsidee wird geschaut, wenn die Anlage der Menschennatur zum State erwogen und die höchste denkbare und mögliche Entwicklung dieser Anlage als statliches Ziel der Menschheit betrachtet wird. Wenn wir die grosze Anzahl von Staten überblicken, welche uns die Geschichte vor die Augen führt, so werden wir einzelne gemeinsame Merkmale aller Staten sofort gewahr, andere aber stellen sich erst bei näherer Prüfung heraus. 1. Vorerst ist es klar, dasz in jedem State eine Masse von Menschen verbunden ist. So sehr verschieden auch

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/bluntschli_staatslehre_1875
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/bluntschli_staatslehre_1875/32
Zitationshilfe: Bluntschli, Johann Caspar: Allgemeine Statslehre. Stuttgart, 1875, S. [14]. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/bluntschli_staatslehre_1875/32>, abgerufen am 18.09.2019.