Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Bergmann, Ernst von: Die Schicksale der Transfusion im letzten Decennium. Rede, gehalten zur Feier des Stiftungstages der militär-ärztlichen Bildungsanstalten am 2. August 1883. Berlin, 1883.

Bild:
<< vorherige Seite


welche gestützt auf die staunenswerthen Kuren Hasse's
ein Lieblingsmittel der Aerzte geworden waren und aller
Orten ihre Wiederholung fanden. Es ist kaum glaublich, wie
zäh man noch bis zum Schlusse des eben verflossenen
Jahrzehends an ihnen hing, obgleich schon die ersten Fälle, in
denen sie zur Anwendung kamen, uns hätten von ihrer
Gefährlichkeit und Schädlichkeit überzeugen sollen. Jedesmal
nämlich nach diesen Transfusionen mit Lamm- oder
Hundeblut folgte bei den Patienten ein Schüttelfrost mit
viele Stunden anhaltender Temperaturerhöhung und
Entleerung eines Blutfarbstoff enthaltenden Urins10) . Von
beiden Erscheinungen wissen wir jetzt, was damals nur von
der Hämaglobinurie bekannt war, dass sie Folgen der
Auflösung von Blutkörperchen innerhalb des kreisenden Blutes
sind.

Kaum vermögen wir heute, nachdem doch so wenig
Jahre erst darüber hingegangen sind, zu verstehen, wie man
sich über die Beobachtung so schwerer Störungen und über
die schon von Panum gebrachten Erfahrungen, von der
Gefährlichkeit der Transfusion mit fremdartigem Blute
hinwegsetzen konnte, einzig und allein desswegen, weil eine
und die andere Lammbluttransfusion erfolgreich schien, oder
richtiger und genauer ausgedrückt, den ihr unterworfenen
Patienten gerade nicht umgebracht hatte. An der Geschichte
dieser Transfusionen kann man lernen, wie wenig
Werth ein ärztlicher Erfolg dann hat, wenn er unvermittelt
dasteht, unerkannt, und unverstanden in seinen Bedingungen
und seinem Zusammenhange, ungestützt von den allein
sicheren Grundlagen unseres physiologischen Wissens!


welche gestützt auf die staunenswerthen Kuren Hasse's
ein Lieblingsmittel der Aerzte geworden waren und aller
Orten ihre Wiederholung fanden. Es ist kaum glaublich, wie
zäh man noch bis zum Schlusse des eben verflossenen
Jahrzehends an ihnen hing, obgleich schon die ersten Fälle, in
denen sie zur Anwendung kamen, uns hätten von ihrer
Gefährlichkeit und Schädlichkeit überzeugen sollen. Jedesmal
nämlich nach diesen Transfusionen mit Lamm- oder
Hundeblut folgte bei den Patienten ein Schüttelfrost mit
viele Stunden anhaltender Temperaturerhöhung und
Entleerung eines Blutfarbstoff enthaltenden Urins10) . Von
beiden Erscheinungen wissen wir jetzt, was damals nur von
der Hämaglobinurie bekannt war, dass sie Folgen der
Auflösung von Blutkörperchen innerhalb des kreisenden Blutes
sind.

Kaum vermögen wir heute, nachdem doch so wenig
Jahre erst darüber hingegangen sind, zu verstehen, wie man
sich über die Beobachtung so schwerer Störungen und über
die schon von Panum gebrachten Erfahrungen, von der
Gefährlichkeit der Transfusion mit fremdartigem Blute
hinwegsetzen konnte, einzig und allein desswegen, weil eine
und die andere Lammbluttransfusion erfolgreich schien, oder
richtiger und genauer ausgedrückt, den ihr unterworfenen
Patienten gerade nicht umgebracht hatte. An der Geschichte
dieser Transfusionen kann man lernen, wie wenig
Werth ein ärztlicher Erfolg dann hat, wenn er unvermittelt
dasteht, unerkannt, und unverstanden in seinen Bedingungen
und seinem Zusammenhange, ungestützt von den allein
sicheren Grundlagen unseres physiologischen Wissens!

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div>
        <p><pb facs="#f0013" n="13"/><lb/>
welche gestützt auf die staunenswerthen Kuren Hasse's<lb/>
ein Lieblingsmittel der Aerzte geworden waren und aller<lb/>
Orten ihre Wiederholung fanden. Es ist kaum glaublich, wie<lb/>
zäh man noch bis zum Schlusse des eben verflossenen<lb/>
Jahrzehends an ihnen hing, obgleich schon die ersten Fälle, in<lb/>
denen sie zur Anwendung kamen, uns hätten von ihrer<lb/>
Gefährlichkeit und Schädlichkeit überzeugen sollen. Jedesmal<lb/>
nämlich nach diesen Transfusionen mit Lamm- oder<lb/>
Hundeblut folgte bei den Patienten ein Schüttelfrost mit<lb/>
viele Stunden anhaltender Temperaturerhöhung und<lb/>
Entleerung eines Blutfarbstoff enthaltenden Urins<note xml:id="note-n-10" next="#note-10" place="end" n="10)"/> . Von<lb/>
beiden Erscheinungen wissen wir jetzt, was damals nur von<lb/>
der Hämaglobinurie bekannt war, dass sie Folgen der<lb/>
Auflösung von Blutkörperchen innerhalb des kreisenden Blutes<lb/>
sind. </p>
        <p>Kaum vermögen wir heute, nachdem doch so wenig<lb/>
Jahre erst darüber hingegangen sind, zu verstehen, wie man<lb/>
sich über die Beobachtung so schwerer Störungen und über<lb/>
die schon von Panum gebrachten Erfahrungen, von der<lb/>
Gefährlichkeit der Transfusion mit fremdartigem Blute<lb/>
hinwegsetzen konnte, einzig und allein desswegen, weil eine<lb/>
und die andere Lammbluttransfusion erfolgreich schien, oder<lb/>
richtiger und genauer ausgedrückt, den ihr unterworfenen<lb/>
Patienten gerade nicht umgebracht hatte. An der Geschichte<lb/>
dieser Transfusionen kann man lernen, wie wenig<lb/>
Werth ein ärztlicher Erfolg dann hat, wenn er unvermittelt<lb/>
dasteht, unerkannt, und unverstanden in seinen Bedingungen<lb/>
und seinem Zusammenhange, ungestützt von den allein<lb/>
sicheren Grundlagen unseres physiologischen Wissens! </p>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[13/0013] welche gestützt auf die staunenswerthen Kuren Hasse's ein Lieblingsmittel der Aerzte geworden waren und aller Orten ihre Wiederholung fanden. Es ist kaum glaublich, wie zäh man noch bis zum Schlusse des eben verflossenen Jahrzehends an ihnen hing, obgleich schon die ersten Fälle, in denen sie zur Anwendung kamen, uns hätten von ihrer Gefährlichkeit und Schädlichkeit überzeugen sollen. Jedesmal nämlich nach diesen Transfusionen mit Lamm- oder Hundeblut folgte bei den Patienten ein Schüttelfrost mit viele Stunden anhaltender Temperaturerhöhung und Entleerung eines Blutfarbstoff enthaltenden Urins ¹⁰⁾ . Von beiden Erscheinungen wissen wir jetzt, was damals nur von der Hämaglobinurie bekannt war, dass sie Folgen der Auflösung von Blutkörperchen innerhalb des kreisenden Blutes sind. Kaum vermögen wir heute, nachdem doch so wenig Jahre erst darüber hingegangen sind, zu verstehen, wie man sich über die Beobachtung so schwerer Störungen und über die schon von Panum gebrachten Erfahrungen, von der Gefährlichkeit der Transfusion mit fremdartigem Blute hinwegsetzen konnte, einzig und allein desswegen, weil eine und die andere Lammbluttransfusion erfolgreich schien, oder richtiger und genauer ausgedrückt, den ihr unterworfenen Patienten gerade nicht umgebracht hatte. An der Geschichte dieser Transfusionen kann man lernen, wie wenig Werth ein ärztlicher Erfolg dann hat, wenn er unvermittelt dasteht, unerkannt, und unverstanden in seinen Bedingungen und seinem Zusammenhange, ungestützt von den allein sicheren Grundlagen unseres physiologischen Wissens!

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde im Rahmen des Moduls DTA-Erweiterungen (DTAE) digitalisiert. Weitere Informationen …

Matthias Schulz, Thomas Gloning: Bereitstellung der Texttranskription nach XML/TEI gemäß DTA-Basisformat. (2011-07-20T12:00:00Z)

Weitere Informationen:

  • Die Sperrungen des Originals wurden nicht übernommen.
  • Silbentrennungen über Seitengrenzen hinweg werden beibehalten.



Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/bergmann_transfusion_1883
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/bergmann_transfusion_1883/13
Zitationshilfe: Bergmann, Ernst von: Die Schicksale der Transfusion im letzten Decennium. Rede, gehalten zur Feier des Stiftungstages der militär-ärztlichen Bildungsanstalten am 2. August 1883. Berlin, 1883, S. 13. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/bergmann_transfusion_1883/13>, abgerufen am 22.11.2019.